"Ideologie wird oft mit angeblichen empirischen Ergebnissen vermischt"

Bildungsforscher Ulrich Trautwein über Ideologie in den Diskussionen über Inklusion, Gesamtschule und Frontalunterricht. Und darüber, dass Schulautonomie auch schaden kann.

Auf Teufel komm raus Gruppenarbeit? „Damit tut man den Schülern nichts Gutes“, sagt Forscher Ulrich Trautwein.
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Auf Teufel komm raus Gruppenarbeit? „Damit tut man den Schülern nichts Gutes“, sagt Forscher Ulrich Trautwein.
Auf Teufel komm raus Gruppenarbeit? „Damit tut man den Schülern nichts Gutes“, sagt Forscher Ulrich Trautwein. – (c) Clemens Fabry

Die Presse: Wie oft ärgern Sie sich, weil irgendwelche Reformen diskutiert werden, für die es wissenschaftlich keine Basis gibt?

Ulrich Trautwein: Ich werde regelmäßig mit ideologischen Positionen konfrontiert. Dafür, wie viel Geld in die Bildung fließt, ist das Maß an nicht-ideologischer Qualitätssicherung erstaunlich gering. Der Streit auf Basis von Einzelbeobachtungen und politischen Einstellungen ist sehr ausgeprägt.

 

Warum ist das ausgerechnet bei Bildungsfragen so stark?

Bildungsfragen sind Wertefragen und das ist auch in Ordnung. Nicht in Ordnung ist, wenn das vermischt wird. Man muss deutlich trennen: Wo geht es um Werte – wofür haben wir Evidenz. Politiker behaupten manchmal, dass das, woran sie glauben, besonders effektiv sei.

 

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Etwa die Inklusion von Kindern mit Behinderung. Dass in inklusiven Settings alle besser lernen, kann ich empirisch nicht nachvollziehen. Trotzdem kann man natürlich für die Inklusion eintreten, weil man es wichtig findet, dass moderne Gesellschaften so organisiert sind.

 

Wie sieht es mit der Ganztagsschule aus? Deren Ausbau wurde auch damit begründet, dass er der Bildungsgerechtigkeit dient.

Die Ganztagsschule hat großes Potenzial bei der Bildungsgerechtigkeit. Aber genutzt wird das Potenzial bislang zu wenig, zumindest in Deutschland. So müssten etwa die systematischen Fördermöglichkeiten für leistungsschwache Schüler weiter verbessert werden.

 

Also wird zu viel versprochen?

Zu den Gründen für die Ganztagsschule gehören ja auch die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die insbesondere Frauen und Wirtschaft zugute kommen sollte. Auch hier wird das Potenzial vor allem dann zum Tragen kommen, wenn die Schule pädagogisch professionell organisiert ist und die Eltern darauf vertrauen können, dass ihre Kinder gut gefördert werden.

 

Das gemeinsame Lernen ist auch ein Streitthema. Stimmt es, dass davon alle profitieren – wie manche gern argumentieren?

Auch hier findet man oft eine Vermischung ideologischer Positionen mit angeblichen empirischen Ergebnissen. Die Datenlage ist weit weniger eindeutig als oft behauptet. Die Leistungsunterschiede zwischen Schülern in der Sekundarstufe sind sehr groß. Wenn da alle Schüler vom gemeinsamen Lernen profitieren sollen, muss man den Unterricht sehr gut organisieren.

 

Das Zauberwort lautet da meist: Individualisierung.

Im Prinzip ist das die Lösung für Leistungsheterogenität. Aber leider ist Individualisierung in der konkreten Umsetzung enorm schwierig, und so manche Lehrkraft scheitert daran. Lernformen, die sehr stark an selbstregulative Fähigkeiten geknüpft sind, überfordern dann womöglich ganz besonders die leistungsschwächeren Schüler.

 

Was ist an dem Argument dran, dass die stärkeren Schüler die schwächeren mitziehen?

Wenn durch die Leistungsdifferenzierung Lernmilieus entstehen, die stark geprägt sind von Schülern, die bereits schulische Misserfolgskarrieren aufweisen, zu Hause wenig Unterstützung erfahren, und vielleicht von schwachen Lehrern unterrichtet werden, die keine hohen Leistungserwartungen haben, hat man tatsächlich ein Problem.

Ist also eine stärkere Durchmischung der Schüler nötig?

Wenn man die 15 bis 25 Prozent leistungsschwächsten Schüler in einer Schulform konzentriert, können sich Lernmilieus etablieren, die nicht leistungsförderlich sind. Braucht man aber eine Schule für alle, damit die Leistungsschwächeren von den Stärkeren mitgezogen werden? Da bin ich mir nicht so sicher. Auch mit den unteren 50 Prozent können Lehrer ein leistungsorientiertes Lernmilieu aufbauen.

 

Wie viel macht denn überhaupt die Schulform aus?

Die öffentliche Diskussion kreist 90 Prozent der Zeit um Fragen nach Schulformen, Leistungsdifferenzierung und Unterrichtsformen. Aber wahrscheinlich erklären diese Faktoren nur zehn Prozent des Lernerfolgs. Viel wichtiger ist es, ob Lehrer es schaffen, eine hohe Unterrichtsqualität zu bieten.

Man diskutiert also, wenn es um Veränderungen der Schule geht, zu 90 Prozent über das Falsche.

Man diskutiert zu viel über Faktoren, die sich nicht direkt auf das Ergebnis auswirken. Entscheidend ist, was im Unterricht passiert: Gelingt es Lehrern, die Zeit wirklich für den Unterricht zu nutzen? Schaffen sie es, dass Schüler intensiv mit dem Lernstoff arbeiten? Bauen sie eine Beziehung auf, die die Motivation der Schüler stärkt? Darüber muss man sich mehr Gedanken machen.

 

Es geht also um die Lehrer.

Aber auch hier ist Ideologie fehl am Platz. Wenn man einem, der guten lehrerzentrierten Unterricht gemacht hat, sagt, er muss auf Teufel komm raus Gruppenarbeit einführen, tut man den Schülern nichts Gutes. Wir dürfen Lehrern nicht vermitteln, dass sie nur mit einer bestimmten Lernform die Schüler gut und glücklich machen können.

 

Bald sollen die Schulen autonom werden. Ist das die Lösung?

Die Schulautonomie kann genutzt werden, um Schulen richtig gut zu machen – und um Schulen richtig schlecht zu machen. Für die Schulleiter verschiebt sich der Arbeitsschwerpunkt von der Umsetzung von Vorgaben zu konzeptioneller Arbeit. Dafür brauchen sie erst einmal das Handwerkszeug.

ZUR PERSON

Ulrich Trautwein ist Professor für empirische Bildungsforschung an der Universität Tübingen (D). Einer seiner Schwerpunkte ist Effektivität im Bildungssystem.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.03.2017)

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