WIEN. In der Diskussion um eine Gesamtschule bis 14 hat sich am Freitag eine ungewöhnliche Front innerhalb der ÖVP aufgetan: Ausgerechnet Beatrix Karls Vor-Vorgängerin, die langjährige ÖVP-Bildungsministerin und Skeptikerin gegenüber einer Gesamtschule, Elisabeth Gehrer, bezeichnete deren Vorstoß für ein „Gymnasium für alle“ als hilfreich. Das Gegenteil verlautete der Chef der Jungen ÖVP, Sebastian Kurz. Er hält den Alleingang der jetzigen ÖVP-Wissenschaftsministerin für missglückt und eine gemeinsame Schule der Zehn- bis 14-Jährigen „nicht für die Lösung“ der Schulprobleme.
„Diese Bildungsdiskussion ist wichtig“, meinte Gehrer auf Anfrage der „Presse“. „Insofern, als Karl die beste Bildung für alle Jugendlichen will, ist ihr Beitrag ein guter“, sagte sie über den Vorstoß Karls, die ihr Amt heuer im Jänner in Nachfolge von Neo-EU-Kommissar Johannes Hahn angetreten hat. Statt nur über die Organisation von Schule zu reden, wäre es aber wichtig, über die Inhalte – insbesondere über die Form der Differenzierung – zu sprechen, so Gehrer. Auch schwächere und bessere Schüler hätten Anspruch auf spezielle Förderung. Eine größtmögliche Differenzierung mit Leistungsgruppen, wie von Karl in einem „Gymnasium für alle“ angedacht, wäre durchaus „ein Weg“.
Wissenschaftsministerin Karl, ÖVP-Chefverhandlerin in der Bildungspolitik mit der SPÖ, hat mit ihrem Vorstoß am Donnerstag für einen Aufschrei bei der Parteispitze von ÖVP-Chef Josef Pröll bis Generalsekretär Fritz Kaltenegger gesorgt. Denn mit ihrem Vorpreschen stellte sie sich klar gegen jenes Papier, das der ÖVP-Bund der Arbeiter und Angestellten (ÖAAB) erst am Montag vorgelegt hat. Der ÖAAB hält an der Trennung von Hauptschulen, die zu „Aufstiegsschulen“ aufgewertet werden sollen, und AHS-Unterstufen fest.
Nach Ansicht Prölls und weiterer führender ÖVP-Politiker soll das Papier die Basis für die Diskussion innerhalb der Partei über ihre Linie gegenüber der SPÖ bleiben. So sieht das auch ÖVP-Wissenschaftssprecherin Katharina Cortolezis-Schlager. Nach dem ÖAAB würden bis Herbst noch die anderen ÖVP-Bünde und die Länder ihre Positionen einbringen. Der Donnerstag sei daher zu früh gewesen, um mit einer Meinung an die Öffentlichkeit zu gehen, so Cortolezis-Schlagers Kritik an Karl.
Auch der Chef der Jungen ÖVP, Sebastian Kurz, meinte, Karl habe mit ihrem Alleingang den falschen Weg gewählt. Und inhaltlich? „Es muss sich sehr viel ändern in den Schulen, es braucht viele neue Ideen – und dass das die Gesamtschule bringt, sehe ich derzeit nicht“, sagte Kurz der „Presse“. „Nur wenn etwas anders bezeichnet oder Eintopf geboten wird, wird nicht automatisch alles gut“, sprach sich der Jungpolitiker gegen eine gemeinsame Schule bis 14 aus. Man dürfe nicht „eine neue Schulform drüberstülpen, ohne die Inhalte zu kennen oder zu wissen, wie Differenzierung stattfinden soll“. Ein solcher Ansatz habe ihn schon „nicht begeistert“, als er von der SPÖ, einer heftigen Befürworterin der Gesamtschule, gekommen sei. „Das begeistert mich auch nicht, wenn der Vorstoß von Karl kommt.“
Karl: „Gutes Verhältnis“ zu Pröll
Die Ministerin selbst hält trotz teils heftiger ÖVP-interner Kritik an ihrem Vorhaben fest. „Ich wünsche mir ein Gymnasium für alle, das eine ausgezeichnete Leistungsdifferenzierung enthält“, sagte sie der „Presse“. Eine Möglichkeit von vielen, diese umzusetzen, wären Leistungsgruppen. „Wir müssen auf die Begabungen und Talente der Kinder optimal eingehen, damit niemand unter- oder überfordert ist.“ Aus den bisherigen Gymnasien und Hauptschulen sollten dafür „die besten“ Elemente zusammengeführt werden.
Zum offiziell unbestätigten Konflikt mit Parteichef Pröll wegen ihres Vorpreschens meinte Karl nur: „Ich kann Ihnen versichern, dass ich ein sehr gutes Verhältnis zum Parteichef habe.“ Das „insgesamt gute ÖAAB-Papier“ werde Basis für die weitere ÖVP-Diskussion sein. Bis Herbst würden noch viele Meinungen aus der Partei kommen. Die Reaktionen auf ihren Vorstoß hätten aber bereits das „breite Meinungsspektrum in der ÖVP“ gezeigt, so Karl. Am Ende werde es „eine sehr gute Lösung geben, ich bin zuversichtlich“.
Rückenwind kam aus Karls früherer politischer Heimat, der steirischen ÖVP: Landeshauptmann-Vize Hermann Schützenhöfer meinte zur Idee der Ministerin: „Denken wird wohl noch erlaubt sein.“
■Der ÖAAB stellte am Montag sein Konzept vor, das Basis für die ÖVP-Position zur Bildungspolitik mit der SPÖ sein soll. Darin enthalten: die Trennung von – aufgewerteten– Hauptschulen und AHS. Ministerin Karl konterte, sie wolle ein „Gymna-sium für alle“ bis 14 und erntete in der ÖVP heftige Kritik – von Parteichef Pröll bis zur JVP. Ex-Ministerin Gehrer nannte Karls Vorstoß hingegen einen „guten Beitrag“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.05.2010)

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