Die Presse: Das vergangene Jahr sollte laut Regierung das Jahr der Bildung sein. Wie ist Ihre Bilanz?
Harald Walser: Es wird nur Bewegung vorgegaukelt. Wir beschließen zwar ein Gesetz nach dem anderen, die zentralen Probleme – ein sozial und regional ungerechtes Bildungssystem – harren aber einer Lösung anhand einer grundlegenden Reform. De facto ist nichts weitergegangen, weder im Bereich der Elementarpädagogik noch bei der Schule der Zehn- bis 14-Jährigen.
Auch das Thema Lehrerdienstrecht sollte schon längst gelöst sein.
In welche Richtung muss es hier gehen?
Derzeit wird nur darum gefeilscht, die Anfangsbezüge etwas zu erhöhen, die Endbezüge etwas zu senken. Ich fordere einen Lehrertypus neuen Stils – einen Mittelstufenlehrer, der für die Zehn- bis 14-Jährigen zuständig ist.
Sie fordern also, den Typus AHS-Lehrer überhaupt abzuschaffen?
Für die Unterstufe möchte ich ihn abschaffen. Für die AHS-Oberstufe wird es diesen Lehrertypus natürlich weiterhin geben müssen. Aber wenn ich eine gemeinsame Schule fordere, brauche ich natürlich auch dafür ausgebildete Lehrkräfte.
Man muss dafür aber erst einmal die gemeinsame Schule zum Ziel haben.
Ich möchte sie. Wenn Ministerin Claudia Schmied (SPÖ) bereit ist, das so auch zu formulieren, haben wir eine klare Position. Umbenennungsaktionen wie die Neue Mittelschule bringen uns nicht weiter. Derzeit täuscht die ÖVP Bewegung vor – und Schmied macht mit.
Ansätze gibt es ja. So soll die neue Lehrerausbildung, an der derzeit gearbeitet wird, eine gemeinsame sein...
Auch hier bin ich leider nicht optimistisch. Die Regierung ist sich ja nicht einmal einig, wo diese LehrerInnenausbildung stattfinden soll.
Ist das denn die entscheidende Frage?
Es ist eine wichtige. Die Ausbildung muss auf universitärem Niveau geschehen. Dach muss die Uni sein, die Pädagogischen Hochschulen sind wertvolle Teile der Ausbildung und sollten eingegliedert werden.
Zurück zum Dienstrecht: Ist es realistisch, das umzukrempeln?
Warum nicht? Wir haben Lehrkräfte, die ein modernes Schulsystem wollen. Der Widerstand wird von ein paar Uralt-Gewerkschaftern organisiert: den Herren Eckehard Quin (Chef der AHS-Gewerkschaft, Anm.) und Co., die nur den Status quo erhalten wollen. Es ist keineswegs die Mehrheit in der Gewerkschaft und schon gar nicht in der Lehrerschaft, die diese Blockadepolitik befürwortet.
Ihre Differenzen mit Eckehard Quin sind ja bekannt...
Die AHS-Gewerkschaft unter seiner Führung vertritt weder die Interessen der Junglehrer noch pädagogische Interessen. Es ist schade, dass er sich nicht traut, öffentlich mit mir zu diskutieren, ich habe ihn mehrfach dazu aufgefordert.
Was wünschen Sie sich für 2012?
Ein Bekenntnis zu einer gerechten und leistungsfähigen Schule der Zehn- bis 14-Jährigen, zum Ausbau der elementarpädagogischen Einrichtungen und entsprechender Ausbildung der PädagogInnen: Dann könnte man von einem wirklichen Reformschub sprechen. [Fabry]
Harald Walser (58) ist seit 2008 für die Grünen im Nationalrat und dort Bildungssprecher. Der ausgebildete AHS-Lehrer ist seit 2003 Direktor des Gymnasiums Feldkirch (derzeit karenziert). Er fordert eine echte gemeinsame Schule der Zehn- bis 14-Jährigen – die Umstellung aller Hauptschulen auf Neue Mittelschulen kritisiert er als „Etikettenschwindel“.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.01.2012)
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