Das Philosophieren als Kulturtechnik

10.06.2012 | 18:16 |  Ekkehard Martens, Hamburg (Die Presse)

Wenn die Schule Ziele wie Nachdenklichkeit und Mündigkeit verfolgen soll, dann ist die Philosophie im Unterricht unverzichtbar.

Drucken Versenden AAA
Schriftgröße
Kommentieren

Lesen, Schreiben und Rechnen lernen muss heutzutage jedes Kind. Was sollte zu diesen „Kulturtechniken“ der Grundschulpädagogik noch alles hinzukommen? Der Streit, was Kinder und Jugendliche lernen müssen und zu welchem Zweck, ist endlos und uralt.

Er lässt sich bis in die Anfänge unserer Kultur zurückverfolgen, seit im antiken Athen die ersten Grundschulen für die Söhne der gut situierten Bürger eingerichtet wurden und die Sophisten in ihren Kursen nützliches Wissen wie Rhetorik oder verschiedenes Realwissen für die Jugendlichen zusätzlich anboten. Dem Philosophen Sokrates dagegen ging es darum, seine Gesprächspartner zum Nachdenken darüber anzuregen, was für sie gut leben bedeutet.

Beim sokratischen Philosophieren lassen sich fünf Methoden herausarbeiten, etwa im Dialog Laches über die Tapferkeit. Den Ausgangspunkt bilden Erfahrungen und lebenspraktische Beispiele tapferen Handelns. Diese gilt es ohne theoretische Vorannahmen möglichst genau als dasjenige zu beschreiben, „was sich aus sich heraus zeigt“ (phänomenologische Methode). Dabei kommen immer schon Deutungen mit ins Spiel, etwa das Anstürmen gegen den Feind (hermeneutisch). Auch muss man erklären, was man unter bestimmten Begriffen wie Tapferkeit genauer versteht (nicht blindes, sondern überlegtes Anstürmen; nicht für jeden, sondern für einen vermeintlich guten Zweck; analytisch). Dabei gerät man in eine Diskussion von Pro und Contra (dialektisch). Gedankenexperimente oder „spinnerte“ Einfälle helfen, auf neue Gedanken zu kommen (spekulativ).

Sprachphänomenologisch sind die philosophischen Richtungen nach dem Philosophen Thomas Rentsch auf einfache Sprechakte zurückzuführen: „Dem Verstehen und Fragen entspringt die Hermeneutik, dem Beschreiben die Phänomenologie, dem Streiten und Widersprechen die Dialektik, dem Nachfragen, Klären und Erläutern von Bedeutungen das Analysieren der Sprachanalyse.“ Das Spekulieren, wäre zu ergänzen, entspricht dem Ausprobieren neuer Einfälle.

 

Nicht nur instinktive Reflexe

Sokrates' Philosophieren kann als eine elementare Kulturtechnik mit dem Ziel humaner Lebensgestaltung charakterisiert werden. Genetisch ist Kulturtechnik ein Erbe unserer griechisch-europäischen Kultur. Anthropologisch ist sie ein allgemeines Merkmal des Menschen als „symbolverwendendes Lebewesen“, indem wir uns mit Hilfe der Sprache und anderer symbolischer Formen in reflexiver Distanz zu Vorgegebenem verhalten, anstatt lediglich in einem instinktiven Reflex zu agieren.

Als Kulturtechnik, so zum zweiten Bestandteil des Begriffs, ist Philosophieren eine Kunstfertigkeit (griech.: techne) und geht nicht im Mechanischen auf. Zwar lässt sich beispielsweise die Begriffs- und Argumentationsanalyse durchaus lehren und lernen, erschöpft sich aber nicht im schematischen Gebrauch von Regeln und Kenntnissen, sondern ist auf ein nicht reglementierbares „Fingerspitzengefühl“ angewiesen.

Wann man beim Abwägen von Gründen und Gegengründen die jeweils richtige Mitte finden, den Einzelfall angemessen beurteilen, den passenden Moment für ein Argument wählen oder guten Einfällen Raum geben sollte, ist nicht mechanisch erlernbar. Außerdem ist Philosophieren als Kulturtechnik nicht nur formal, sondern auch inhaltlich als Materialkunde oder Topik relevanter Gesichtspunkte und Deutungsmuster zu verstehen. Aus der Kenntnis der Philosophiegeschichte heraus kann man strittige Begriffe besser identifizieren und weitere Hinsichten zur Sprache bringen.

Philosophieren ist als eine elementare Kulturtechnik zunächst grundlegend, insofern sie als „Rechenschaftgeben“ die Grundannahmen unseres alltäglichen und wissenschaftlichen Denkens und Sprechens untersucht. Zweitens ist sie einfach, insofern sie in ihren ersten Anfangsschritten bereits von Kindern geübt und praktiziert werden kann. Drittens ist sie unverzichtbar, insofern sie für ein freies und humanes Leben ebenso wichtig ist wie die Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde.

 

Nachdenklichkeit als Ziel

Aus dem Verständnis der Philosophie als einer elementaren Kulturtechnik allein folgt allerdings noch nicht, dass sie an der Schule auch tatsächlich unterrichtet werden sollte. Wenn Schule aber nach ihrem Selbstverständnis in ihren Lehr- oder Bildungsplänen Ziele wie Nachdenklichkeit, Mündigkeit oder Demokratiefähigkeit verfolgen soll (normative Prämisse) und wenn Philosophie als methodische Behandlung von Grundfragen eines humanen Lebens derartige Ziele in besonderer Weise realisieren kann (deskriptiver Mittelsatz), dann ist Philosophie an der Schule unverzichtbar (Konklusion).

Wie die allgemeinen philosophischen Denkmethoden in konkrete Unterrichtsmethoden an welchen Inhalten zu welchen Zwecken übersetzt werden können, ist ein eigenes, weites Feld.

Veranstaltungsreihe

Ekkehard Martens ist emeritierter Professor für Philosophiedidaktik. Martens war Gymnasiallehrer, bevor er unter anderem an der Uni Hamburg lehrte (und lehrt). Ihm oblag die wissenschaftliche Begleitung des Schulversuchs „Praktische Philosophie“ in Nordrhein-Westfalen. Der hier vorliegende Gastkommentar wurde vom Autor auf Grundlage seines Manuskripts zu einer Rede verfasst, die er in der vergangenen Woche bei der von Nora Ableitinger und Konrad Paul Liessmann veranstalteten Vortragsreihe „Fachdidaktik kontrovers“ an der Uni Wien hielt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.06.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr aus dem Web

1 Kommentare

Logon didonai

Ein sehr guter Artikel, Herr Professor! Leider werden heutzutage immer mehr Bildungsinhalte einer diffusen Vorbereitung auf "Wettbewerbsfähigkeit" untergeordnet und daher kaum mehr als holprige "Ingenieurs-Philosophie" zugelassen.

Schlagzeilen Bildung

AnmeldenAnmelden