Es läuft gut für Annette Schavan: Als einziges Regierungsmitglied kann die deutsche Bildungsministerin auf ein intaktes Budget verweisen: Die Mittel für Bildung und Forschung steigen; das Uni-System soll großflächig ausgebaut werden. Beim Lindauer Nobelpreisträgertreffen wurde die Ministerin jetzt für ihre Leistung für Forschung und Wissenschaft geehrt. „Die Presse“ traf die 55-Jährige am Bodensee zum Interview.
„Die Presse“: Eine Studie zum Bildungsvergleich in Deutschland zeigt, dass Schüler in den südlichen Bundesländern, die noch ein differenziertes Schulsystem haben, besser abschneiden als jene in den nördlichen. Ist die Gesamtschule gescheitert?
Annette Schavan: Jedenfalls hat sie ihre Ziele keinesfalls erreicht. Weder ausreichende Qualität noch mehr Gerechtigkeit.
Die soziale Selektion ist im offenbar leistungsfähigeren, differenzierten System noch wesentlich höher. Wie entkommt man dem Dilemma?
Schavan: Ein Bildungssystem muss vielfältig sein und zu unterschiedlichen Zeitpunkten mehrere Anschlussmöglichkeit bieten. Bayern und Baden Württemberg (die in der Studie voran lagen, Anm.) sorgen dafür, dass der Wechsel zu einer bestimmter Schulart nicht bereits den Schulabschluss vorherbestimmt, sondern nur die nächste Phase. Es darf sich nicht bereits in der vierten Klasse entscheiden, ob jemand Abitur macht. Die Studie zeigt, dass die ganze Strukturdebatte letztlich unergiebig ist. Die Erfolgsfaktoren sind vielmehr andere: Kontinuität in der Bildungspolitik, Investition in die Qualität des Unterrichtes und in die Lehrerbildung. Es bringt nichts, die Schule von einer Strukturreform in die nächste zu jagen.
In Deutschland wie in Österreich scheiden Migranten besonders oft und früh aus dem Schulsystem aus. Hat die Politik versagt?
Schavan: Wir haben zu spät eingesehen, dass wir ein Einwanderungsland sind, und dass sich ein solches vor allem um die Integrationskraft der Schulen kümmern muss. Die Hauptquelle für Verbesserung liegt in der frühkindlichen Förderung und in der Sprachförderung. Dafür müssen wir Zugewanderte und Eltern mit Migrationshintergrund gewinnen.
Beim deutschen Bildungsgipfel im Juni haben Sie sich mit den Ländern angelegt, denen Sie ausgerichtet haben, sie würden den Föderalismus falsch verstehen. Benötigt Deutschland eine Föderalismusreform mit mehr Kompetenzen für den Bund in Sachen Bildung?
Schavan: Wir müssen den Föderalismus weiterentwickeln. Ich bin einverstanden mit selbstbewussten Ländern, mit einer föderalen Ordnung, die Freiheit und Vielfalt zulässt. Aber der Föderalismus im 21. Jahrhundert darf nicht zum Gegner der Globalisierung werden. Wir brauchen Vergleichbarkeit und den Abbau von Mobilitätshindernissen.
Sie haben sich für eine Art Bologna-Prozess für die Schulen ausgesprochen. Wie kann der aussehen?
Schavan: Dahinter steckt etwas ganz Einfaches: nämlich intensiver über Bildungsinhalte zu beraten. Die müssen vergleichbar sein. Die Frage, wie moderne naturwissenschaftliche Bildung aussieht, die muss doch eigentlich weit über Deutschland hinaus entsprechend beantwortet werden. Wir haben noch nicht ausreichend begriffen, dass die globale Welt auch hier Konsequenzen haben muss.
Sie müssen als einzige deutsche Ministerin keine Einsparungen beim Budget hinnehmen. Beatrix Karl ist das in Österreich nicht gelungen. Tipps für Ihre Kollegin?
Schavan: In Deutschland haben wir uns geeinigt, zehn Prozent des BIPs in Bildung und Forschung zu investieren. Drei Prozent für Forschung, sieben für die Bildung. Da sind wir auf einem guten Weg. Mir scheint in Zeiten der Krise bedeutsam, der Öffentlichkeit klarzumachen, dass in Bildung, Wissenschaft und Forschung die Quelle künftigen Wohlstandes liegt. Wir sind ein Land mit hohen Sozialausgaben. Wer will, dass die Ausgaben nicht noch weiter ansteigen, muss in Bildung investieren.
Sie wurden hier in Lindau soeben dafür ausgezeichnet, den „Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft“ zu fördern. Ist das Thema Wissenschaft in der Gesellschaft schon angekommen?
Schavan:Wir müssen in Europa für mehr Begeisterung für Bildung und Wissenschaft sorgen. Es herrscht noch immer zu sehr die Vorstellung, dass uns der Wohlstand gewiss ist. Das ist er aber nicht.
Die EU hat es sich zum Ziel gemacht, der stärkste wissensbasierte Raum der Welt zu werden – und droht zu scheitern. Wie kann es doch noch gelingen?
Schavan: Es muss gelingen, kontinuierlich positive Entwicklungen bei öffentlichen Investitionen in Forschung zu erzielen und diese so einzusetzen, dass wiederum mehr Investitionen von Firmen getätigt werden. Bei uns gibt es dazu die Hightech-Strategie. Ziel ist: öffentliche Investitionen einerseits und Kofinanzierung durch Unternehmen andererseits.
Wer zu stark auf private Finanzierung setzt, gerät in Gefahr, die Grundlagenforschung zu vernachlässigen.
Schavan: Für Pionierforschung, risikoreiche, langfristige Projekte ist der Staat zuständig, das muss so bleiben. Die Grundlagenforschung füllt die Schatztruhe mit Ideen für die nächste Generation. Eine weitere Säule ist die Projektförderung, da ist die Wirtschaft gefragt. Und dann gibt es noch Bereiche wie die Gesundheit, bei denen die Innovationskraft der Unternehmen sowie nationale Ziele eine Rolle spielen. Forschungspolitik ist vielfältig, wir dürfen das eine nicht gegen das andere ausspielen.
An Österreichs Unis werden in den Massenfächern Zugangsbeschränkungen eingeführt – auch wegen des Ansturms deutscher Studenten. Was sagen Sie einem österreichischen Studenten, der deshalb keinen Studienplatz mehr bekommt?
Schavan: Ich sage ihm, dass Bund und Länder bei uns einen Hochschulpakt geschlossen haben, der in den Jahren 2005 und 2010 plus 100.000 Studienplätze geschaffen hat und zwischen 2010 und 2015 noch einmal 275.000 zusätzliche Plätze. Wir bauen aus, in allen Regionen und auch in der Medizin.
Es stehen doppelte Abiturjahrgänge an. Können Sie diesen Zuwachs an Studienbeginnern tatsächlich so kurzfristig abfedern?
Schavan: Ja. Das ist ebenso berücksichtigt wie die Tatsache, dass wir mittlerweile einen deutlich höheren Anteil pro Jahrgang haben, der studiert. Der Wert liegt bei über 43 Prozent, das ist positiv.
Umstritten ist die Quotenregelung im Medizinstudium, die derzeit 20 Prozent der Plätze für EU-Ausländer, vor allem Deutsche, reserviert. Wie könnte eine dauerhafte Lösung aussehen?
Schavan: Unsere Studienplatzausweitung wird eine erste Erleichterung bringen. Ich kann mir auch vorstellen, dass Europa erneut über das Herkunftslandprinzip diskutiert. Wir haben es mit einer unauflösbaren Spannung zu tun. Auf der einen Seite ist Mobilität ein hohes Gut, wir dürfen jungen Menschen keine Fesseln anlegen. Andererseits darf das nicht zur Überlastung eines Landes führen. Die Spielregeln zur Platzvergabe müssen miteinander verbunden werden.
Das bedeutet, die EU müsste den Hochschulzugang zentral regeln.
Schavan: Damit wäre niemand einverstanden. Die EU hat eine föderale Ordnung, hier wird nicht von oben nach unten dekretiert.
Falls Österreich die Rückkehr zum Herkunftslandprinzip – einen Studienplatz bekommt nur, wer auch im Heimatland einen bekäme – anstrebt, würden Sie die Ministerin in den EU-Gremien unterstützen?
Schavan: Ja. So habe ich es Kollegin Karl zugesagt.
Nirgendwo gab es so große Proteste gegen „Bologna“ wie in Deutschland und in Österreich. Zu Recht?
Schavan: Nein. Weil bei den Protesten übersehen wurde, dass neue Chancen und interessante Studien entstanden sind. Natürlich ist das für manche verbunden mit einem Abschied vom „ganz und gar freien Studieren“. Wer so argumentiert, unterschlägt aber, dass es Fächer mit Abbruchquoten von bis zu 90 Prozent gab. Da endete die Freiheit im Nirvana. Das kann ich nicht als attraktiv empfinden.
In Österreich gibt man mittlerweile zu, bei der Umstellung Fehler gemacht zu haben. Sind auch Sie schon so weit?
Schavan: Ja. Wir haben zu oft nach dem Motto „Alte Ordnung, neues Etikett“ gearbeitet. Da wurde vieles verfälscht. Aber es gibt die Bereitschaft, da zu korrigieren.