Rudolf Steiner: Schulreformer, Esoteriker, Philosoph

Vor 150 Jahren wurde Rudolf Steiner geboren. Seine Erfahrungen, sein Leben in einer Zeit gewaltiger Umbrüche waren die Basis für seine Lehre, die bis heute nicht nur die Pädagogik prägt.

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Rudolf Steiner Schulreformer Esoteriker

Das Beil erschien in Form einer Schulpsychologin: „Ihre Tochter ist normal entwickelt, intelligent, aber leider kein Fall für die Regelschule“, lautete das Urteil nach langem Testen. Was tun mit der zehnjährigen Julia, deren Notendurchschnitt nicht fürs Gymnasium reichte?

Das wusste die Psychologin auch nicht. Ein Ausweg hätte die Steiner-Schule sein können, aber, so die offizielle Auskunft am Telefon, Kinder, die nicht von Anfang an, sprich im Kindergarten, dabei sind, werden nicht aufgenommen.

Im Internet sind heftige Kontroversen über die Steiner-Pädagogik nachzulesen: „Waldorf-Schüler können oft mit zehn oder zwölf noch nicht richtig lesen und schreiben. Waldorf-Pädagogik ist brutal, grenzt Kinder aus, stempelt sie ab“, schreibt da einer. „Unsere Tochter war eine Quereinsteigerin. Etwas Besseres als Waldorf hätte uns gar nicht passieren können. Bei mir würde heute kein Kind mehr auf eine staatliche Schule gehen“, notiert eine andere.

Die Schule war schon immer ein Schlachtfeld. Einer der bekanntesten Kämpfer auf diesem Gebiet ist bis heute Rudolf Steiner (1861–1925). 1919 gründete er die erste Waldorf-Schule in Stuttgart. Die Idee dazu lieferte Emil Molt, der sozial engagierte Besitzer der Zigarettenfabrik Waldorf-Astoria.

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Vom Atheisten zum Christen

Als Steiner die erste Waldorf-Schule gründete, hatte er den Großteil seines Lebens hinter sich – und in diesem war einiges los, was seine Anschauungen prägte: Der Sohn eines Bahnbeamten aus dem heutigen Kroatien, damals Teil der Habsburgermonarchie, hatte einen gehörlosen Bruder. Rudolf Steiner selbst war hoch begabt. Mit 16 las er Kants „Kritik der reinen Vernunft“. Er studierte Naturwissenschaften, aber auch Philosophie, Literatur, Geschichte. Er erforschte Goethes naturwissenschaftliche Studien und publizierte darüber.

Mit dem akademischen Betrieb hatte Rudolf Steiner Schwierigkeiten. Er konnte sich nicht etablieren. Also wandte er sich alternativen Denkweisen zu, bewunderte Nietzsche. Vom „Übermenschen“ schweifte er weit ins Weite. Steiner hielt Vorträge, interessierte sich für Architektur, was Architekten-Prominenz von Le Corbusier über Frankl Lloyd Wright bis Frank O. Gehry beeinflusste. Er befasste sich mit Marxismus und Feminismus. Er hing der Idee von der „jüdischen Weltverschwörung“ an. Er widmete sich spirituellen Konzepten des Ostens, Karma, Seelenwanderung. Steiner schwamm in allen Ideen, den lichten und den schmutzigen seiner Zeit. Er litt unter Geldmangel, hatte Alkoholprobleme, lernte Außenseiter kennen. Er wandelte sich vom Atheisten zum Christen. Der charismatische Mann beeindruckte viele: Franz Kafka, Stefan Zweig, Selma Lagerlöf, Christian Morgenstern.

Kurt Tucholsky hingegen widmete ihm einen bissigen Kommentar: „Der Christus des kleinen Mannes“, schrieb Tucholsky 1924, verströme „wolkiges Zeug“ und hantiere mit „Riesenbegriffen“ wie „Fühlen, Denken, Wollen, das seelisch-geistige Sein.“ 1910 verwendete Steiner erstmals den Begriff Anthroposophie. Das Ziel klang gut: Bewusstwerdung. Steiner gilt als Begründer der Bio-Welle und der modernen Esoterik. Die Anthroposophie wirkt nicht nur in der Pädagogik nach, sondern in der Medizin, in der Religion, sogar im Finanzwesen (GLS Gemeinschaftsbank). Die Steiner-Pädagogik ist ebenso komplex wie die Vita ihres Gründers. Auf einen kurzen Nenner gebracht, lautet sie: Entwicklung der Persönlichkeit, der Kreativität statt Stucken, Da kann man nur fröhlich bravo rufen.

Allerdings: An Steiner gemahnende Konzepte hatte z.B. auch die schließlich sogar mit Öffentlichkeitsrecht ausgestattete Schule der Mühl-Kommune – deren Gründer Otto Mühl eine Haftstrafe wegen Kindesmissbrauchs absaß.

Eine Idee ist eben kein Garant für Gutes. Der Waldorf-Pädagogik wird vieles vorgeworfen: Die Lehrer seien nicht ordentlich ausgebildet, der Verzicht auf Noten sei der Leistung nicht förderlich, die Privatschulen können sich nur Wohlhabende leisten; für die Matura müssen Schüler eine Extra-Prüfungablegen. Den Schülern wird eine heile Welt vorgegaukelt. Sie sind Träumer, sensibel, finden sich im realen Leben nicht zurecht...

Andererseits: Um im Leben zu bestehen, Karriere zu machen, ist es heute auch wichtig, zu motivieren, diplomatisch zu sein, sein Umfeld, seine Partner zu erkennen und die eigenen Talente.

 

Bei Frauen schaute er sich viel ab

Steiner stützte sich bei seinen Stufen und Gliederungen des menschlichen Lebens (physischer Leib, Ätherleib, Astralleib) auf vorhandene Theorien. Geradezu Massen von Büchern wurden über ihn und seine Lehre publiziert – die er teilweise von Frauen abschaute.

Eine wesentliche Quelle für ihn war die Theosophische Gesellschaft – mitbegründet von Helena Petrovna Blavatsky (1831–1891). Die Theosophie, in der sich Steiner engagierte, ging der Anthroposophie voran. Blavatsky und ihre Mitstreiter bedienten sich ihrerseits bei den auch Steiner inspirierenden fernöstlichen Lehren – die wieder die heute Esoterik prägen. Das Ganze ist wie ein Stein, der ins Wasser fällt und weite Kreise zieht.

Übrigens: Die eingangs erwähnte für die „Regelschule“ nicht geeignete Julia ist inzwischen 15. Nach der öffentlichen Mittelschule geht sie nun in eine katholische Privatschule mit Matura. In beiden Schulen hatte, hat sie kluge, strenge, auch nachsichtige Lehrer, die ihre Talente achten, ihren Eigensinn dämpfen. Womöglich denken diese Lehrer in manchen Dingen ganz ähnlich wie Rudolf Steiner?

Auf einen Blick: Rudolf Steiner (1861–1925) und sein pädagogisch-historisches Umfeld

Mit der Erziehung des Menschen haben sich schon die alten Griechen befasst. Mit der Aufklärung kam neuer Schwung in die Pädagogik.

Ein Pionier war der französische Philosoph Jean-Jacques Rousseau (1712–1778). Wie man z.B. in Frank Wedekinds „Frühlings Erwachen“ (1891) sehen kann, war die Pädagogik aber die längste Zeit nicht von der schönen Theorie, sondern von der harten Wirklichkeit geprägt: Ein Krieg löste den anderen ab. Kadaver-Gehorsam war nicht nur im Leben, auch in der Schule gefragt.

Kinder wie Frauen waren von patriarchalen Strukturen abhängig. Kinder mussten früh arbeiten, kleine Erwachsene sein. Sie waren oft unerwünscht, die Waisenhäuser voll, viele Bücher lang vor Harry Potter handeln von der entsetzlichen Lage der Kinder. Die Situation war ähnlich jener in der Dritten Welt heute.

Umso heller strahlte ein Stern wie jener Rudolf Steiners, des charismatischen Selfmademans, der mit Politikern, Geistesgrößen seiner Zeit verkehrte. Steiners Lehren von den Schichten und Phasen der Menschwerdung sind umstritten. In seiner Zeit war er ein Pionier.
Seit Jahresanfang laufen weltweit Veranstaltungen zum „Rudolf-Steiner-Jahr 2011“: Veranstaltungstipps auf Lehrer.DiePresse.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.02.2011)

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