Unterrichtssprache Englisch: Perfektion fehl am Platz?

Immer häufiger wird Englisch an Österreichs Schulen zur Arbeitssprache. An wie vielen Schulen genau, weiß man im Unterrichtsministerium nicht. Uneinigkeit herrscht darüber, welche Projekte die vielversprechendsten sind.

Unterrichtssprache Englisch Perfektion fehl
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Unterrichtssprache Englisch Perfektion fehl
(c) Clemens Fabry

Wien. „Good morning! Take a seat please.“ Mit diesen Worten beginnt für manche Schüler nicht nur der Englischunterricht – sondern jede einzelne Schulstunde. Die Rede ist von Klassen, deren Arbeitssprache nicht wie gewöhnlich Deutsch, sondern Englisch ist. Ein zukunftsträchtiges Projekt, das bundesweit gesehen aber noch in den Kinderschuhen steckt. Bei der Umsetzung derartiger Konzepte scheiden sich die Geister: Wie viel Englisch verträgt der Unterricht wirklich?

Geht es nach der GIBS (Graz International Bilingual School), dann verträgt der Unterricht eine ganze Menge davon. Die GIBS war im Jahr 1991 die erste Schule Österreichs, die sich entschloss, den gesamten Unterricht auf Englisch zu absolvieren. Ein Jahr später startete auch das Europagymnasium Auhof in Linz unter dem Titel LISA (Linz International School Auhof) ein derartiges Programm.

Der Zulauf ist an beiden Schulen ungebrochen. Zu Beginn zeigte vor allem die Wirtschaft Interesse an einer derartigen Bildungseinrichtung. Internationale Manager suchten Schulen für ihre Kinder, sagt GIBS-Direktorin Elisabeth Fleischmann. Der Anteil internationaler Schüler bewegt sich zwischen zehn und 20Prozent. Die überwiegende Mehrheit sind Kinder mit deutscher Muttersprache. Vermehrt handelt es sich dabei um Kinder sogenannter bildungsnaher Schichten.

An beiden Standorten kommen fast ausschließlich Pädagogen zum Einsatz, die neben einem spezifischen Fachstudium auch Englisch studiert haben. Zudem unterrichten fachgeprüfte Native Speaker. Ohne derartige Ausbildung sei ein englischsprachiger Unterricht nur schwer vorstellbar, sind sich die beiden Direktoren einig.

 

Widerstände der Anglisten

Ganz anders sieht das Franz Reithuber, Direktor der HTL Steyr. Im vergangenen Juni maturierte die erste Klasse des Englischzuges der Abteilung für Maschinenbau und Fahrzeugtechnik. Unterrichtet wurden diese Schüler von „gewöhnlichen“ Lehrern, abgesehen von internen Englischkursen erhielten sie keine zusätzliche Fremdsprachenausbildung. Dass das zu Beginn auf Widerstand stieß, verschweigt der Direktor nicht. Schwierig sei vor allem gewesen, die Anglisten, die ihre Fachkompetenz in Gefahr sahen, ins Boot zu holen.

Als „Hüter der Sprachreinheit“ achten sie im Englischunterricht nun besonders auf die grammatikalische und sprachliche Richtigkeit. Dass die Schüler der fünften Klasse somit gewöhnlich besser Englisch sprechen als ihre Lehrer, sei kein Problem. Reithuber: „Man begegnet sich auf Augenhöhe, Fachautorität bleibt der Lehrer.“

Aber: „Alles, was ohne Ausbildung praktiziert wird, ist zu hinterfragen“, meint Thomas Strasser, Lehrbeauftragter für Fachdidaktik Englisch der Pädagogischen Hochschule Wien. Es sei ein zweischneidiges Schwert: Zum einen seien fehlende Ausbildung sowie fehlende didaktische Materialien ein großes Problem, zum anderen müsse man aber froh sein, dass es viele Lehrer gibt, die diese Herausforderung annehmen. Das Projekt an der HTL Steyr sei spitze“, meint der stellvertretende Sektionsleiter für das Berufsbildende Schulwesen des Unterrichtsministeriums, Werner Timischl. Vom absoluten Anspruch der Perfektion müsse abgegangen werden. Englisch sei ein Kommunikationsmittel.

Genau das sei „die Achillesferse der Lehrer“, meint wiederum der Pädagoge Thomas Strasser. Lehrer wollen perfekt sein – das sei jedoch schon lange kein zeitgemäßes Unterrichtsprinzip mehr. „Ein angenehmes Gesprächsklima mit einem klaren Kommunikationsziel ist oft mehr wert als grammatikalische Korrektheit.“

 

Nicht nur positive Effekte

Ein Problem ist aber nicht von der Hand zu weisen: Deutsche Fachbegriffe wissen die Schüler oftmals nicht. Deshalb hat man an der HTL Steyr die „Notbremse“ gezogen. Übersetzungslisten für technische Fachbegriffe sollen dabei helfen, die Schüler in beiden Sprachen sattelfest zu machen. Empirisch bewiesen sei zudem, dass die Ausdrucksfähigkeit sowie die Ausdrucksstärke in der deutschen (Mutter-)Sprache unter dem rein englischsprachigen Unterricht leiden, so Strasser. Betroffene Direktoren weisen das zurück: Verstärkter Deutschunterricht wirke dem entgegen.

Auf rein englischsprachigen Unterricht setzt man – anders als in manchen Bundesländern – in den Wiener Schuler nicht. Hier dominieren vielmehr Programme, die Deutsch und Englisch kombinieren. Projekte wie das „Vienna Bilingual Schooling“ und das „Dual Language Programm“ sind erfolgreich. Einzelne Fächer werden in ganz Österreich immer häufiger auf Englisch unterrichtet. Genau das wird in Zukunft immer wichtiger, sind sich alle einig. An wie vielen Schulen genau Englisch bereits Arbeitssprache ist, weiß man im Unterrichtsministerium nicht.

Eine Forcierung dieser Projekte, wie es auch der Aktionsplan der Europäischen Union fordert, bedürfe aber in jedem Fall einer Änderung der Lehrerausbildung, so Eva Poisel vom Institut für Fortbildung an der PH Wien. Die Forderung: Englisch solle verpflichtender Teil der Lehrerausbildung sein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.09.2010)

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