Mit dem Start der Zentralmatura muss eine unglaubliche Logistik ins Rollen kommen, um Sicherheit zu garantieren. Lehrerkinder, die die Prüfungsbögen für die Matura an die Schüler ihrer Eltern verkaufen, Jugendliche, die sich übers Netz in den PC des Mathelehrers hacken und die Maturabeispiele dann in der Klasse verteilen oder Lehrer, die ihren Schülern vor der Prüfung die Themen stecken – all das soll künftig unmöglich gemacht werden. Wenn nämlich in zwei Jahren der erste Jahrgang der Gymnasiasten die inhaltlich umstrittene Zentralmatura absolvieren wird, gilt – genauso wie im Jahr darauf bei den BHS – ein und derselbe Prüfungsbogen für tausende Schüler. Nicht auszudenken, wenn jemand die Bögen vor der Matura in die Hände bekäme. Stichwort Verbreitung über das Internet.
Wie weit die Maßnahmen gediehen sind, die das zuständige Bildungsinstitut Bifie ausarbeitet, darüber herrscht Uneinigkeit: Wirtschaftsprüfer kritisierten erst in der Vorwoche, dass die Computerplattform zur Reifeprüfung in einem chaotischen Zustand sei. Firewalls, die die geheimen Prüfungsaufgaben vor Hackerangriffen schützen sollen, würden demnach fehlen. In anderen Punkten dürfte das Bifie sich bereits nach höchsten Sicherheitsstandards umgesehen haben – etwa, was den Druck in einer strengstens überwachten Druckerei oder die Verteilung der Aufgaben an die Schulen per Sicherheitstransport betrifft. „Die Presse“ hat sich angesehen, wie die Zentralmatura in die Klasse kommt – ohne dass es undichte Stellen geben kann. Leitartikel Seite 2
Alles topsecret: Abgekoppelt von Öffentlichkeit und Internet.
Geheimhaltung ist das große Motto bei der Erstellung der Aufgaben der Zentralmatura. Jeder, der damit befasst ist, unterschreibt eine entsprechende Klausel. An der Computerplattform, auf der die Prüfungsaufgaben liegen, gibt es Kritik: Firewalls, die einen Hackerangriff verhindern, würden fehlen. Laut Bifie ist Hacken allerdings gar nicht möglich: Die Plattform, so heißt es, sei vom Internet abgekoppelt. Die Endauswahl der Beispiele trifft schließlich eine kleine Gruppe: ein Fachdidaktiker, ein Testpsychologe und ein Bifie-Mitarbeiter erstellen die Prüfungsbögen für die Matura. Sie bleiben anonym – auch zu ihrem eigenen Schutz.
Verschlüsselt und geheim: Druck im Hochsicherheitstrakt.
Die Auswahl der Beispiele geht an eine (geheim gehaltene) Druckerei. Selbst wenn jemand die Datei abfangen sollte: Öffnen kann das verschlüsselte Dokument nur die Druckerei mit dem entsprechenden Gegenschlüssel. Der Betrieb ähnelt während des Drucks einem Hochsicherheitstrakt. Er ist für den Normalbetrieb gesperrt und wird videoüberwacht. Alle Türschlösser werden ausgetauscht, es wird protokolliert, welche Mitarbeiter vor Ort sind – Geheimhaltungsklausel inklusive. Schließlich macht die Druckerei Pakete mit der entsprechenden Anzahl an Prüfungsbögen für jede Klasse bzw. Schule. Diese werden versiegelt.
Jederzeit ortbar: Sicherheitstransporte rollen durch das Land.
Zehn bis 14 Tage vor dem Maturatermin wird es spannend: Sicherheitstransporte rollen durch ganz Österreich, um die versiegelten Kuverts an die Schulen zu verteilen. Wieder gilt die Devise: bloß nicht zu wenig sichern. Eine Sicherheitsfirma holt die Pakete bei der Druckerei ab und stellt sie mit speziell gesicherten Fahrzeugen zu, die jederzeit per GPS geortet werden können – sollte ein Unfall oder ein Überfall passieren, fällt das sofort auf. „Das ist der höchste Sicherheitsstandard, den wir in Österreich gefunden haben“, heißt es vom Bifie – weit jenseits von den klassischen Paketdiensten wie UPS, DPD und Co.
Versiegelt bis zuletzt: Die Aufgaben müssen im Safe landen.
Der Transport avisiert die Schule per Handy, wenn er auf dem Weg ist. Der Schulleiter soll die versiegelten Kuverts in Empfang nehmen. Maximal drei weitere Personen kann er nennen, die übernahmeberechtigt sind. Die Übergabe wird strengstens protokolliert. Wer die Pakete übernimmt, muss sich ausweisen – läuft irgendetwas nicht korrekt ab, wird sofort das Bifie informiert. Ab dem Zeitpunkt der Übergabe übernimmt die Schule die Verantwortung für die Sicherheit. Die Aufgaben müssen bis zum Tag der Matura in einem Safe aufbewahrt werden. Öffnen darf die Kuverts vorerst niemand – auch nicht Direktor oder Lehrer.
Der große Tag: Erstmals werden die Aufgaben gezeigt.
Ob auch wirklich alles korrekt abgelaufen ist, zeigt sich spätestens am Tag der Matura. Der Schulleiter höchstpersönlich muss die Kuverts in die Klassenräume bringen, vor Schülern und Lehrern nochmals zeigen, dass die Versiegelung unversehrt geblieben ist und die Pakete dann vor deren Augen öffnen. Dann geht es los: Mehrere tausend Maturanten widmen sich denselben Aufgaben, auch die prüfenden Pädagogen kriegen die Prüfungsbögen dann erstmals zu sehen. Für sie wird es am Nachmittag richtig spannend: Dann bekommen sie nämlich die Lösungen und Beurteilungsschlüssel zugesandt.
Der Plan B: Für den Fall einer undichten Stelle.
Auch wenn die Sicherheitsvorkehrungen noch so ausgefeilt sind – es kann immer etwas passieren. Die Szenarien klingen nach großem Kino: Ein Transport wird überfallen, der Safe einer Schule ausgeraubt, die Aufgaben landen im Internet. Für solche Fälle hat das Bifie einen Plan B parat: ein Reservepaket mit alternativen Prüfungsaufgaben, das kurzfristig online zugestellt wird. Das ist sicher abgelegt und zum Download bereit – wo, wird nicht verraten. Innerhalb kürzester Zeit sollen die Aufgaben die Schulen erreichen. Mehr als eine kleine Verzögerung sollte also laut Bifie nicht passieren.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.04.2012)
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