Wien. Ist es gerechtfertigt, dass eine einzelne Privatschule mehr Geld vom Staat bekommt als alle anderen Privatschulen – die konfessionellen ausgenommen – zusammen? Das fragt sich jedenfalls Grünen-Bildungssprecher Harald Walser. Er richtet heute eine parlamentarische Anfrage an Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ), in der er wissen möchte, warum die Vienna International School Förderungen von knapp fünf Millionen Euro bekommt. Während alle anderen rund 100 freien Privatschulen (zu ihnen zählen Waldorf- oder Montessorischulen) in Summe nur 4,88 Millionen Euro beziehen.
Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, muss man einige Jahrzehnte zurückblicken: Die Vienna International School wurde im Jahr 1978, anlässlich der Ansiedlung der UNO-City, auf der Basis eines völkerrechtlichen Vertrages zwischen UN-Direktion und österreichischem Außenministerium geschaffen. Die Einrichtung der internationalen Schule für Kinder von UN-Bediensteten war eine der Bedingungen für die Schaffung des neuen Quartiers der Vereinten Nationen in Wien.
Eine Schule für „Privilegierte“?
Dass die Schule eine besondere Klientel bedient, zeigt sich an den Auflagen, die sich durch den Vertrag ergeben: Es werden nur Kinder aus bestimmten Familien aufgenommen. Dazu zählen unter anderem die Kinder von Mitarbeitern der UN sowie Kinder von Diplomaten oder von internationalen Geschäftsleuten.
34 Jahre später ist das genau der Punkt, an dem Walser sich stößt: „Jedes Kind sollte gleich viel wert sein. Es ist daher unverständlich, dass die Regierung eine Schule mit Kindern aus privilegierten Elternhäusern unverhältnismäßig fördert.“ In Anbetracht dessen, dass die Schule zusätzlich Schulgeld bis zu 15.000 Euro im Jahr pro Kind von den Eltern nimmt, seien die fünf Millionen Euro ungerechtfertigt, sagt Walser.
Sowohl im Unterrichtsministerium als auch im Außenministerium will man diese Kritik nicht gelten lassen. Die Vienna International School sei eine historisch gewachsene Institution, die im Rahmen von internationalen Gepflogenheiten durchaus ihre Berechtigung habe. Im Außenministerium untermauert man das mit ökonomischen Argumenten: Die Mitarbeiter der Vereinten Nationen seien ein nicht zu unterschätzender volkswirtschaftlicher Faktor. Jährlich würden sie 400 Millionen Euro in Österreich ausgeben. Insofern sei es wichtig, diese – unter anderem durch ein attraktives Schulangebot – an Wien zu binden.
Bis zum Jahr 2014 wird der Vertrag, auf dem die Fördermittel basieren, neu verhandelt. Dass man die Schule auch weiterhin behalten will, wird von den zuständigen Stellen bestätigt. Harald Walser hingegen sähe das Geld lieber anderweitig investiert: Es sollte künftig den Schulen in freier Trägerschaft zugutekommen. Diese seien experimentierfreudig und könnten wesentliche Impulse für das ganze Schulsystem liefern.
Dass dieses Argument auch die UNO und die zuständigen Ministerien überzeugen wird, ist unwahrscheinlich.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.02.2012)
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