Das das Bildungssystem in Österreich neu überdacht gehört, daran hegt heute wohl kaum jemand einen Zweifel. Aber genügt ein neuer Anstrich oder muss es gleich eine tiefgreifende Strukturreform sein. Muss vielleicht überhaupt die Idee von Ausbildung grundsätzlich neu gedacht werden? Ursula Maier-Rabler ist dieser Ansicht. Das Prinzip das Internet, in dem Verknüpfungen aus Informationen Wissen machen, hat unsere gesamte Gesellschaft erfasst, erklärt die Informationswissenschafterin im Rahmen der Diskussion "twenty.twenty: Allgemeinbildung im Jahr 2020" am Donnerstag in Wien.
Rupert Corazza, Bildungsforscher beim Stadtschulrat Wien
Die Professorin am Zentrum für Informationstechnologie der Universität Salzburg sieht genau darin auch die Krise der Bildungssysteme begründet: Während Wissen in unserer Gesellschaft auf Verknüpfungen basiert, ist die Bildung noch immer linear. Dass diese Annahme gar nicht so theoretisch ist, wie sie klingt, erklärt Rupert Corazza vom Stadtschulrat Wien mit einem Beispiel aus der Praxis. "Kinder lesen heute anders. Nicht mehr linear", sagt der Bildungsforscher. Sie scannen Texte wesentlich schneller und seien etwa besonders gut im Dechiffrieren von Bildern.
Fragen statt Antworten
Maier-Rabler kennt aber noch ein anderes grundlegendes Problem unseres Bildungssystems: "Wir müssen weg von einer Antwortkultur, hin zu einer Fragekultur, meint sie. In Schulen und oft auch an Universitäten werde ausschließlich die Fähigkeit gefordert und gefördert zu antworten. Dabei sei es wichtig zu lernen die richtigen Fragen zu stellen, um Probleme überhaupt einmal erkennen zu können, bevor nach Antworten gesucht werde. Frei nach diesem Motto wurden auch auf dieser Veranstaltung mehr offene Fragen identifiziert, als konkrete Antworten auf die Probleme des Bildungssystems zu finden. Man müsse zum Beispiel die Rolle der Lehrer neu definieren, Grundkompetenzen lehren und nachhaltiges Lernen fördern. Und nicht zuletzt könne eine Schule nicht nur die Aufgabe haben, auf einen späteren Beruf vorzubereiten, meint Corazza. Auch die persönliche Entwicklung und gesellschaftliche Grundprobleme müssen in der Bildung ein Thema bleiben. Eines, das am besten über Klassiker der Literaturgeschichte vermittelt werden kann, meint Corazza. Und eben nicht über Wikipedia und Co.
Schrankenloses Internet
Erst sehr spät gelangte die Diskussion bei dem Reizthema Internet und Computer im Schulunterricht an. Die Frage "Brauchen wir eine Laptopklasse und WLAN" sollte sich für Schulen eigentlich gar nicht mehr stellen, findet Maier-Rabl. Die Schule sollte sich eben nicht vom restlichen Leben unterscheiden, nicht Museum sein, das die Kinder am Nachmittag in das "echte Leben" entlässt. Besonders offen zeigte sich Corazza, der auch Schulinspektor für den 17. Wiener Bezirk ist, beim Thema Internet. Kinder solle man ohne Schranken "ins Internet stoßen". Das Netz sei eben ein offenes Medium und es habe keinen Sinn, Inhalte zu filtern. Vielmehr muss eben der richtige Umgang mit dem Medium gelehrt werden, die Schüler begleitet werden bei ihren Erfahrungen im Internet.
Die Zwei-Seiten-Dissertation
In Zeiten von Vernetzung und Informationsüberfluss solle auch das heikle Thema des Plagiats überdacht werden, findet Maier-Rabl. Heute sei es nicht mehr so wichtig Informationen zu horten und zu besitzen, sondern sie zu teilen. Ihrer Ansicht nach müssten etwa Dissertationen nur noch zwei Seiten umfassen - eben jene, die auch bisher schon originär waren. Die restlichen Seiten seien in der Regel eine Zusammenfassung von bereits vorhandenem Wissen - egal ob mit Fußnote oder ohne. Das Verwenden bereits erfundener Inhalte, um daraus Neues zu schaffen, kenne man ja bereits in der Musik - und diese Idee der Remixes könnte auch auf das Generieren von Wissen angewandt werden.
Ein greifbares und konkretes Zukunftsszenario bot die Diskussionsrunde dann doch noch. Jörg Hofstätter entwickelt mit seiner Firma Ovos Media sogenannte "serious games", Computerspiele, die Wissen vermitteln. Das mag zunächst eigenartig klingen, da selbst das simpelste Computerspiel Inhalte vermittelt. Hofstätters Spiele umfassen aber gleich den Physik-Lehrplan mehrerer Schulstufen. Ein Ansatz, der vielleicht auch eine Antwort auf ein ganz grundlegendes Problem ist: Lernen ist gerade in Österreich negativ besetzt, erklärt Maier-Rabl. Menschen seinen froh, die Schule hinter sich zu haben, nicht mehr lernen zu müssen. Genau hier müsse man zuallererst ansetzen.
Neue Wirtschaftsuni nimmt Formen an Blitzlichter aus dem Bildungssektor
Promis in der Schule Streber oder Fünferkandidaten?











