Alpbach. Mädchenspezifische Motivationsprogramme wie etwa FIT („Frauen in die Technik“) gibt es schon seit Jahren, geändert hat sich aber kaum etwas. „Vielleicht kann man von etwas mehr Anfängerinnen in den mathematischen und naturwissenschaftlichen Studienrichtungen sprechen“, sagt Stefan Hopmann, „aber mit dem fünften Semester hat sich das erledigt.“
Den Grund kann der deutsche Bildungsforscher, der seit 2005 an der Uni Wien lehrt, nicht schlüssig erklären. Allerdings: Seit dem Ausgang des 18. Jahrhunderts (!) kann Hopmann immer wieder Berichte zitieren, die einen eklatanten Technikermangel – früher nur bei den dafür zugelassenen Männern – beklagen. Es hat sich also kaum etwas geändert. Bei den Alpbacher Technologiegesprächen richtete die niederösterreichische Wirtschaftsagentur Ecoplus daher den Arbeitskreis „Gesucht: jung, technisch begabt, wissbegierig“ aus.
Wenn auch der Nachwuchsmangel in Naturwissenschaften und Technik stets beklagt wird, so steht Österreich im Bildungsvergleich noch gut da, sagt Hopmann. Der Anteil von 30 Prozent der Studierenden in diesen Bereichen sei seit Jahren konstant und liege im internationalen Vergleich ziemlich hoch. Wobei Biologie eine Ausnahme bildet: Hier sind die Studentenzahlen stark angestiegen, auch jene der Frauen. In Fächern wie Maschinenbau ist der Studentenanteil hingegen zurückgegangen.
In seinen Analysen konzentriert sich Hopmann auf die Spezies der „Bildungsaufsteiger“. Diese würden sich überdurchschnittlich auf den technischen Bereich konzentrieren. In erster Linie zählen Kinder von einem österreichischen und einem ausländischen Elternteil dazu, dann folgen Kinder aus Ausländerfamilien. Kinder österreichischer Eltern sind entweder keine „Aufsteiger“ mehr oder sie leben von ihrer Familie her in der österreichischen – eher kulturbezogenen – Tradition.
Unterricht wie vor 150 Jahren
In den ersten vier Schuljahren sind alle Schülerinnen und Schüler noch äußerst technikinteressiert, ab der sechsten Schulstufe ist es aber damit vorbei. Auch die Bildungsaufsteiger verlieren ihr Interesse, „weil Unterschiede in der Schule nicht abgebaut, sondern aktiviert werden“. Dazu Hopmann: „Die PISA-Strategien verbessern die Situation nicht, eher im Gegenteil. Die Schulstrukturen haben keinen Einfluss, die Gesamtschule tut nichts zur Sache, sie würde nichts ändern.“ Auch mit Geld habe das nichts zu tun, Österreich liege bei den Investitionen in den Schulbereich an dritter Stelle in Europa.
Was also dann? Reformen in den Fächern, so der Bildungsforscher, würden nur in Randbereichen, nicht aber im Kern der Gegenstände vollzogen. Man unterrichte noch ähnlich wie vor 150 Jahren. Und dann komme es darauf an, was sich in den Klassenzimmern, also im individuellen Bereich, tut, sagt Hopmann: „Und hier haben wir es schlicht und einfach mit einer grottenschlechten Situation zu tun.“
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.08.2012)
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