In der Schule, ohne Deutsch zu sprechen

Seit Jänner sind 74 Migranten ohne Deutschkenntnisse in Wiener Pflichtschulen aufgenommen worden. In diesen Kursen werden keine Lehrer eingesetzt, sondern Personen aus der Erwachsenenbildung.

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(c) Clemens Fabry

Der Junge aus dem Irak, das Mädchen aus China und die Zwillinge aus Mazedonien: Sie alle hatten in den vergangenen Monaten ihren ersten Schultag in Österreich. Und: Sie alle konnten zu diesem Zeitpunkt kein einziges deutsches Wort sprechen. Dennoch sitzen sie seither als sogenannte außerordentliche Schüler in ihren Klassen. Eine Herausforderung nicht nur für die Kinder selbst, sondern auch für ihre Lehrkräfte. Besonders dann, wenn es sich dabei nicht um Einzelfälle handelt.

So wie an der Kooperativen Mittelschule Sechshausergasse im 15.Wiener Gemeindebezirk. Dort wurden seit Jahresbeginn fünfzehn Kinder ohne Deutschkenntnisse aufgenommen – viel mehr als in den vorangegangenen Jahren, bestätigt Direktor Bernhard Heinisch im Gespräch mit der „Presse“. Die meisten dieser Kinder sind zwischen dreizehn und vierzehn Jahre alt und besuchen die vierte Klasse. Viel Zeit bleibt demnach nicht, den Kindern ausreichende Deutschkenntnisse beizubringen. Denn nach dem neunten Schuljahr endet die Schulpflicht. Dann liegt es an den Jugendlichen, ob sie noch weiter zur Schule gehen wollen. Rein rechtlich ist ein freiwilliger Schulbesuch im zehnten und elften Schuljahr möglich.

 

74 Schüler ohne Deutschkenntnis

Diese Zeit so gut wie möglich zu nutzen, ist auch eine politische Herausforderung. „Gerade Seiteneinsteiger (jene Migranten, die während des Schuljahres neu dazustoßen, Anm.), die teils ohne oder mit nur rudimentären Deutschkenntnissen in unsere Schulen kommen, sind prädestinierte Bildungsverlierer“, sagt die Wiener Stadtschulratspräsidentin Susanne Brandsteidl. Gesetzlich sind für diese Kinder Sprachförderkurse im Ausmaß von elf Wochenstunden vorgesehen. Das Problem: Über den Lehrereinsatz in diesem Bereich wird am Beginn des Schuljahres entschieden. Geld vom Bund gibt es also nur für die Sprachförderung jener Schüler aus dem Ausland, die bereits ab September des jeweiligen Jahres eine österreichische Schule besuchen. Vergessen werden dabei jene Migranten, die während des Schuljahres in das österreichische Schulsystem kommen. Die Konsequenz: Es fehlt Lehrpersonal.

Allein in Wien sind seit Jahresbeginn 74 ausländische Schüler ohne Deutschkenntnisse hinzugekommen. Die vergleichsweise hohe Zahl hat den Stadtschulrat zum Handeln gezwungen. Denn die geforderten elf Sprachförderstunden konnten mit den zu Schulbeginn festgelegten und seither eingesetzten Lehrkräften nicht mehr abgedeckt werden. Seit April werden an den Wiener Pflichtschulen nun sogenannte „Neu in Wien“-Einstiegskurse abgehalten. Parallel zum Unterricht in den einzelnen Klassen wird dabei für Seiteneinsteiger ein Deutschkurs angeboten. Kinder, die kürzer als sechs Monate in Österreich sind, können daran teilnehmen. Der Kurs setzt sich aus drei aufeinander aufbauenden Modulen zusammen, die jeweils 90 Stunden umfassen. Maximal zehn Schüler werden pro Kurs aufgenommen. Bislang gibt es den Kurs an elf Standorten.

Die Kinder lernen die deutschen Zahlen, sie lernen ihren Namen zu sagen und die Speisekarte zu lesen. Es sind Grundfertigkeiten, die ihnen vermittelt werden sollen; bevor sie aus dem Schulsystem ausscheiden und damit nur mehr schwer erreichbar sind. Eingesetzt werden in diesen Kursen keine Lehrer, sondern Personen aus der Erwachsenenbildung, die bisher zum Großteil AMS- oder Wifi–Kurse hielten. Das bringe einen großen Vorteil mit sich, meint etwa Bezirksschulinspektor Manfred Pinterits. Denn: Da es sich dabei um keine Lehrkräfte handelt, könnten diese auch nicht für etwaige Supplierstunden eingesetzt werden. Der Kurs könne so ohne Probleme abgehalten werden, so Pinterits.

 

Zahlen und Daten fehlen

Dass die Kurse erst seit April angeboten werden, rechtfertigt der Stadtschulrat damit, dass die Zahl der Schüler ohne Deutschkenntnisse, die während des Schuljahres hinzukommen, in den vergangenen Jahren geringer war als heuer. Konkrete Zahlen dazu gibt es aber weder im Stadtschulrat noch im Unterrichtsministerium. In dieser Form habe man das nicht erhoben, heißt es aus dem Stadtschulrat. Es gibt zwar Zahlen dazu, wie viele Schüler während des Schuljahres in eine Wiener Schule wechseln, woher diese kommen, wird dabei aber nicht extra ausgewiesen. Es könnte sich also auch um Neuzugänge aus umliegenden niederösterreichischen Gemeinden handeln.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.05.2012)

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