Klagen über "Deutschenfeindlichkeit" an Schulen

In Deutschland klagen Politik und Lehrer über eine neue Form der Diskriminierung an Schulhöfen: Migrantenkinder verprügeln und verhöhnen deutschstämmige Schüler.

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(c) AP (Frank Augstein)

Wien/Berlin. Sie haben Angst auf dem Nachhauseweg, werden in den Pausen verprügelt und verhöhnt: „Deutsche Schlampe“ und „Kartoffel“ seien nur einige der Schimpfworte, die deutschstämmige Schüler an manchen Problemschulen in Berlin oder Frankfurt zu hören bekommen, klagen Lehrer. Die Täter seien die, die sonst zur Minderheit gehören: Kinder aus türkischen oder arabischen Zuwandererfamilien.

Ganz Deutschland diskutiert seit Tagen über „Deutschenfeindlichkeit“ an den Schulhöfen. Familienministerin Kristina Schröder stellte klar, dass es sich dabei ebenfalls um „Fremdenfeindlichkeit und Rassismus“ handle. Und Cem Özdemir von den Grünen sagte, Deutschenfeindlichkeit in den Klassenzimmern sei genauso wenig akzeptabel wie jede andere Form von Diskriminierung.

Auslöser der Debatte war ein Lehrerkongress zu dem Problem in Berlin und der Artikel „Deutschenfeindlichkeit in Schulen“, den die beiden Pädagogen Andrea Posor und Christian Meyer in der Mitgliederzeitschrift der „Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft“ (GEW) veröffentlichten. Der Artikel erschien zwar bereits im Heft 11/2009, also vor fast einem Jahr. Doch offenbar erst jetzt findet er Beachtung.

Posor und Meyer klagen über Segregation an „Schulen in sozialen Brennpunkten“. „Viele deutsche Schüler empfinden sich als provozierte und diskriminierte Minderheit.“ Als eine Ursache des Mobbings durch Migrantenkinder orten sie Revanche für „selbst erlebte Diskriminierungen“.

Sanem Kleff, Leiterin des Projekts „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ zeigt sich im „Presse“-Gespräch „verwundert über die Art dieser Debatte“. Es sei nichts Neues, dass Schüler einander mobbten – und zwar entlang aller möglichen Unterscheidungsmerkmale: etwa Schlanke gegen Dicke oder eben Migranten gegen Deutschstämmige. Bisher seien nur meist die Migranten in der Opferrolle gewesen. Doch mittlerweile gibt es immer mehr Schulen, an denen Migrantenkinder in der Überzahl sind: „Die machen nun genau denselben Blödsinn. Die tun das, was Mehrheitsgruppen oft mit Minderheiten tun.“

Der Chef des Deutschen Philologenverbands Heinz-Peter Meidinger sieht darin jedoch mehr als „normale Konflikte“ unter Jugendlichen. Er ortet „soziale und ethnische Ursachen“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.10.2010)

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