Unterricht: Frontal oder in der Gruppe?

Die für alle Situationen und Schüler perfekte Unterrichtsmethode gibt es nicht. Auch der traditionelle Frontalunterricht hat seine Meriten, betonen Bildungsforscher.

Unterricht Frontal oder Gruppe
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Unterricht Frontal oder Gruppe
(c) Clemens Fabry

Frontalunterricht macht klug“ und „Mehr zuhören, weniger diskutieren“. Derartige Schlagzeilen wie jene in der „FAZ“ haben kürzlich für Sprengstoff in der deutschen Bildungsdiskussion – in der „Dauerbaustelle“ Schule – gesorgt. Kinder würden immer noch am besten lernen, wenn man sie in guter alter Manier frontal unterrichte, heißt es da unter Berufung auf eine groß angelegte Analyse in den USA und einige kleinere Erfahrungsberichte aus Deutschland.

Für Stefan Hopmann handelt es sich bei dieser Diskussion nicht um wirklich neue Erkenntnisse. Der Professor am Institut für Bildungswissenschaft der Uni Wien – mit einem der Forschungsschwerpunkte „Reformpädagogik und Lehrplanarbeit“ – wendet sich gegen jede Pauschalierung. Keine Methodik, ob Frontalunterricht oder ein offener Unterricht, bei dem Schüler in Gruppen arbeiten und selbst in die Gestaltung einer Schulstunde eingreifen können, sei automatisch falsch, eine generelle Verurteilung des modernen Unterrichts lehnt er ab. Hopmann differenziert nach der Schülerpopulation: Schlechtere Schüler, jene aus bildungsfernen Schichten oder aus Migrantenfamilien, würden von einem Frontalunterricht profitieren und tatsächlich bessere Lernerfolge erzielen.


Was ist relevant? Ausschließlich vom Katheder aus würde heute kein Lehrer mehr unterrichten, außer vielleicht – und das sagt Hopmann etwas ironisch – so mancher Universitätsprofessor. Dennoch könne man in der vergleichenden Forschung die Vorteile des Frontalunterrichts erkennen: Der Unterrichtsstoff ist dabei strukturiert, es wird klar, was Schüler lernen sollen und was sie auch wieder vergessen können. Bei den „offenen Unterrichtsformen“ müssen hingegen die Schüler selbst erkennen, was wirklich wichtig sei. Es fehle die klare Ansage, worauf es im Unterrichtsstoff ankomme, worauf nicht. Hopmann: „Der Lehrer markiert, was langfristig relevant ist. Da ist von Vorteil, wenn ich weiß, was Sache ist.“ Aber eben von großem Nachteil, wenn Schüler noch nicht auf dieser Erkenntnisstufe stehen.

Wobei der Erziehungswissenschaftler im selben Atemzug feststellt, dass ein „gut gemachter Frontalunterricht schwer, sehr schwer ist“. Und dass auch hier eine Lehrkraft bei ihrem Vortrag differenzieren müsse, also auf den unterschiedlichen Stand der Schüler eingehen müsse. „Der Lehrer“ – und hier spricht Hopmann von der guten Lehrkraft – „der Lehrer muss auf die unterschiedlichen Leistungsniveaus, auf das unterschiedliche Sprachniveau und auf die unterschiedlichen Zugänge eingehen.“ Wenn sich ein Lehrer auf den Durchschnitt konzentriere, würden beide zu kurz kommen: die besonders guten wie die mittleren und schwachen Schüler.

Wenn Kinder im Elternhaus in ihrem Lernfortschritt begleitet werden, dann, nur dann sei der Unterricht in der Gruppe, mit selbst erarbeiteten Zielen und nach einem Wochenplan besser. Die Montessori-Pädagogik sei dann in einer Klasse von Vorteil, wenn zu Hause die Eltern diese Lernmethode kennen. Eine Gefahr im Gruppenunterricht sei auch, „dass die Quickies vertrocknen und die Langsameren abgehängt werden“.

Der Forscher plädiert daher (wie auch der schon verstorbene deutsche Psychologe Franz Weinert) für ein Zusammenspiel: Offener Unterricht ja, aber mehr als 20 bis 25 Prozent der Zeit bedeute für viele in der Klasse eine Überforderung. Und auf der anderen Seite sei eine Schule ohne Frontalunterricht auf jeden Fall falsch. Das Erfolgsrezept laute demnach „lehrerzentrierter Unterricht mit eingebauten Aktivitätsphasen“.


Reputation der Schule. Die alarmierenden Ergebnisse von Bildungsuntersuchungen wie zuletzt die Erhebungen zu den Bildungsstandards der 14-Jährigen im Dezember kurbeln die Bildungsforschung – und zwar von der Kindergartenpädagogik bis zum sekundären Analphabetismus der Erwachsenen – an. Wobei nicht immer die Lernformen im Mittelpunkt stehen. Erna Nairz-Wirth, Bildungswissenschaftlerin an der Wiener Wirtschafts-Uni, sieht auch die äußeren Rahmenbedingungen einer Schule entscheidend für den Lernfortschritt. Internationale Vergleichsstudien hätten gezeigt, dass dann das Image einer Schule steigt, wenn diese die Schulkultur verbessere, ein Qualitätsmanagement einführe, die Schüler zu einem Verhaltenskodex verpflichte und auf das Gemeinschaftsgefühl setze. Mit der Verbesserung der Schulreputation seien in den beobachteten Schulen auch die Leistungen der Schüler gestiegen.

Als Beispiel führt Nairz-Wirth Studien ihres Teams in der Sir Charles Tupper Secondary School in Vancouver/Kanada an. Diese Schule hat ihren bisherigen Schulalltag grundlegend geändert, Schüler wurden stärker an die eigene „Trademark“ gebunden, und zugleich legte man Wert auf eine strikte Disziplin. In der Folge ist die Zahl der Klassenwiederholungen signifikant gesunken, die zuvor gemiedene Schule erzielte beste Ergebnisse und musste Wartelisten für den Schuleintritt einrichten.


Neue Medien. Das Institut für Wissensmanagement der TU Graz beteiligt sich wiederum an dem EU-Projekt „Learning Layers“, bei dem es um das informelle Lernen am Arbeitsplatz geht. Ziel sind neue technologische Lösungen für Klein- und Mittelbetriebe, sagt Institutsleiterin Stefanie Lindstaedt – die auch das Comet-Kompetenzzentrum „Know Center“ in Graz leitet. Das Projekt, an dem Forschungsinstitute in sieben Ländern beteiligt sind, ist im November 2012 gestartet und für vier Jahre finanziert. Die Grazer arbeiten, wie Lindstaedt sagt, „sozusagen am Gehirn des Projekts“. Es gehe darum, in einem sozialen Netzwerk Informationen zu verbinden und dem Nutzer möglichst schnell und einfach zugänglich zu machen. In der Anfangsphase ist der Fokus exemplarisch auf Bauunternehmen und das Gesundheitswesen gerichtet. In der Baubranche soll – nach dem Motto „Lernen ohne (wirklich) zu lernen“ – interessierten Mitarbeitern Einblick in die neuesten technologischen Erkenntnisse geboten werden. Im Gesundheitsbereich, in dem auch Krankenschwestern und Therapeuten eingebunden sind, wird beispielsweise das Judenburger Spital mit Kliniken in England vernetzt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.02.2013)

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