Alpbach/Wien. „Wollen wir eine gesunde Gesellschaft haben, müssen wir auch Anstrengungen dafür unternehmen, nicht nur im Leistungssport. Da hängt ein großer Haufen mit dran, sei es Integration oder die Bekämpfung von Jugendkriminalität. Wir müssen den Sport in der Gesellschaft höher hängen, aber nicht, damit wir mehr Erfolge feiern, sondern weil es aus der Hirnforschung Belege gibt, dass Sport leistungsfördernd ist – auf vielen Gebieten. Wir sind keine Bodenschatznation, wir müssen unsere Bürger halt clever machen. Und dafür ist eine sportliche Grundausstattung notwendig.“
Aussagen, die zuletzt sehr oft zu hören waren, in diesem Fall aber von keinem Österreicher als Folge der „Nullnummer von London“ stammen – sondern vom deutschen Hockeytrainer Markus Weise. Es mag irritierend anmuten, immerhin gewannen die Deutschen elfmal Gold in London und insgesamt 44 Medaillen. Edelmetall ist trotzdem nicht alles. Weise ließ mit diesem „FAZ“-Interview aufhorchen. Denn er findet eine Gesellschaft, die sich nicht offen zum Sport bekennt und die Möglichkeit sträflich ungenützt lässt, Bewegung in der Schule für Gesundheits-, Leistungs- und Sportzwecke voranzutreiben, äußerst fragwürdig.
Eine Entscheidung der Gesellschaft
In Österreich dominieren nach dem höchst ernüchternden Olympia-Auftritt nicht nur Rätselraten bei der Ursachenforschung, sondern auch ein Widerspruch zwischen Sport- und Bildungspolitik. Für Beobachter ist die Wurzel allen Übels im nahezu inexistenten Schulsport zu finden. Bildungsministerin Claudia Schmied sieht es anders: „Es gibt keinen Zusammenhang zwischen sportlichem Erfolg und Schulsport.“
Zum Auftakt des „Europäischen Forums Alpbach“ schlägt nun die Bundessportorganisation (BSO) zurück. Sie initiiert in Zusammenarbeit mit 60 Fachverbänden, dem Österreichischen Olympischen Komitee und den Dachverbänden Askö, Asvö und Union eine Unterschriftenaktion für die Einführung der „täglichen Turnstunde“ in Kindergärten und Schulen. „Wir müssen und werden alles dafür tun, damit unsere Kinder gesund bleiben, und in Zukunft auch Sportlern eine bessere Ausgangsposition gewiss ist“, sagen Geschäftsführerin Barbara Spindler und BSO-Präsident Peter Wittmann unisono. „Dieses Unterfangen muss mit allen Mitteln gefördert werden. Und je mehr Unterstützung wir erhalten, desto mehr Gewicht bekommt dieses Anliegen.“
Dass die BSO damit auf Konfrontation zu Ministerin Schmied geht, wollte Wittmann nicht kommentieren. Doch der unterschiedliche Zugang beider SP-Politiker zu diesem Thema ist offenkundig. Es gehe nicht um Partei oder Politik, beteuert Wittmann, sondern um die Wahrung der Chance, „die ja für niemanden etwas Schlechtes bedeutet“. Auch sei es weder ein Aufstand noch eine Rebellion, sondern eine „bewusstseinsfördernde Maßnahme, eine Kampagne“. In zehn Tagen sei alles auf die Beine gestellt, im Vorfeld zum Fußballländerspiel gegen Deutschland starte die Aktion. Sie laufe zudem bei Vereinen, Verbänden, der Website und werde zudem beim „Tag des Sports“ plakativ fortgesetzt.
Nach der am vergangenen Sonntag ausgestrahlten ORF-Talkrunde herrschte ob diverser Aussagen des auch für den Sport zuständigen Verteidigungsministers Norbert Darabos Unruhe bei vielen Vereinen und Verbänden. Vor allem konzentrierte sich der Unmut auf seine unklaren Aussagen über eine Zusammenlegung aller Förderinstitutionen und der damit verbundenen Auflösung des aufgeblähten, kostspieligen Verwaltungsapparates. Nun soll, erfuhr „Die Presse“ aus Sportkreisen, ein Vorschlag vorliegen: In Hinkunft soll es in Österreich nur noch zwei Anlaufstellen für Sportler geben. Spitzensportförderung und Olympiaprogramme obliegen ausschließlich dem ÖOC, der Rest, Breitensport inklusive, der BSO. Damit wäre die Ära einer Unzahl von Förderprogrammen oder das wahlweise Eingreifen von Politfunktionären vorbei.
Die Unterschriftenaktion stellt in gewisser Weise somit eine „Dringliche Anfrage“ an die Gesellschaft dar. Legt sie Wert auf Sport, Bewegung und Gesundheit ihrer Kinder, ist ein Autogramm unerlässlich. Bleibt es aus, ist jede weitere Diskussion obsolet.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.08.2012)
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