Wien. Ein Achtjähriger liegt am Boden, vor sich ein Heft mit der Rechenaufgabe (3+10). Im Nebenraum ist eine Sechsjährige damit beschäftigt, 2548, 3664 und 3749 zu addieren. Das ist viel zu schwer? In der Montessori-Schule Hütteldorf ist nichts so wie in einer Regelschule.
Jedes Kind findet seine ganz persönliche Lernstellung: Manche sitzen auf Bällen, auf Sesseln, andere knien, kauern, liegen auf dem Boden. So individuell wie die Lernposition ist auch der Lerngegenstand. Während die einen lesen oder schreiben, rechnen andere. Hier wird ein offener Unterricht gepflegt, was bedeutet: Jeder bekommt Aufgaben, die seinem Lerntempo und Wissensstand entsprechen.
Der achtjährige Bub braucht nicht lange, um die richtige Lösung zu finden: 169. Zuvor hat er dazu aus kariertem Papier zwei Quadrate (zehn mal zehn Zentimeter und drei mal drei Zentimeter) sowie zwei Rechtecke (je drei mal zehn Zentimeter) ausgeschnitten und in sein Heft eingeklebt. Über den Zwischenschritt 30 und 30 und 100 und neun kommt er zum richtigen Ergebnis.
Rechnen als Tauschprozess
Das sechsjährige Mädchen ist damit beschäftigt, sich zunächst von einem Regal die den Zahlen entsprechenden Tausender- und Hunderterblöcke, Zehnerstäbe und einzelnen Kügelchen zu holen. Dann beginnt ein stufenweiser Tauschprozess: Einzelne Kügelchen müssen in Zehnerstreifen, Zehnerstäbe in Hunderterblöcke und diese schließlich in Tausenderblöcke umgetauscht werden. Am Ende zählt das Mädchen die Kügelchen und schreibt das Ergebnis unter die Einerzahlen, die Anzahl der Zehnerreihen an die Zehnerstelle und so weiter. Das Ergebnis stimmt am Ende nicht ganz: Beim Umtauschen von zehn Hunderterblöcken hat es vergessen, den Tausenderblock vom Regal zu seinem Arbeitsplatz am Boden mitzunehmen.
Barbara Stifter, Klassenlehrerin dieser Gruppe, in der Schüler der ersten drei Lernjahre gemeinsam unterrichtet werden, sowie Direktorin der Montessori-Volksschule Hütteldorf, berichtigt das Mädchen allerdings nicht. „Hier geht es um den Tauschprozess und sie hat das heute zum ersten Mal gemacht. Ist das Kind älter, sagt man dann, geh doch noch einmal nachzählen oder schau dir das noch einmal an. Es muss immer der richtige Zeitpunkt sein.“
Egal, ob am Ende die Tausenderstelle richtig oder falsch ausgefallen ist: eine Schulanfängerin, die mit Zahlen im Tausenderbereich operiert? „Kinder, die bereits im Kinderhaus waren, können schon vor Eintritt in die Schule lesen, schreiben, rechnen“, betont Stifter. Bereits im Kinderhaus – dem Montessori-Kindergarten – können sich die Allerkleinsten mit den entsprechenden Materialien die Kulturtechniken also beibringen.
Doch auch Kinder, die noch nicht mit dieser Lernmethode vertraut sind, sind an ihrer Schule herzlich willkommen, betont Stifter. Den Vorteil sieht sie darin, dass hier jedes Kind seiner Entwicklung entsprechend unterrichtet werden kann. Ob hochbegabt oder entwicklungsverzögert, hier kommt niemand zu kurz, hier macht allen Lernen Spaß.
Doch nicht alles macht immer Spaß und wer am liebsten schreibt, darf dennoch nicht das Rechnen einfach außer Acht lassen. Daher wird an Montessori-Einrichtungen täglich genau dokumentiert, was welches Kind wann macht. So behalten die Pädagogen – jede Gruppe wird von zwei Lehrern betreut – den Überblick und Kinder können Unliebsames nicht einfach gänzlich streichen.
Aber grundsätzlich gilt, so Stifter: „Alle Kinder wollen lernen. Sie haben ein natürliches Interesse zu lernen, zu beobachten. Wenn die Rahmenbedingungen passen, sind alle Kinder bereit zu arbeiten.“ Die Pädagogik müsse sich am Kind orientieren – nicht am Lehrplan.
Größere helfen Kleineren
Eines der großen Leitthemen: das Anleiten zur Selbstständigkeit. Zum einen ist da das Erarbeiten von Lernstoff, zum anderen aber auch das Decken des Mittagstisches, das Verantwortungübernehmen für Tiere. So zwitschern, während die Buben und Mädchen allesamt konzentriert in ihre Aufgaben vertieft sind, Zebrafinken aufgeregt vor sich hin. Ameisen gilt es ebenso mit Futter zu versorgen wie Meerschweinchen. Und auch der Garten muss gepflegt werden.
Hier helfen die Größeren den Kleineren ebenso wie beim Zurechtfinden in den neuen Strukturen. „Es gibt sehr klare Regeln für den Ablauf.“ Die Kinder erlernen diese aber sehr rasch. So müssen die Lernmaterialien immer wieder ordentlich an ihren Platz zurückgestellt werden und die Pause kann zwar individuell konsumiert werden, sollte aber eine vorgegebene Zeitspanne nicht übersteigen.
Nach drei Jahren wird in die nächste Gruppe gewechselt, die der Neun- bis Zwölfjährigen. Und schließlich gibt es noch eine Gruppe für Zwölf- bis Fünfzehnjährige. Der Ausbau bis zur Matura ist (noch) eine Vision. Wie aber sieht es derzeit beim Wechsel ins Regelschulsystem aus?
Der Schritt von der Volks- in die Sekundarschule sei für alle Kinder schwierig, betont Stifter. Die Montessori-Kinder würden den Übertritt in eine Haupt- oder Mittelschule beziehungsweise AHS aber meist gut meistern, auch „weil sie bei uns Offenheit lernen, sich etwas sagen trauen, sich trauen, nachzufragen“. Ähnlich verhalte es sich beim Übertritt mit 15 in eine weiterführende Schule.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.10.2009)

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