Sozialberufe für Mädchen/Frauen, technische Berufe für Burschen/Männer: Der Grundstein für diese Geschlechterzuschreibung wird in der Schule gelegt. „Die in der Schule vermittelte Technikkompetenz entspricht der Geschlechterhierarchie“, sagt Susanne Dermutz. Die Klagenfurter Assistenzprofessorin am Institut für Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung zitiert in diesem Zusammenhang das „Lob“ eines Lehrers für eine seiner Schülerinnen: „Für ein Mädchen bist du sehr gut in Physik.“
Dass Naturwissenschaften, Mathematik und Technik als männlich gelten, ist nicht neu. Jene Plattform, die schon seit Jahren gegen diese Fixierung ankämpft, trägt das Kürzel IMST: 1998 als Innovations in Mathematics and Science Teaching gegründet, dann zu IMST2 erweitert (zu Mathematics und Science kam Technology dazu) und schließlich – nach Hereinnahme des Deutschunterrichts – als „Innovationen Machen Schulen Top“ bezeichnet. In erster Linie geht es um die Verankerung von Mathematik und den naturwissenschaftlichen Fächern im Unterricht, wobei diese Schulgegenstände nicht als „schwer“ oder „unbeliebt“, sondern als „höchst interessant“ und „lebensnah“ gelten sollen. Dabei werden natürlich Mädchen gleichermaßen angesprochen (ein eigenes Schwerpunktprogramm), die in IMST engagierten Lehrkräfte setzen auf Gruppendynamik und fächerübergreifende Projekte.
Vernichtende Vergleichsstudie
Am Beginn dieser Initiative stand die im September 1998 publizierte internationale Timms-Studie (Trends in International Mathematics and Science), in der die Kompetenz der Schüler in der Sekundarstufe zwei (neunte bis zwölfte Schulstufe) erhoben wurde. „Das Ergebnis war für uns vernichtend. Wir landeten im letzten Drittel der untersuchten Länder“, erinnert sich Herbert Pelzelmayer vom Unterrichtsministerium. Der für Bildungsforschung und Schulentwicklung zuständige Ministerialrat handelte rasch: Er berief umgehend eine Wissenschaftlerrunde ein, die ihm eine Analyse über bestehende Defizite erstellte. „Es war bald klar, dass es nicht um die Fachkompetenz, sondern um die Art der Vermittlung ging.“ Also um die Didaktikkompetenz in diesen Fächern.
Der Mathematiker Konrad Krainer vom Institut für Unterrichts- und Schulentwicklung der Uni Klagenfurt (heute Institutsvorstand) und Konrad Krainer vom Institut für Erziehungswissenschaft und Bildungsforschung der Uni Klagenfurt (heute emeritiert) waren von Beginn an dabei. Und sie kurbelten IMST an, sie begeisterten Lehrer und ganze Schulen, sie bauten übergreifende Netzwerke auf. „Es war ein Masterplan“, sagt Pelzelmayer noch heute. Die Ministerinnen, damals Elisabeth Gehrer, heute Claudia Schmied, standen ebenfalls hundertprozentig hinter dieser Initiative. Erst beim jüngsten IMST-Innovationstag im September in Klagenfurt erklärte Schmied dem Auditorium, dass die IMST-Projekte mittelfristig in das Regelschulsystem überführt werden sollten, denn derzeit sind nur etwa zehn Prozent aller Lehrkräfte für Mathematik, Informatik, Physik, Chemie und Biologie an den IMST-Initiativen beteiligt.
Derzeit gibt es zehn regionale IMST-Netzwerke, drei thematische Netzwerke und 18regionale Fachdidaktikzentren. In einem Schuljahr wird in zirka 150Netzwerkveranstaltungen gearbeitet, es werden Lernprojekte und Fallstudien besprochen sowie Erfahrungen ausgetauscht.
Gegen den Frust vieler Lehrer
An der Mitarbeit und Begeisterung der Schüler liegen die Defizite in den Schulfächern nicht, das zeigen die engagierten Beiträge bei dem seit 2007 ausgeschriebenen IMST-Award (siehe Bericht unten). Peter Posch beschreibt in einer Rückschau die Plattform „als Gegenbewegung zum Frust vieler engagierter Lehrer“. Holt man diese aus ihrer Isolation heraus, ermuntert sie durch die Kooperation mit anderen Fachkollegen, dann ist bereits der Bestand eines Netzwerks gegeben. Dann kommt es zu neuen Unterrichtsformen, die von einem teilweise Miteinander der naturwissenschaftlichen Fächer geprägt sind und in deren Rahmen Schüler verschiedener Schulen (einer Volksschule mit einer AHS-Unterstufe, einer Hauptschule mit einer HTL) miteinander kooperieren. „Man hat zweifelsohne erreicht, dass die Leute mehr Freude haben“, sagt auch Pelzelmayer.
1998/1999 erfolgte der Start von IMST in der AHS-Oberstufe, dann kamen die Unterstufe und die Hauptschulen dazu, 2007 auch die Volksschulen. In den ersten Volksschulklassen sind die Kinder gegenüber allen naturwissenschaftlichen Themen noch aufgeschlossen, erst in den späteren Jahren ist es mit der Teilnahme vorbei. Werden die Volksschüler aber mit aktuellen Themen angesprochen, erkennen sie die Nähe zu ihrem täglichen Leben, bleiben das Engagement und das Interesse daran erhalten. Heute sehe er „das größte Leck im kreativen Bereich“, sagt Herbert Pelzelmayer und meint damit die oft nicht vorhandene Verbindung zwischen Theorie und spielerischer Praxis im Unterricht.
Einen Dämpfer mussten die IMST-Initiatoren in diesem Jahr hinnehmen: Das Wissenschaftsministerium kürzte die Subvention für die Aktivitäten der Plattform. Ein Jahrestreffen fällt nun ins Wasser, und die Ausgaben des Newsletter werden drastisch eingeschränkt. Dabei hat Wissenschaftsminister Johannes Hahn erst am 25.November beim Hochschulgipfel als einen seiner neuen fünf Handlungspunkte die Steigerung der Studierenden in den naturwissenschaftlichen Fächern genannt. Das solle, so Hahn, über eine verstärkte Information in den Schulen erreicht werden. Über eine Rücknahme der Subventionskürzung beziehungsweise eine Erhöhung der Beiträge hat der Minister – noch – nichts gesagt.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.12.2009)
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