Mitmachlabor: Wie sieht eigentlich DNA aus?

11.04.2010 | 18:49 |  ALEXIA WEISS (Die Presse)

Am Campus Vienna Biocenter lädt ein molekularbiologisches Mitmachlabor zum Experimentieren ein.

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WIEN. „Es sieht aus wie eine Wolke und so weiß“, sagt Theresa Gangl erstaunt. Die 18-Jährige besucht eine achte Klasse am Schulzentrum Kenyongasse Mater Salvatoris in Wien Neubau. Wenige Wochen vor der Matura machen Gangl und ihre Klassenkollegen einen Ausflug ins Labor – und absolvieren dort ein „DNA-Atelier“. Ihre Aufgabe: DNA zu isolieren. Klingt nach einer schwierigen Aufgabe. Doch die Tutoren im Vienna Open Lab, einem molekularbiologischen Mitmachlabor am Campus Vienna Biocenter, machen daraus ein Kinderspiel.

Man nehme eine Zwiebel oder Tomate, zerschneide sie in kleine Stückchen und fülle sie in einen Plastikbehälter. Dann mische man fünf Milliliter Spülmittel mit fünf Gramm Salz und fülle Wasser bis zur 50-Milliliter-Markierung auf. Gut schütteln. Diesen Extraktionspuffer mit den Zwiebel- oder Tomatenstücken vermischen und kurz pürieren. Die entstandene Flüssigkeit durch einen Filter laufen lassen. 600 Mikroliter in ein kleines Reaktionsröhrchen pipettieren und langsam 600 Mikroliter eiskaltes Isopropanol dazu. Ein bisschen schütteln, und langsam werden weiße Flauschgebilde sichtbar. Die DNA.

 

Sieht aus wie Watte

Tutor Clemens Priemer, selbst Molekularbiologiestudent kurz vor dem Abschluss, liefert die wissenschaftlichen Erklärungen zu diesem Kochrezept. Pflanzliche Zellen haben eine Zellwand. Um an die DNA, also die Erbsubstanz, zu kommen, muss man diese Wand zerschneiden (Messer, später Pürierstab). Die Zellmembran besteht aus Fett. Dieser kann man mit Seife (in diesem Fall: Spülmittel) zu Leibe rücken. Schließlich ist die DNA zwar isoliert, schwimmt aber in einer Lösung und ist nicht sichtbar. Daher fügt man Alkohol (Isopropanol) hinzu, „der der DNA das Wasser abzieht“. Sie wird sichtbar. Und sieht aus wie Watte.

„Im Unterricht schreibt man nur mit und ich kann mir nicht vorstellen, wie eine DNA ausschaut“, meint Gangl. Hier im Labor könne man begreifen, was man in der Schule lerne. Das Experiment hätte sie sich viel komplizierter vorgestellt. Das bisher ferne Labor hat seinen Schrecken verloren. Klassenkollegin Katarina Dvorsky (17) sagt, „es war interessant, das einmal selber machen zu können“. In Richtung Naturwissenschaften zieht es die Schülerin dennoch nicht. Sie möchte nach der Matura „eher etwas in Richtung Wirtschaft“ machen.

Über 12.000 Menschen haben das Vienna Open Lab seit seiner Eröffnung im Mai 2006 bereits besucht. Nicht immer sind es Schulklassen. Auch Kindergartenkinder und Erwachsene sind hier willkommen, so Projektleiterin Maria Halaschek-Wiener, selbst Ernährungs- und Biotechnologin. „Uns geht es um die Begegnung von Wissenschaft und Öffentlichkeit.“ Das Konzept: In jedem Workshop wird auf den Alltag der Menschen zurückgegriffen.

Für Volksschüler haben die Wissenschaftler z.B. das Programm „Auf die Plätze, forschen, los!“ entwickelt. Hier erforschen die Kinder, was Backpulver alles kann, wieso Grün nicht nur aus einer Farbe besteht und sie lernen, dass Luft auch Platz benötigt.

An Jugendliche ab 14 und Erwachsene wendet sich der Kurs „Kein Tatort ohne DNA – Genetischer Fingerabdruck“. Dieses Thema sei wegen der vielen aktuellen Fernsehserien, in denen Verbrechen von Kriminalbiologen aufgeklärt werden, besonders hoch im Kurs, so Halaschek-Wiener.

Immer wieder feiern Kinder und Jugendliche auch ihren Geburtstag im Vienna Open Lab – mit Experimenten statt mit Geburtstagstorte. Und im Sommer bietet das Labor für Zehn- bis 13-Jährige sowie für 14- bis 16-Jährige auch ein jeweils einwöchiges „Summer Science Camp“. „Gewisse Experimente brauchen ein bis zwei Tage, bis man sie auswerten kann. Das ist dann in diesem Rahmen möglich.“ In diesem Rahmen sei auch ausgiebiges Fragen möglich.

Betrieben wird die Einrichtung, mit welcher der Forschungsalltag in einem biotechnologischen Labor transparenter gemacht werden soll, von dem Verein dialog<>gentechnik. Finanziert wird das Projekt durch das Wirtschafts-, Familien- und Jugendministerium, das Wissenschafts- und Forschungsressort sowie das Bundesministerium für Unterricht und Kunst. Die Teilnehmer müssen je nach Dauer der Veranstaltung zwischen vier und zwölf Euro beisteuern.

Schulklassen, die sich für einen Besuch interessieren, empfiehlt die Projektleiterin eine Anmeldung ein bis zwei Monate vor dem Wunschtermin. Der Andrang ist übrigens groß, es kommen nicht nur Klassen aus Wien, sondern auch aus dem Burgenland, Niederösterreich, Oberösterreich und aus Kärnten. Inzwischen sei man kapazitätsmäßig bereits am Plafond angelangt. Ein zweites Labor sei daher angedacht, aber die Finanzierung steht noch in den Sternen.

Am neugierigsten zeigen sich übrigens die Kleinsten, erzählt Halaschek-Wiener. Kinder im Vorschulalter fragen ungeniert, wollen alles wissen, alles verstehen. Bei Volksschulklassen dagegen merkt man bereits, welchen Stil der Lehrer, die Lehrerin im Unterricht pflegt. Ist im Schulalltag dauerndes Fragen nicht gewünscht, halten sich die Kinder auch im Vienna Open Lab eher zurück. Je länger eine Veranstaltung allerdings dauert, desto mehr tauen die Teilnehmer auf. Und das gilt für Klein und Groß.

www.viennaopenlab.at

 

www.dialog-gentechnik.at

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.04.2010)

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