Wien. „In den nächsten fünf Jahren wird das Whiteboard die gewöhnliche Tafel ablösen“, so die These von Martin Breier, Marketingmangager der marktführenden Firma Smart. In Großbritannien wurden bereits 80 Prozent aller Tafeln durch sogenannte Whiteboards – also digitale Tafeln – ersetzt. Auf den Tafeln können die Kinder nicht nur mit den Fingern oder speziellen Stiften schreiben, sondern auch verschiedene Lernprogramme anwenden.
Auch in Österreich mussten bereits rund 1000 grüne Schultafeln dem Board weichen. Tendenz „stark steigend“. Die neue Technik soll nicht nur mehr Spaß am Lernen bringen, sondern auch die Qualität des Unterrichts steigern. Die Visualisierung der Inhalte ermögliche den Kindern ein leichteres Lernen, außerdem würden sie die Hemmnisse vor dem Arbeiten an der Tafel verlieren, so Breier.
Schon jetzt gibt es eigene Schulprogramme, wie den Diercke Weltatlas, die eigens für das Whiteboard entwickelt wurden. Durch Videos und grafische Darstellungen können Kinder außerdem in „ihrer Welt“ abgeholt werden, sagt Medienpädagoge Christian Swertz von der Uni Wien. Die Schüler sind an diese Art der Darstellung gewöhnt und nehmen den Inhalt dadurch auch besser an.
Hightech-Tafeln enorm teuer
Dass die Whiteboards die dunkelgrünen Tafeln als fixen Bestandteil jedes Klassenzimmers ablösen, glaubt Swertz aber nicht. Vor allem die hohen Kosten sieht er als Hemmnis. Mit 3400 bis 5000 Euro sind die Hightech-Tafeln um ein Vielfaches teurer als die herkömmlichen. Obwohl die Hersteller die simple Bedienung loben, fürchtet Swertz, dass viele Lehrer mit der technischen Komplexität überfordert sind. Ein weiterer Nachteil: Gibt es technische Probleme, kann der Unterricht nicht wie gewohnt weiterlaufen.
Und auch den Lerneffekt sieht Swertz gefährdet. Denn durch die digitalen Tafeln werde den Schülern lediglich eine Art „Häppchenwissen“ vermittelt. Gemeint ist damit, dass das Tafelbild – das im Optimalfall eine ganze Unterrichtsstunde lang zu sehen ist – somit nicht mehr existiert. Aber gerade dieses Tafelbild habe den Kindern und Jugendlichen bislang die Möglichkeit geboten, die Zusammenhänge besser verstehen zu können. Die häufig wechselnden „Folien“ können das nicht bieten. Und auch die „kleinen Lücken zum Nachdenken“ – die Zeit, in der der Lehrer an der Tafel schreibt und die Kinder das Gesagte verarbeiten – geht durch die digitalen Tafeln verloren.
Lerneffekte gehen verloren
Was bisher mühsam von der Tafel abgeschrieben werden musste, kann vom Lehrer nun per Mail an die Schüler geschickt werden. Das erscheint zwar praktisch, aber auch hier ist Vorsicht geboten. Denn: Der Lerneffekt, den das Abschreiben mit sich bringt, darf nicht unterschätzt werden. Mit der neuen Technik geht dieser wichtige Prozess verloren, so Swertz. Der Medienpädagoge ist sich sicher: Tafel, Kreide und Schwamm werden die Kinder auch künftig durch ihre Schulzeit begleiten.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.01.2011)
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