Experten empfehlen wegen PISA die Gesamtschule

19.06.2012 | 10:46 |   (DiePresse.com)

Die Gruppe der schwächeren Schüler wird immer größer, zeigt eine PISA-Zusatzanalyse. Die Fördermaßnahmen hätten keinen Effekt, eine gemeinsame Schule für alle würde helfen.

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Ein schlechtes Zeugnis stellen die nationalen Zusatzanalysen zur PISA-Studie 2009 der heimischen Bildungspolitik aus. "Es lassen sich so gut wie keine Bereiche ausmachen, in denen seit der ersten PISA-Testung im Jahre 2000 eine Veränderung zum Positiven stattgefunden hätte", heißt es im "Executive Summary" der von Ferdinand Eder herausgegebenen Analysen. Die Auswertung des Erziehungswissenschafters von der Uni Salzburg wurden im Rahmen einer Tagung in Salzburg diskutiert. Angesichts der Daten bestünden "ernsthafte Zweifel, ob positive Entwicklungen ohne strukturelle Veränderungen des Pflichtschulsystems möglich sind". Unter anderem wird für die Gesamtschule der Zehn- bis 14-Jährigen plädiert.

Im Lesen kamen die 15- bis 16-jährigen Schüler aus Österreich bei der ersten PISA-Studie 2000 auf 492 Punkte, 2003 auf 491, 2006 auf 490 und 2009 nur mehr auf 470 Punkte. Aufgrund eines Boykott-Aufrufs in der ersten Testphase 2009 veröffentlichte die OECD die Österreich-Ergebnisse nur mit Vorbehalt. Die Wissenschafter kamen aber zum Schluss, dass sich "keine Anhaltspunkte ergaben, die in PISA 2009 für Österreich berichteten Ergebnisse in Zweifel zu ziehen". Auch die Begleitfolgen des Teil-Boykotts "reichen nicht aus, die Verschlechterung der Ergebnisse zu erklären".

Immer mehr schwache Schüler

Vielmehr hätten die spezifischen Trendanalysen für das Lesen gezeigt, "dass die Verschlechterung zwischen 2000 und 2009 weitgehend kontinuierlich verläuft, sich also bereits zwischen 2003 und 2006 abgezeichnet hat". Und: "Die Leistungsrückgänge sind vorrangig in den unteren Leistungsbereichen festzustellen, sodass gerade die Gruppe der schwächeren Schülerinnen und Schüler fortlaufend größer wird." Ähnlich, wenn auch nicht so ausgeprägt, sieht es in Mathematik und den Naturwissenschaften aus.

Fördermaßnahmen haben keinen Effekt

"Das bedeutet insbesondere, dass die in der Zwischenzeit etablierten Fördermaßnahmen keinen nennenswerten Effekt hatten", heißt es weiter. Die von den Schülern wahrgenommene Qualität des Unterrichts habe sich nicht substanziell verändert. Die Jugendlichen gingen zwar etwas lieber in die Schule als früher, es käme jedoch zu einer Stagnation bzw. einem Rückgang in der Entwicklung von Interessen. "Kein Hinweis" finde sich auch auf eine Veränderung des Ausmaßes an physischer Gewalt in der Schule. Und: "Der Schule gelingt es nach wie vor nicht, soziale Ungleichheit in einer substanziellen Weise auszugleichen..."

Die Wissenschafter folgern "angesichts dieser Situation - Stagnation trotz vielfältiger Interventionsmaßnahmen -, dass ernsthafte Zweifel bestehen, ob positive Entwicklungen ohne strukturelle Veränderungen des Pflichtschulsystems möglich sind". Einschränkung: Aufgrund des Erhebungszeitpunkts 2009 sind Reformen wie die Einführung der Bildungsstandards und die Etablierung der Neuen Mittelschule noch nicht einbezogen.

Gesamtschule empfohlen

Unter anderem wird "ein Rückbau der Selektivität durch konsequente Abschaffung äußerer Differenzierungsformen im Pflichtschulalter" empfohlen. Dies würde dazu beitragen, "ausgewogen zusammengesetzte Lerngruppen zu schaffen, in denen keine Gruppierungen entstehen, die sich in ihrem Lernverhalten negativ bestärken oder die sich aufgrund ihrer Zusammensetzung wechselseitig im Lernen nicht stützen können (z.B. durch Massierung von Kindern mit Migrationshintergrund)". Dies würde auch Gewalt und Disziplinschwierigkeiten wesentlich reduzieren. Außerdem wird für die Förderung ganztägiger Schulformen plädiert.

Eltern zur Unterstützung schulen

Weiters schlagen die Forscher schulorganisatorische bzw. dienstrechtliche Änderungen vor, durch die Lehrer mehr Zeit mit den Kindern verbringen können. Eltern sollen im Hinblick auf die Unterstützung ihrer Kinder geschult und Schulsozialarbeit zur sozialen Integration schwächerer Schüler etabliert werden.

Zur Schulorganisation heißt es: "Die Entscheidung zwischen Hauptschule und gymnasialer Unterstufe mit 9,5 Jahren sollte an das Ende der Pflichtschulzeit zurück verschoben werden. Die dadurch entstehende Gesamtschule für die 10- bis 14-Jährigen eröffnet zusätzliche gute organisatorische Rahmenbedingungen..."

(APA/Red.)

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116 Kommentare
 
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Gast: gast21_
22.06.2012 21:15
0 0

Lesen

Immer wieder gern kritisiert werden die Lesefähigkeiten unserer Schüler.

Die Vermittlung der Lesekompetenz ist in der einzigen Gesamtschulformangesiedelt (VS). Soviel zum "Erfolg" dieser Schulform.

Gast: Bank12
21.06.2012 09:06
1 0

Redaktion & PR- Journalismus

Wenn man nur PR- Meldungen von politischen Institutionen aus der APA abschreibt kann man sich eine Redaktion eigentlich ganz sparen! Wofür eine Qualitätszeitung lesen, wenn nich recherchiert wird? Die schwachen Pisa- Leistungen korrelieren mit der Anzahl der Kinder, die analphabetische Mütter haben, die ihnen als Erstsprache einen Dialekt nichtheimischen beibringen. Die Lösung liegt in der deutschen Sprache ab dem ersten gesprochenen Wort. Wenigerbegabte werden deutsch im 2. Anlauf als Zweitsprache nie lernen! Deutsch bleibt da eine Fremdsprache und auf entsprechendem Niveau.

Gast: Bank12
21.06.2012 09:01
1 0

umgekehrt wär´s richtig

Die Gesamtschule wird auch unsere Kinder und Jugend hinunterziehen. Österreichs Leistung kann nur in geistigen Leistungen liegen- mit ungebildeten Arbeitskräften werden wir nicht bestehen. Wir müssen also die Begabten fördern und nicht durch Unbegabte ruinieren lassen.

3 0

Antwort an Guevara der Pirat

Habe vier Gym.Prof. in der Familie und die sind mit mir einer Meinung. Habe jahrelang am Cape Technikon unterrichtet und jeder Student hatte einen Durchschnitt zwischen sehr gut und gut beim Matric.
Warum machen so viele nicht einmal den Hauptschulabschluss?
Aus Unbegabten kann man keine Begabten machen und das ist meine lebenslange Erfahrung aus der Praxis.

Gast: NP
20.06.2012 18:11
7 0

Warum sagt niemand,...

... das die PISA-Ergebnisse im AHS-Bereich ausgesprochen positiv sind! Das passt ganz offensichtlich nicht ins politische Konzept dieser selbsternannten sogenannten Bildungsexperten - die oberste "Expertin" ist ja schon von ihrer ursprünglichen Betätigung (von Beruf kann man nicht reden) her "prädestiniert" Schulreformen durchzuziehen! Es darf janicht sein, dass es irgendwo in Österreich noch Kinder gibt oder geben würde, die vielleicht doch begabter sind als andere - wo kommen wir denn da hin, wo wir doch Alle gleich sind- laut Marx, Engels usw.usw.!

Gast: Flüsterer
20.06.2012 15:58
2 0

Bildungsreform

Wenn unser "oberster" selbsternannter Bildungsexperte, Herr Dr. Androsch, die Regierungskonstellation nach den nächsten Wahlen vom Durchziehen seiner sog. Bildungsreform (Gesamtschule, was sonst),definiert im Bildungsvolksbegehren, das erstaunlicherweise, oder doch indirekt gesteuert?, einige 100 000 "Fachleute" der Materie, Sympathisanten bzw. irgendwie anders Motivierte unterschrieben haben, abhängig gemacht haben will und dabei an die GrünInnen (Nachrichten heute) appelliert, so zeigt das meiner Meinung nach eindeutig, wohin ideologisch der Weg der Schule gesteuert werden soll. Das muss natürlich mit diversen "Schein"studien untermauert werden, damit das Volk dann auch "Hurra, jetzt haben sir sie" rufen kann. Ernsthaftes Lernen war, ist und wird auch weiterhin harte Arbeit bleiben, auch wenn man das in gewissen Kreisen nicht unbedingt gern hören will. Nur Spass, irgendwelche Projekte, ev. Noten auf Zuruf wird die Qualität unserer Ausbildung nicht allein weiterbringen.

Gast: dreamerinvienna
20.06.2012 12:47
3 0

mir düncht

dass derartige empfehlungen mehr als (partei-)politisch, geprägt sind. die begründungen sind ja hahnebüchen

6 0

werden auch

die experten und politiker ihre kinder/enkel usw........... auf eine gesamtschule schicken oder doch in privatschulen?

Re: Was heißt werden, sie tun es doch schon seit langer Zeit....


Gast: gert3344
20.06.2012 12:31
4 0

Experten empfehlen wegen PISA die Gesamtschule

darum alle in eine schule zusammenstecken, damit alle gewalterfahrungen machen und nebenher die leistungen aller auch allesamt gleich schlecht werden

Re: Experten empfehlen wegen PISA die Gesamtschule

vllt sucht man ja als erziehungsberechtigter dort nach abschreckenden beispielen...

1 1

Keine Aahnung von der Vererbung,

Die Loesung liegt nicht im finanziellen Bereich, sondern, in der genetischen Veranlagung der Jugendlichen. Aus Unbegabten kann man keine Begabten machen. Diesen Wunsch kann man nur im Traum haben.
Die Naturgesetze und nicht Wunschdenken muessen endlich in die Koepfe.
Wir wollen folgendes beachten: Je mehr unsere Gesllschaft und unsere Ausbildungsmoeglichkeiten egalisieren, desto mehr werden die genetischen Faktoren Erfolg und Misserfolg in der Schule und an der Universitaet bestimmen.Es trifft fast sicher zu, dass das Verhaeltnis von 80 % Erbanlage zu 20 % Umwelt, das die genetische Forschung als die ungefaere Abgrenzung des relativen Anteils der genetischen Faktoren und der Umweltfaktoren an der IQ-Verteilung in unserer Gesellschaft angegeben hat, vor hundert Jahren geringer war und in der unmittelbaren Zukunft sogar noch groesser sein wird. Somit wird der Anteil der Vererbung in einer egalitaeren Gesellschaft sogar noch groesser sein als zum gegenwaertigen Zeitpunkt und viel groesser als in der Vergangenheit,
Als eine weitere Folgerung ergibt sich, dass die in der Vergangenheit von Erziehungswissenschaftlern vorgeschlagenen Methoden zur Verbesserung der Schulleistungen von unbegabten Kindern aller Schichten zum scheitern verurteilt sind. Es sind nicht die veraenderlichen Umweltfaktoren, sondern die unveraenderlichen ererbten Veranlagungen des Kindes, die allen erzieherischen Bemuehungen eine Grenze setzen.

Re: Keine Aahnung von der Vererbung,

Damit haben sie recht. Sie haben wirklich keine ahnung von vererbung. Nur wenn sie das bereits in der ueberschrift feststellen, ergo wissen, warum schreiben's dann noch diesen unueberbietbaren schwachsinn?

völliger blödsinn.

sogar die eingefleischtesten hardcore-entwicklungsgenetiker gehen von einem 80 %-igen einfluss der umwelt aus...

Gast: Die Wahrheit macht frei
20.06.2012 10:57
7 0

Wenn ich nur das Wort "Experte" lese wird mir schon übel....


Ein "Experte" ist ein von der Politik gekaufter, in der Wissenschaft gescheiterter Mensch !


Re: Wenn ich nur das Wort "Experte" lese wird mir schon übel....

Fundiertes wissen bereitet ihnen uebelkeit?

Antworten Antworten Gast: Bademeisterin
20.06.2012 14:28
0 0

Re: Re: Wenn ich nur das Wort "Experte" lese wird mir schon übel....

Wenns nur so wäre, wenns nur so wäre! Sind Sie auch "Experte"???

Gast: Vogel Strauss
20.06.2012 09:34
6 2

Wegen PISA die Gesamtschule?

Versteh ich nicht. Damit dann alle gleich schlecht sind?

Antworten Gast: bildung hilft. auch ihnen!
20.06.2012 11:30
0 1

Re: Versteh ich nicht.

q.e.d.

1 0

Re: Wegen PISA die Gesamtschule?

Dann fällt´s nicht so auf.

Antworten Antworten Gast: Wrtlbrnf
20.06.2012 10:49
1 0

Re: Re: Wegen PISA die Gesamtschule?

ja es ist schon nicht so einfach zu verstehen was der Wissenschaftler da sagt. Aber wenn Sie's nochmal durchlesen und vielleicht auch noch ein drittes Mal, dann könnte es klappen. Viel Erfolg!

McDonaldisierung der Bildung

Die OECD-Vergleiche/Rankings setzen die einzelnen Länder unter Reformdruck ihre Bildungs- und Hochschulsysteme umzustrukturieren und an einzelnen Erfolgsmodellen (finnisches Schulsystem als "Best-practice"Beispiel zu orientieren. Verschiedene nationale Bildungstraditionen/Ressourcen werden an einem Maßstab gemessen, ohne den nationalen/historischen Kontext näher zu berücksichtigen. Dadurch stellt sich dann auch die Frage, ob es wirklich so einfach ist von den PISA-Ergebnissen auf kompetenzsteigernde- bzw. mindernde Wirkungen zu schließen. Das Problem ist, dass mit dem Verweis auf die PISA-Ergebnisse national unterschiedliche Bildungstraditionen entwertet/auf ein Ideal hin ausgerichtet/reformiert werden. An die Stelle der verschiedenen Modelle (mit ihren jeweiligen Vor- und Nachteilen) tritt eines, welches die höchste ökonomische Verwertbarkeit verspricht. Richard Münch bezeichnet diesen Standardisierungsprozess als "McDonaldisierung der Bildung" bei der "die breite Masse mit standardisierten Produkten versorgt wird" (Münch 2008: 88).

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Seltsame Argumentation

Die Leistungen der vorher schon Leistungsschwachen nehmen trotz massiver Förderungen ab. Und deswegen sollen jetzt alle Schüler zusammen unterrichtet werden? Der zu erwartende Effekt besteht doch darin, dass dann alle Schüler schlechte Leistungen zeigen.
Da gibt es die Regel von der Entropie im Alltag:
Ein Löffel Wein in ein Fass Jauche ergibt Jauche.
Ein Löffel Jauche in ein Fass Wein ergibt Jauche.

nicht alles was hinkt ist ein vergleich...


Antworten Gast: Wrtlbrnf
20.06.2012 10:52
2 9

Re: Seltsame Argumentation

Schüler als "Jauche" zu bezeichnen ist unterirdisch.

 
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Schlagzeilen Bildung

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