Kindergarten: "Männer werden durch Kinder toleranter"

In seiner Forschungsarbeit "Elementar" hat der Psychologe Josef Aigner die Situation von männlichen Pädagogen in Kindergärten untersucht. Er kommt zum Schluss, dass Kinder ganz besonders von Männern profitieren - und umgekehrt.

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(c) FABRY Clemens

Awien. Ein unterbewertetes, konservatives und nicht professionalisiertes Berufsbild, die traditionelle Kindferne von Männern sowie der unbegründete Generalverdacht gegen männliche Pädagogen – das sind laut Josef Aigner, Professor für psychoanalytische Pädagogik an der Universität Innsbruck, die wichtigsten Gründe dafür, dass in Österreich Männer in Kindergärten und Volksschulen massiv unterrepräsentiert sind. Die Arbeit mit Kindern werde nach wie vor als Frauensache angesehen.

Männer, die sich für diesen Beruf entscheiden, müssten sich den Vorwurf gefallen lassen, schwul, pädophil oder beides zu sein. Drei von zehn Hauptschülern etwa hielten Männer eher für eine „Gefahr für Kinder“. Diese Ergebnisse gehen aus der Forschungsarbeit „Elementar“ hervor, die Aigner zusammen mit dem Berliner Diplompsychologen Tim Rohrmann veröffentlicht hat und die jetzt auch in Buchform erschienen ist. Für die Studie wurden unter anderem 150 Kindergartenpädagogen befragt.

„Österreich ist neben Malta und der Slowakei das einzige Land in Europa, in dem Kindergartenpädagogen nicht in FH und Universitäten, sondern in berufsbildenden höheren Schulen ausgebildet werden“, beklagt Aigner. „Das ist letztlich eine Entwertung eines Berufsfeldes, das für mich der wichtigste und anspruchsvollste pädagogische Bereich überhaupt ist.“ Die Geisteshaltung, wonach die Betreuung von Kindern nur etwas für Frauen – am besten für Mütter – sei, sei noch immer vorherrschend. „Ein Irrweg, auf dem viel Potenzial verloren geht. Kinder brauchen Männer und umgekehrt“, so der Psychologe. Wenn Kinder bei ihrer Ausbildung fast ausschließlich von Frauen betreut werden, gebe man ihnen ein fragwürdiges Männerbild mit auf den Weg. „Es fehlen dadurch die Auseinandersetzungsmöglichkeiten.“ Kinder würden so den Eindruck bekommen, dass die Sorge um sie nur Frauensache sei.

 

Hohe Berufszufriedenheit

„Abgesehen davon bin ich der festen Überzeugung, dass Kinder aus Männern andere Menschen machen würden“, so Aigner. „Der regelmäßige Kontakt mit dem Unfertigen, Hilfsbedürftigen würde dazu beitragen, dass Männer weniger endzweck- und erfolgsorientiert sind und stattdessen mehr Geduld und Toleranz an den Tag legen.” Studien dazu gebe es noch keine, „aber ich glaube fest daran“. Ein Hinweis darauf sei beispielsweise, dass männliche Pädagogen eine sehr hohe Berufszufriedenheit aufweisen würden, weil sie sich bewusst für ein Leben entschieden hätten, dessen Alltag nicht mehr von wirtschaftlichem Konkurrenzdenken dominiert ist.

In Österreichs „Kindertagesheimen“ (Krippen, Kindergärten, Horte, Kindergruppen) liegt der Prozentsatz männlicher Beschäftigter derzeit bei 1,4Prozent. Die EU hat einen Anteil von 20Prozent als wünschenswertes Ziel ausgegeben. In den Kindergärten selbst beträgt der Männeranteil nur 0,6Prozent. In den Volksschulen sieht die Situation nicht viel besser aus. Hier sind es nur noch knapp zehn Prozent Männer, die als Lehrer tätig sind. Zum Vergleich: In den 1970er-Jahren waren es noch gut 45Prozent.

Die Ironie an dieser Entwicklung: Laut Aigner hat die Befragung von Eltern ergeben, dass sie männlichen Pädagogen gegenüber mehrheitlich durchaus positiv gesonnen sind. „Auch die Pädagogen selbst bestätigen, dass sich Eltern über männliche Betreuer meistens freuen.“ Am liebsten sei den Eltern im Übrigen, wenn männliche und weibliche Pädagogen gemeinsam ihre Kinder betreuen. Auch für Aigner eine Lösung, „die für alle Beteiligten die beste wäre“.

Auf einen Blick

Männer in der Minderheit. In den heimischen Kindertagesheimen (Krippen, Kindergärten, Horte, Kindergruppen) liegt der Prozentsatz männlicher Pädagogen bei 1,4Prozent. Die EU hat einen Anteil von 20Prozent als wünschenswertes Ziel ausgegeben. In den Kindergärten selbst beträgt der Männeranteil nur 0,6Prozent. In den Volksschulen sind es zehn Prozent.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.03.2012)

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