Bildungsreform ja, aber nicht mit meinem Kind!

Die Bildungsbürger haben ihr Vertrauen in das öffentliche Schulsystem verloren. Der Fokus liegt schon zu lang nur auf der Förderung benachteiligter Schichten.

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Schulkinder – (c) APA HARALD SCHNEIDER (HARALD SCHNEIDER)

Wer glaubt, dass das österreichische Bildungssystem nur unter den migrantischen Parallelgesellschaften leidet, der hat wohl noch nie einen „Tag der offenen Tür“ an einer Wiener Privatschule besucht. Denn dort haben jene einheimischen Jungeltern, die es sich leisten können, längst ihre eigene Parallelgesellschaft errichtet. In der ersten Reihe sitzen da Mütter mit quengelnden Babys im Tragetuch, um ebendiese – der Andrang ist bekanntlich groß – „zur Sicherheit jetzt schon“ für das Schuljahr 2018/19 anzumelden. Und allen Ernstes die Frage zu stellen, ob „das Lernen an dieser Schule Spaß machen soll – oder die Kinder eh ordentlich aufs Gymnasium vorbereitet werden“. Ja, das ist ein realer Fall. Und: nein, kein Einzelfall.

Es ist dies die Parallelgesellschaft der „neuen Bildungsbürger“. Sie sind der Inbegriff jener Mittelschicht, die angesichts des steigenden gesellschaftlichen Drucks in Panik verfällt. Der deutsche Soziologe Heinz Bude diagnostizierte bei ihnen in einem „Presse“-Interview zuletzt so treffend eine „grassierende sozialmoralische Ansteckungsangst“. Angst davor nämlich, ihre Kinder mit anderen in die Schule zu schicken, deren Eltern weniger Wert auf das legen, was sie unter Bildung verstehen. So wie sie Angst vor allem haben, was potenziell den Wert dieser Bildung mindern könnte. Bildung, sagt Bude, sei das Einzige, was diese Eltern – mangels großer Häuser, Firmen oder gesellschaftlichen Einflusses – ihren Kindern vererben können. „Und sie werden alles tun, damit dieses Erbe nicht gemindert wird.“ Besser lässt es sich kaum formulieren.
Dass diese Eltern in ihrem Vorhaben, positiv formuliert, Erfolg haben, belegt jede Statistik. Wenn in Österreich etwas vererbt wird, dann ist es Bildung. Dass damit zugleich auch Unbildung vererbt wird, muss man dazusagen. All jene, die an dieser Stelle gern einwenden, dass es wohl die Intelligenz sei, die da weitergegeben werde, sind zu enttäuschen. Es sind vor allem die familiären und sozialen Rahmenbedingungen, die in Österreich über den Bildungsweg entscheiden. Oftmals mehr als die Leistung des Einzelnen. Das zeigt sich nicht zuletzt, wenn man die Ergebnisse sogenannter „guter“ Schulen um die sozialen Rahmenbedingungen ihrer Schülerpopulation bereinigt. Die Erkenntnis schmerzt, daher tun wir sie gern als Ausfluss linker Gleichmacherei ab.
Dass sich Eltern um die Bildungskarriere ihres Nachwuchses sorgen, soll hier freilich nicht zum Problem stilisiert werden. Im Gegenteil. Wenn die Alternative darin liegt, das eigene Kind in eine öffentliche Schule zu schicken, in der der Migrantenanteil bei – wie in einigen Wiener Bezirken – bis zu 89 Prozent liegt, dann ist das schlicht keine Alternative. Sein Kind wohlbehütet im privatschulischen Mikrokosmos unterrichten zu lassen, erscheint da plötzlich nicht chic, sondern unerlässlich. Dass dieser Mikrokosmos, in dem Migranten höchstens in Gestalt von Botschafterkindern auftauchen, so gar nichts (mehr) mit der gesellschaftlichen Realität zu tun hat, ist das andere Problem. Um zu erkennen, dass sich die Schere zwischen gut gebildet und ungebildet damit immer weiter öffnet, muss man kein Anhänger der Klassenkampftheorie sein. Dass diese Schere zum Problem wird, liegt daran, dass wir von jener Generation sprechen, die in zwanzig Jahren maßgeblich über die Zukunft dieses Landes bestimmen wird.

Dass es Reformen braucht, das wissen auch die verängstigten Bildungsbürger. Wäre da nur nicht das eigene Kind, das von ebendiesen Reformen bitte verschont bleiben möge! Denn die Eltern haben das Vertrauen in das öffentliche Schulsystem längst verloren. Die SPÖ-Schulpolitik hat sich in den vergangenen Jahren zu sehr darauf versteift zu erklären, wie man schwache, benachteiligte Schüler auffangen könne. Und dabei vergessen, allen anderen Gruppen zu erklären, wie man ihren – vergleichsweise hohen – Standard gleichzeitig halten und ausbauen will. Viele Eltern wurden in ihrer Angst vor der „Nivellierung nach unten“ schlicht alleingelassen.
Eine Reform, deren Ziel mehr Chancengerechtigkeit ist, muss aber (auch) an den oberen Gliedern der Kette ansetzen. Sie muss den Bildungsbürgern klarmachen, dass ein Auffangen Benachteiligter nicht mit ihrem eigenen Niedergang einhergeht. Parallelgesellschaften sind nie förderlich. Egal, wer sie einrichtet.


E-Mails an: christoph.schwarz@diepresse.com

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