Homeschooling: Die Schulbank im Wohnzimmer

Ein deutsches Ehepaar hat sich aus religiösen Gründen dazu entschieden, seine sieben Kinder zu Hause zu unterrichten. Homeschooling ist jedoch in Deutschland verboten.

Die Dudeks
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Die Dudeks
(c) AP (JENS MEYER)

Für heute ist der Unterricht vorbei. 12 Uhr Mittag, sechs Kinder schwirren durchs Haus, da behält man schwer den Überblick. Nur der Älteste fehlt: Jonathan (17) macht im Nachbarort eine Tischlerlehre und kommt immer erst am Abend nach Hause. Der 15-jährige Lukas ist an seinem Schreibtisch mit einer Laubsägearbeit beschäftigt, Daniel (13) hat sich zurückgezogen, Jeremia (10) und Noah (7) helfen der Mutter in der Küche. Weil Noah heute Geburtstag hat, gibt es ausnahmsweise ein aufwendigeres Essen: Pizza aus selbst gemachtem Vollkornteig, und die in rauen Mengen.

Das Nesthäkchen Sulamit (2) spielt mit der Puppe, ihre Schwester Jemima (5), die eigentliche Puppenmutter – das ist ganz wichtig! –, hat sich mit den Buntstiften an die Schulbank gesetzt. Die stammt aus einem alten Klassenzimmer und steht mitten in der zur Küche offenen Stube. Hier findet täglich der Grundschulunterricht mit der Mutter statt, in einem anderen Raum ist die „Oberschule“ untergebracht, die großteils vom Vater betreut wird.


Eine einsame Entscheidung. Vor zehn Jahren hat sich das Ehepaar Dudek entschlossen, seine Kinder zu Hause zu unterrichten. Homeschooling ist in den USA gang und gäbe, in den meisten Ländern Europas erlaubt, nicht jedoch in Deutschland. Seit Jahren sind die Dudeks daher in einen Rechtsstreit verwickelt und schrammten zuletzt knapp an einem Gefängnisaufenthalt vorbei. Je drei Monate sollten Jürgen (48) und Rosemarie (43) hinter Gitter, weil sie ihre Kinder „dauernd oder hartnäckig wiederholt der Schulplicht entziehen“. Das hessische Schulgesetz sieht darin eine Straftat, im Unterschied zu anderen deutschen Bundesländern, die solches Verhalten nur als Ordnungswidrigkeit einstufen und daher weniger strikt ahnden.

Im Fall der Dudeks sind die Motive für den Heimunterricht religiöser Natur. „Unsere Erziehungsvorstellungen werden vom Schulsystem konterkariert“, so Jürgen. In der Schule gelte das Recht des Stärkeren, „ob das die Lehrer so wollen oder nicht“. Das Ehepaar will seinen Kindern andere Werte vermitteln: Nächstenliebe, Verantwortungsbewusstsein, Eigeninitiative. „Die Behörden und die deutsche Presse beißen sich an unserem ,Fundamentalismus‘ fest, aber das greift zu kurz“, sagt der Familienvater. „Man will die Familien zwingen, sich einzugliedern, anstatt zu schauen: Was machen sie gut?“

In der Tat erwecken die Dudeks nicht den Eindruck einer fundamentalistischen Minisekte, sondern einer tief gläubigen, zugleich aber undogmatischen Familie. Generell gibt es auch andere als religiöse Beweggründe für Heimunterricht: Deutschlandweit ist die „Landschaft der Homeschooler wesentlich heterogener, als es das Stereotyp fundamentalistischer Christen und die möglicherweise dahinterstehende Angstvorstellung von islamistischem Heimunterricht vermuten lassen“, schreiben Franz Reimer und John Philipp Thurn von der Universität Gießen in einem Aufsatz zu dem Thema. Auch „säkular leistungsambitionierte Eltern oder solche, die antiautoritärer Erziehung verpflichtet sind, Eltern, die angesichts von Gewalt in der Schule um das physische wie psychische Wohl ihrer Kinder bangen, bis hin zu Eltern von Kindern mit atypischem Begabungsprofil“ greifen zu diesem Mittel oder ziehen es zumindest in Erwägung.


Arbeitsteilung beim Unterricht. Durch das Haus der Dudeks, das in dem winzigen hessischen Ort Archfeld nahe der früheren innerdeutschen Grenze liegt, zieht inzwischen köstlicher Pizzaduft. Bevor es ans Mittagessen geht, zeigt Jürgen die Oberschule. Drei Schreibtische für Lukas, Daniel und Jeremia, unendlich viele Bücher, für jeden Schüler – so nennt der Vater seine Söhne im Unterrichtskontext – eine Mappe mit dem akkurat aufgelisteten Wochenpensum. Um sieben Uhr Früh wird mit Stillarbeit begonnen, danach eine kurze Andacht, Frühstückspause, ein Gegenstand nach dem anderen, der „Lehrer“ wechselt, je nach Bedürfnissen, zwischen den Schülern hin und her. Zwischen 12 und 13 Uhr ist der Unterricht beendet, Hausaufgaben fallen nur selten an.

Jürgen Dudek hat Geschichte und Englisch studiert, verdient mit Nachhilfeunterricht an drei Nachmittagen pro Woche das bescheidene Familieneinkommen. So beherrscht er mittlerweile alle Fächer bis auf Französisch und Biologie, in denen Rosemarie den Großen Unterricht erteilt. Da sie Querflöte, Trompete und Klavier studiert hat, sorgt sie auch für die musikalische Bildung.

Auf Bewegung an der Luft achten die Eltern ebenso wie auf handwerkliche Betätigung. Die Buben sind bei der Jugendfeuerwehr, besuchen einen Schwimmkurs, waren bei den Pfadfindern. „Der Vorwurf der Isolation ist absurd“, sagen die Eltern. Der Älteste, Jonathan, hat vor einem Jahr an einer staatlichen Realschule seinen Abschluss gemacht, und das mit Bravour. Er hätte danach ins Gymnasium aufsteigen können, entschied sich aber für eine Lehre.

Keine Probleme also, wenn es dann doch irgendwann in die „wirkliche Welt“ hinausgeht? „Was man in jungen Jahren an Geborgenheit erfährt, hilft einem viel eher, später Stürme zu überstehen“, sind die Eltern Dudek überzeugt. Durch die außerhäuslichen Aktivitäten schon in der Kindheit sei der Übergang außerdem graduell.


Mehr Ruhe und Freiräume. Inzwischen haben wir die Pizza verzehrt, Lukas ist mit dem Hund spazieren, seine Brüder schildern nun ihre Erfahrungen: „Es ist schön, zu Hause zu lernen“, sagt Daniel, „ganz in Ruhe. Man kann sich die Pausen einteilen, wie man will. Wir müssen halt mit dem Stoff durchkommen, aber man kann auch früher fertig sein“. Jeremia findet es angenehm, nicht jeden Morgen aus dem Haus zu müssen; von anderen Kindern, etwa im Schwimmunterricht, fühlt er sich keineswegs unverstanden. „Das ist nicht das Hauptthema.“

Jemima, die mit ihren fünf Jahren noch keine Schulerfahrung hat, wirft ein, dass sie gern Wurst isst und auch schon schwimmen geht, wird von den Brüdern aber zur Ordnung gerufen. Inzwischen ist Lukas vom Hundespaziergang zurückgekommen. Er mag es, dass die Kinder beim Stundenplan Mitgestaltungsmöglichkeiten haben. „Wir können auch einmal bei Schlechtwetter im Sommer eine Woche Schule und dafür ein anderes Mal Ferien machen.“ Der Tenor der drei Buben: mehr Freiräume, eine ruhigere Umgebung, die Möglichkeit, Wünsche zu äußern. „Ich stelle mir vor, dass es hier schöner ist“, so Lukas. „Aber wir haben nicht wirklich einen Vergleich“, ergänzt Daniel.

Jemima hat unterdessen ihre Puppe angeschleppt und besteht darauf, dass auch sie in der Liste der Kinder erwähnt wird: Prisca, ein Jahr alt. Jacke und Haube hat die Oma gehäkelt. Unter den anderen Arm hat Jemima eine Kinderbibel geklemmt. „Aus der liest uns die Oma nie vor. Die mag das nicht.“ Widerstand gibt es also auch in der eigenen Familie.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.12.2009)

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