Jeder zweite Schüler kann nicht rechnen

Die Gymnasien schneiden bei den Bildungsstandards deutlich besser ab als Hauptschulen. Oberösterreich ist Spitzenreiter, Wien das Schlusslicht. Migranten liegen deutlich unter dem Durchschnitt.

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Symbolbild – (c) Clemens Fabry

Wien. Den heimischen Schülern wurde gestern mit der Veröffentlichung der Bildungsstandards ein ernüchterndes Zeugnis ausgestellt. Denn nur knapp mehr als die Hälfte der 14-Jährigen – nämlich rund 58 Prozent – erreichte die geforderten Mindeststandards in Mathematik. Das heißt: Rund 43 Prozent der Schüler beherrschen das, was sie laut Lehrplan können sollten, nur teilweise oder gar nicht (Zahlen nach Angaben des Ministeriums; gerundet).

Wie dramatisch dieses Ergebnis ist, zeigen die absoluten Zahlen. Von rund 80.000 getesteten Schülern der vierten Klasse Gymnasium, Hauptschule und Neue Mittelschule (NMS) übertreffen gerade einmal 3800 Schüler die geforderten Standards. Im Vergleich dazu erreichen 13.300 Schüler nicht einmal das Mindest-Level. Das heißt, dass jeder sechste Schüler erhebliche Probleme damit hat, einfache Rechenaufgaben durchzuführen.

Gymnasien sind viel besser

Ein Schultyp hat dennoch Grund zur Freude: das Gymnasium. Es schneidet durchwegs besser ab als die „allgemeinen Pflichtschulen“, also die Hauptschulen und die Neuen Mittelschulen. So kommen Gymnasiasten bei dem Test durchschnittlich auf 600 von 700 Punkten. Damit fallen sie in die Kategorie „Bildungsstandards erreicht“. Anders die Schüler der Hauptschule bzw. der NMS. Sie kommen lediglich auf 504 Punkte. Soll heißen: Der durchschnittliche Schüler der NMS bzw. der Hauptschule erreicht die Standards nur „teilweise“. Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) sieht sich dadurch in der Forderung nach einer Gesamtschule der Zehn- bis 14-Jährigen bestätigt. Schuld an den großen Leistungsunterschieden sei die frühe Trennung der Schüler in die unterschiedlichen Schulformen.

Übrigens: Auch die Herkunft beeinflusst die Leistung der Schüler stark. Während nur rund 13 Prozent der Schüler ohne Migrationshintergrund die Standards nicht erreichen, trifft das auf rund 35 Prozent der Schüler mit Migrationshintergrund zu.

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Kärnten schlechter als erwartet

Große Leistungsunterschiede gibt es auch zwischen den Bundesländern. Spitzenreiter ist Oberösterreich. Mit 548 Punkten erfüllt der Durchschnittsschüler dort die Bildungsstandards locker. Anders in Wien. Hier liegt der Durchschnitt bei 517 Punkten, die Schüler erreichen das festgelegte Mindestniveau also nur teilweise.

Eine Rolle dürften dabei auch die unterschiedlichen Ausgangssituationen spielen. Deshalb wurde auch ein sogenannter „fairer Vergleich“ berechnet. Dabei werden die Rahmenbedingungen – etwa der Migrationshintergrund und der Bildungsstand der Eltern – in die Auswertung einbezogen. Die Ergebnisse werden dementsprechend gewichtet. Oberösterreich übertrifft sogar die für das Land berechnete erwartete Leistung. Das Wiener Ergebnis hingegen liegt ziemlich genau im Bereich des Erwarteten. Bedenklich sind die Kärntner Resultate. Diese liegen um fast 20 Punkte unter dem Erwartungswert.

Für Aufregung sorgt die Informationspolitik des Unterrichtsministeriums. Eine eigene Auswertung der NMS gibt es nämlich nicht. Und das, obwohl eine Evaluierung der NMS bereits vor ihrer flächendeckenden Einführung hätte stattfinden sollen. Im Ministerium argumentiert man das mit der geringen Zahl an NMS, die an dem Test teilgenommen haben. Von 67 Schulen könne man nicht auf die Performance eines ganzen Schultyps schließen. Stichwort Transparenz: Wie gut die Schule ihrer eigenen Kinder abschneidet, erfahren die Eltern auch nicht.
Leitartikel, Volksschultest Seite 2

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.12.2012)

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