20.05.2013 08:17 Merkliste 0

Pädagogik: "Noten zerstören die Lernmotivation"

von Theresa Aigner (Die Presse)

Der Erziehungswissenschaftler Olaf-Axel Burow erklärt im Gespräch mit der "Presse", warum Schule und Glück zusammengehören und angehende Lehrer eine Weltreise machen sollten.

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Die Presse: Wenn in Österreich über Schulreformen diskutiert wird, kommt das Wort „Glück“ eigentlich nie vor. Woran liegt das?

Olaf-Axel Burow: Glück und Schule passen auf den ersten Blick nicht zusammen – obwohl sie zusammengehören. Lernen funktioniert nur in einer Situation, in der man entspannt ist, in der man sich gut fühlt. Das Gehirn ist eine „Lustmaschine“. Insofern müsste die Schule eine „Lustanstalt“ sein. Für viele ist sie aber eine Frustanstalt. Nur Schüler, die einen guten Bildungshintergrund haben, überleben das System.


Sind zumindest die Lehrer glücklich?


Auch Lehrer sind in weiten Teilen im Belastungsmodus oder sogar im Burn-out. Das bedeutet, dass irgendetwas daran, wie wir Schule seit 150 Jahren machen, nicht mehr zeitgemäß ist.


Wo liegt das Unglück begraben?

Es fehlt an Wertschätzung, und es gibt eine zu starke Außensteuerung. Es wird zu sehr an bürokratischen Organisationsformen festgehalten. Das Problem ist: Wir haben immer noch ein Schulsystem, dass an der Fließbandproduktion des ausgehenden 19. Jahrhunderts orientiert ist: Schüler werden nach Alterskohorten sortiert, die fließbandmäßig vorrücken, wobei der „Ausschuss“ aussortiert wird.


Was bedeutet das?

Unsere traditionelle Schule basiert auf einem falschen Denkansatz. Nämlich auf dem, dass Kinder nicht vertrauenswürdig sind, dass sie nicht lernen wollen, wenn kein Druck ausgeübt wird. Das Gegenteil ist aber der Fall: Noten zerstören die Lernmotivation, weil sie extrinsisch sind. Wenn geeignete Umgebungen geschaffen werden, kann man gar nicht verhindern, dass Kinder lernen.


Viele befürchten bei der Abschaffung von Noten einen Verfall der Leistung.


Völliger Quatsch. Leistung entsteht immer dann, wenn jemand sein Element findet, einen Rahmen, in dem er seine besondere Begabung leben kann. Das Hauptproblem ist, dass das ideologisiert wird. Und: Vor dem Hintergrund, dass wir in einer Gesellschaft schwindender Ressourcen und der Überalterung leben, gibt es Verteilungskämpfe. Natürlich versuchen jetzt die bessergestellten Schichten, die Aufstiegschancen für ihre heranwachsenden Kinder zu sichern. Wir haben das in Hamburg gesehen, wo die Schulreform (gemeinsame Schule bis zur zehnten Schulstufe, Anm.) am Widerstand der betuchten Bürger gescheitert ist, die eine Bürgerinitiative gegen die Gemeinschaftsschule gestartet haben.


Wie kann sich dann die Schule überhaupt verändern?

Es braucht mehr Autonomie. Man muss die Schule von politischer Bevormundung befreien und eine Umgebung schaffen, die es den Beteiligten ermöglicht, die Schule individuell, passend für ihre Situation, zu konzipieren und zu gestalten. Das kann man nicht verordnen. Wir wissen, dass es zehn Jahre dauert, bis eine Maßnahme, die sich ein Ministerium ausdenkt, in der Schule ankommt. Wenn man bedenkt, wie viele bürokratische Vorschriften es gibt: Das ist alles unnötig, das kann man alles wegwerfen. Man braucht einige wenige Rahmenregeln – und dann muss man stärker mit Vertrauen und Wertschätzung arbeiten.


Sie sprechen von Vertrauen und Wertschätzung – in Österreich wurde zuletzt über strengere Durchgriffsmöglichkeiten für Lehrer diskutiert.

Wenn sich Schüler problematisch benehmen, dann ist das zum Teil Ausdruck von gesellschaftlichen Wandlungsprozessen. Wir haben es mit Formen von Wohlstandsverwahrlosung zu tun. Wenn man aber einen Rahmen schafft, in dem der Einzelne ernst genommen wird und gemäß seinen Fähigkeiten durch sinnvolle Ziele herausgefordert wird, dann funktioniert das in der Regel.


Eine Sache, die nicht autonom geregelt werden kann, ist die Lehrerausbildung. Wie sollte die aussehen?

Die Lehrerausbildung – und ich bin ja selbst Lehrerausbildner – ist zumindest in Deutschland grottenschlecht. Dort gibt es mehrere Probleme, die aber durchaus auch auf Österreich zutreffen. Die Eingangsvoraussetzungen gehören zum Beispiel reformiert: Zu viele Leute, die für den Beruf nicht geeignet sind, werden Lehrer. Außerdem werden sie viel zu früh Lehrer, sie müssten davor etwas anderes gemacht haben: eine Weltreise, einen anderen Beruf gelernt oder sonst etwas. Der Weg vom Kindergarten über die Schule und die Uni zurück in die Schule funktioniert nicht. Man könnte auch dadurch kreativere Mischungen entstehen lassen, indem man den Lehrerberuf für Menschen aus anderen Berufsfeldern öffnet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.01.2012)

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256 Kommentare
 
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Noten als Ansporn

Noten können ein Ansporn sein, sind aber gleichzeitig ein Selektionswerkzeug. Schüler/innen haben sehr wohl ein gutes Gefühl über die ihnen zustehende Note. Richtig abgestufte Noten werden akzeptiert und auch gefordert. Ein geschenkter 1'er ist letztlich nicht viel wert. Problematisch wird die Note dann, wenn sie als Machtinstrument mißbraucht wird. Dies geht dann zumeist auf Kosten der Schüler/innen, deren weitere Schulkarriere damit verbaut bzw. verhindert werden kann. Bewertungen sind in unserer Leistungsgesellschaft üblich, Ziffernnoten sollten jedenfalls durch verbale Beurteilungen ergänzt werden.

Noten sind nicht der Weisheit letzter Schluss

Dass die Schulnoten nicht der Weisheit letzter Schluss sind, weiß man schon lange. Warum man dann trotzdem an den Noten bei der Schulreform festhält, ist für mich ein Rätsel. Die derzeitigen Schulnoten zerstören nicht die Lernmotivation, wie Olaf-Axel Burow meint, sondern sie demotivieren einseitig begabte Kinder. Ein mathematisch- oder sprachenbegabtes Kind kann mit dem derzeitigen Schulnotensystem kein anderes Fach hinsichtlich Leistung kompensieren, es sei denn, LehrerInnen drücken ein Auge zu. Hat der Schüler oder die Schülerin die Matura geschafft, kann er oder sie sich ein Studium nach den eigenen Fähigkeiten und Begabungen aussuchen. Deshalb sollte das Notensystem durch ein Indexsystem ersetzt werden. Im Indexsystem könnten die Fächer unterschiedlich gewichtet werden und Lernschwächen in einem Fach könnten durch überdurchschnittliche Leistungen in einem oder mehreren anderen Fächern kompensiert werden. Die Demütigung für eine schlechtere Leistung in einem Fach verlöre dadurch an Gewicht. Für das Aufsteigen in die nächsthöhere Schulstufe sollte eine Mindestindexpunkteanzahl festgelegt werden. Wer diese Punkteanzahl nicht erreicht, müsste die Klasse wiederholen. Überlegungen, ob ein Schüler/In wie im derzeitigen Schulsystem mit zwei oder drei Nichtgenügend aufsteigen kann, wären dann überflüssig.

Gast: Elternsprechtagbesucher
12.01.2012 11:48
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Ratlos

Nichte wird Lehrerin. Lauter 1er, darum wird man ja meist Frau Lehrerin. Ich hab Angst davor, wenn sie einmal unterrichtet, da sie mit 21 Jahren üerhaupt keinerlei Erfahrung mit Kindern hat - und sich nicht im Entferntesten vorstellen kann, wie es für einen Schüler ist sich etwas "schwer" anzueignen... in ihrer Ausbildung lernt sie zur Zeit "Wie erkkläre ich dem Schulstarter das Wort Bildung und die langfristige Auswirkung dieser ..." so in etwa... Sie ist eigentlich selber fast schon so weit, sich beruflich anders zu orientieren, da sie nach dem ersten Praxiseinsatz die Sinnhaftigkeit ihrer Ausbildungsziele hinterfragt ..... eine Endlosgeschichte die Bildungsproblematik...

Gast: selberlehrer
11.01.2012 19:34
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viele vermischte Themen

Da werden viele Themen vermischt. Noten können auch motivieren, aber sie werden oft nur als Druck eingesetzt. Um Schülerinnen und Schüler individuell zu fördern, bräuchte es viel mehr Lehrende, denn eine Klasse mit 30 Jugendlichen kann ich nicht individuell betreuen. Nur die jeweilige Begabung zu unterstützen, reicht halt nicht in einer Welt, in der man Schüler auf Kompentenzen für alle möglichen Bereiche hintrimmen muss (Zentralmatura). Und für eine schlechte Note ist sehr wohl der Lernende verantwortlich, nicht in erster Linie der Lehrende.
Lustig finde ich den Vorschlag, dass junge Lehrende eine Weltreise machen sollen. Wer Menschenkenntnis und Weltkenntnis besitzt, hat diese bereits zu Beginn des Berufs bzw den Willen, laufend dazu zu lernen. Vor allem sind andere Betätigungen vor dem Berufseinstieg einfach eine Geldfrage. Welcher juge Erwachsene mit 25 Jahren hat denn das nötige Geld?
Sehr weltfremd, und vor allem offensichtlich ist dieser Experte nie in einer Klasse gestanden.

Antworten Gast: Privatlehrer
13.01.2012 11:54
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Re: viele vermischte Themen

Für schlechte Noten sind die Lehrer verantwortlich. Lehrer bekommen ein Gehalt und müssen dafür eine Leistung erbringen, nämlich die, dass sie den Kindern etwas beibringen. Die Noten sind der Nachweis, dass es den Lehrern gelungen ist, das Wissen des Schülers zu vermehren.
In der Pflichtschulzeit haben die Schüler viel zu wenig Durchblick, als dass man sie für das Lernergebnis verantwortlich machen könnte.

Kommen Sie mir nicht mit Leistung der Schüler! Leistung ist Arbeit und Kinderarbeit ist bei uns verboten.

Re: Re: viele vermischte Themen

Lernen ist eine Tätigkeit, die man selber tun muss. Lehren ist nur die Hilfe dazu. Wenn der Nürnberger Trichter einmal erfunden wurde, wird das anders sein. Bis dahin gilt: Die Lehrer müssen (möglichst viele verschiedene) Lerngelegenheiten schaffen, damit die Schüler selber lernen können.
Mit Kinderarbeit hat das nichts zu tun.

Gast: Kreativissimo
11.01.2012 09:53
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Stimme volll zu...

...denn Kinder sind ja von Anfang an lernbegierig und neugiereig. Bis man es ihnen in der Schule u.A. mit Benotung austreibt.
Sie werden von Eltern und Lehrern angetrieben und lernen der Noten wegen - also fremdbestimmt. Besser wäre doch, sich für eine zukunftsvollere Lern/ Schulform einzusetzen.

Gast: MönchMaier
10.01.2012 13:18
1 8

Es ist Neuzeit

Und die militärisch gewurzelte Schule mit dem Frontalunterricht funktioniert nicht mehr, weil Wissen kein Monopol der Schule und Lehrer mehr ist. Damit entfällt die Berechtigung für die Ausübung von Kontrolle über Menschen zu dessen Weitergabe (sprich Drill, Disziplin und frühes Antreten).
Neue Ansätze werden sich (oder tun sich bereits) auf Lern-Coaching konzentrieren. Der Schüler ist nicht mehr Konsumierer, sondern aktiver Gestalter der eigenen Wissensaufnahme.
Lehrer nach der heutigen Ausbildung sind Auslaufmodelle.

Re: Es ist Neuzeit

Sie reden von einer Schule, die es gar nicht mehr gibt - oder nur dort, wo wirklich die Hinterwäldler daheim sind.

Gast: mulcahy
10.01.2012 12:00
6 1

...

oh je, schon wieder ein oberlehrerhafter deutscher, der uns unterbelichteten sagen will, wies geht.

seltsam, dass es in deutschland anscheinend auch nicht geht.

zum thema glück und zwangfrei: ich rufe morgen gleich meine vorgesetzte an und sage ihr, ich will glück (= länger schlafen) und komme erst um 12h zum dienst. ich bin sicher, sie versteht das völlig ohne zwang :))

Gast: ava
10.01.2012 11:03
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je größer und wichtiger der experte

desto weiter weg von der front.

Gast: schalala
10.01.2012 10:25
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wie überall, die dumpfis lernen wegen der noten, die schlauen aus prinzip.


Antworten Gast: laleluuu
10.01.2012 11:10
1 0

Re: wie überall, die dumpfis lernen wegen der noten, die schlauen aus prinzip.

Ergo Noten sind ok.

Antworten Antworten Gast: schalala
10.01.2012 11:36
0 7

eher noten sind was für dumpfis

dumpfis mit ehrgeiz und guten noten bleiben meistens trotzdem dumpfis.


Antworten Antworten Antworten Gast: baro palatinus
10.01.2012 14:26
0 4

Re: eher noten sind was für dumpfis

sehr richtig!

Herrn Burows`Meinung ist Unsinn!

Oder war er etwa selbst von seinen Noten frustriert? Ich war immer ein "Wettkampftyp" und Noten waren für mich so etwas wie die Karotte für ein braves Pferd oder Kaninchen!

Noten können erst abgeschafft werden

wenn die Erziehung reformiert wurde.

Bisweilen kommen nämlich nur solche "Dummerln" wie da unten raus, die ohne Druck nicht lernen können.

Die üblichen Experten ohne Ahnung und großer Klappe!


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Re: Die üblichen Experten ohne Ahnung und großer Klappe!

Sie sprechen über das Presse.forum? Ich gebe ihnen recht.

Antworten Antworten Gast: gast21_
10.01.2012 11:18
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Re: Re: Die üblichen Experten ohne Ahnung und großer Klappe!

Mit oder ohne Note - Ihnen fehlt der Durchblick.

11 2

Noten sind nichts anderes als Qualitätssicherung.

Was solche Leute in der Lehrerausbildung zu suchen haben, ist mehr als fragwürdig.

Re: Noten sind nichts anderes als Qualitätssicherung.

Stimmt, aber die Qualitätssicherung "Note" wird falsch interpretiert. Sie bewertet den Lehrer.

Antworten Antworten Gast: gast21_
10.01.2012 11:19
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Re: Re: Noten sind nichts anderes als Qualitätssicherung.

Na klar - die Aussagen von allen Versager haben eines gemeinsam - es sind immer die Anderen schuld.

Antworten Gast: gast21_
09.01.2012 20:39
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Re: Noten sind nichts anderes als Qualitätssicherung.

Diese Möchtegernexperten sind der Grund für die mangelhafte Lehrerausbildung.

Re: Re: Noten sind nichts anderes als Qualitätssicherung.

So ist es. Das Bildungslevel befindet sich auf Talfahrt - und da passt das mit den Abschaffung der Noten hervorragend dazu....

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Aus der Autobiographie des Experten:

"Nach dem ersten Staatsexamen (1980) für die Sekundarstufe 1 ... arbeitete ich an der Christoph-Ruden-Grundschule in Berlin Neukölln."
...
"Nach dem zweiten Staatsexamen, war ich mit einem Einstellungsstopp konfrontiert."
...
"Die Erfahrungen der Lehrertätigkeit an einer Berliner Gesamtschule war niederschmetternd.In Psychologie Heute (1983, Heft 6) habe ich unter dem Titel "Lernlust statt Schulfrust" beschrieben, warum dieses Modell - so wie es damals durchgeführt wurde - scheitern musste. Wenngleich ich diese Schulerfahrungen nicht missen möchte, so empfand ich es doch zunächst durchaus als Befreiung, als ich 1984 eine Stelle als Mitarbeiter im Fach Psychologie an der Hochschule für Künste Berlin erhielt."
...
"Hatte ich doch hier die Gelegenheit, sowohl die Erfahrungen mit meiner schwierigen Schülerkarriere, als auch die Erfahrungen aus über zehn Jahren Jugendbegegnungsarbeit und vier Jahren Schulpraxis aufzuarbeiten."

Eine typische Experten-Karriere: nichts wie raus aus der Klasse und schnell in die Lehrerbildung flüchten. Nach dem 2.Staatsexamen (das man nach einer mind. einjährigen "Probezeit" macht, keinen Job zu bekommen, zeigt nur, dass er sich schon in der Probezeit keinen guten Ruf geschaffen hat, sonst wäre er weiterverwendet worden. Wie gehen sich bei einem Aufnahmestopp vier Jahre Schulpraxis, was allein schon ein Witz ist, aus?

Zum Nachlesen:
http://www.olaf-axel-burow.de/index.php/meine-bio

 
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Eduard 2013

Schlagzeilen Bildung