Großbritannien: Platz für Schüler, die sonst keiner will

"Sie haben eine Chance verdient": Verhaltensauffällige Schüler sollen in der "Bridge Academy"den Weg zurück in die Gesellschaft finden.

Grossbritannien Platz fuer Schueler
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(c) Bridge Academy / Lawler

London. Erster Schultag nach den Weihnachtsferien an der „Bridge Academy“, einer Sekundarschule in einer Sackgasse mit gepflegten viktorianischen Reihenhäusern in Fulham, im Südwesten Londons. Die zweite Schulstunde hat längst begonnen. Trotzdem streicht eine Handvoll Jugendlicher noch immer durch den giftgrün gestrichenen Flur des verwinkelten Gebäudes. Ebenso viele Lehrer und Hilfskräfte, sogenannte „Mentoren“ – alle mit Walkie-Talkie und Schlüsselbund bewaffnet – stoppen die Schüler und dirigieren sie freundlich, aber bestimmt in ihre Klassenzimmer. „Der erste Tag nach den Ferien ist immer interessant“, sagt Seamus Oates mit einem Grinsen. Der 47-Jährige ist der Schulleiter der Sekundarschule – und wirkt trotz Anzug und grauem Haar wie ein großer Junge in schlecht sitzender Schuluniform.

Ein blasser Bursche im blauen Sweatshirt mit dem Schullogo stürmt vorbei, erwidert Oates' Gruß mit unverständlichem Fluch, schlägt mit der Faust ein paarmal gegen die Wand, bevor er einige Meter weiter von einem Mentor abgefangen wird. „Riley“, seufzt Oates. „Für den wäre es heute wohl besser gewesen, erst mal zur Schulpsychologin zu gehen, statt gleich in den Unterricht.“

An einer Regelschule würde Riley (alle Schülernamen auf Wunsch der Schule geändert, Anm.) als verhaltensauffällig gelten. An der Bridge Academy sind Kinder wie er die Norm: Bis zu 175Schüler zwischen elf und 16Jahren, die wegen Schwänzen, Stören oder Gewalttätigkeit von ihrer alten Schule geflogen sind, bekommen hier ihre zweite, oft auch letzte Chance.

Aaron, ein charmanter schwarzer 14-Jähriger mit mit Glitzer-Glasperlenkette ging früher auf die benachbarte Jungenoberschule. Seine dortige Karriere als Störenfried endete, als er eine mit Metallkugeln geladene Softair-Pistole mit in die Schule nahm – und auch benutzte. Damals sei er voller Wut gewesen: „Jetzt habe ich gelernt, mich anders auszudrücken. Mit Worten, mit Kunst. Ich will was aus mir machen.“

An der Bridge Academy sollen die Schüler so weit stabilisiert werden, dass sie in ihre alte Schule zurückkönnen oder hier den Abschluss schaffen. „Einige kommen mit emotionalen Problemen, andere haben sich einfach gelangweilt und Ärger gemacht, weil sie wegen leichter Lernschwierigkeiten nicht mitgekommen sind. Und dazu kommen die Probleme in der Familie, Drogen, Gewalt, Kriminalität“, erklärt Oates.

 

Individuelle Lehrpläne und Musiktherapie

„Normaler“ Frontalunterricht, so der Schulleiter, sei mit diesen Kindern schlicht nicht möglich. Hier wird nicht im Klassenverband, sondern nach individuellen Lehrplänen, maximal zu acht, unterrichtet. Außerdem hat jeder Schüler einen Mentor, eine Mischung aus großem Bruder und Nachhilfelehrer. Unter den 55Mitarbeitern ist auch eine Psychologin, es gibt Musik- und Massagetherapie, regelmäßige Exkursionen, sogar einen Skiausflug in die Alpen für die Abschlussklasse.

In der hellen Lehrküche riecht es nach zerlassener Butter. Aus dem Gettoblaster dröhnt Popmusik, während Schülerin Kaya ein Ei aufschlägt. „Opening Minds“ – also „den Horizont erweitern“ – heißt das Fach. In diesem Fall eine Mischung aus Lebensmittelkunde und Geschichtsunterricht: „Wir machen Zweiten-Weltkrieg-Pfannkuchen“, sagt Lehrerin Helen. „Die Schüler lernen über rationierte Lebensmittel und wie die Leute sich damals beholfen haben. Das bleibt eher hängen als Jahreszahlen büffeln.“ Helen arbeitete früher in einer regulären Schule: „Da hatten wir immer drei Kandidaten pro Klasse, die störten, und die man deswegen hasste. Das sind die Kinder, die wir hier unterrichten. Und es sind eigentlich gute Kinder.“

 

Hervorragende Bewertungen der Behörden

Die Bridge Academy ist eine von mehr als 400 sogenannten „Pupil Referral Units“ in England (siehe Infokasten). Während viele als bloße Verwahranstalten für Schulversager gelten, bekam die Fulhamer Schule von der Schulinspektionsbehörde die Bestnote „Hervorragend“ verlieren. Die Fortschritte der Jugendlichen seien, gemessen an ihrer problematischen Vergangenheit, geradezu „atemberaubend“. Dafür geht die Akademie ungewöhnliche Wege: Montags etwa werden die Kinder online zu Hause unterrichtet. „Das war ein Experiment, ob sie es packen, sich selbst zu motivieren“, räumt Oates ein. „Aber es funktioniert. Die Lehrer können überprüfen, wann und wie lange sich die Kinder einloggen, ob sie die Arbeit machen. In vielen Familien haben wir so dafür gesorgt, dass ein Computer zu Hause ist.“

Rund 80 Prozent der Schüler machen Sekundarschul-Abschluss. Auch, wenn der Direktor zugibt, dass ihre Noten deutlich unter dem Landesdurchschnitt liegen. Einige Schüler machen danach eine Lehre. „Und ein paar gehen sogar aufs College und zur Uni“, erzählt Oates stolz. Der Unterricht an der Bridge Academy kostet den britischen Steuerzahler das Vier- bis Fünffache eines regulären Schulplatzes. Aber: „Immer noch billiger als die Unterbringung in einer Jugendhaftanstalt, wo viele sonst sicher einmal landen würden“, sagt Oates.

Beim Mittagessen in der umfunktionierten Turnhalle sitzen Schüler und Lehrer an Plastiktischen mit angeschraubten Hockern, es gibt Hühnerkeulen und Gemüseauflauf. Plötzlich liegt Gewalt in der Luft: Sam, ein dicker 14-Jähriger mit ausdruckslosem Gesicht, geht auf einen kleineren Jungen los: „Ich tret' dir die Fresse ein!“ Drei weitere Erwachsene müssen eingreifen, um den aufgebrachten Schüler in ein Nebenzimmer zu ziehen. Ein paar Minuten später hat Sam sich beruhigt und mit seinem Kameraden ausgesöhnt. „Sam ist hier, weil er einen Mitschüler an seiner alten Schule fast mit der Krawatte stranguliert hätte“, sagt Oates anschließend. „Wenn er sich bloßgestellt fühlt, sieht er rot.“ Oates checkt die Akte des Schülers in seinem Computer – über jede Stunde, jeden Vorfall wird minutiös Buch geführt: „Hier – er hat heute auch schon zwei positive Vermerke bekommen, für gute Mitarbeit. Er hat hier große Fortschritte gemacht. Er verdient eine Chance.“

Auf einen Blick

In England sind rund 14.000Schüler zwischen elf und 16Jahren so verhaltensauffällig, dass sie nicht länger an regulären Schulen unterrichtet werden können. Die meisten kommen aus sozial benachteiligten Familien. Diese Kinder werden an 400 sogenannten „Pupil Referral Units“, speziellen Sonderschulen, unterrichtet. Die 1993 von den Konservativen gegründete Schulform hatte lange den Spitznamen „Sin Bin“ („Sünden-Mülleimer“), weil die Jugendlichen dort verwahrt, aber kaum gefördert würden. Jede achte PRU sei völlig unzureichend, stellte die englische Schulinspektionsbehörde Ofsted im Jahr 2007 fest. Der Bridge Academy dagegen wurde Vorbildcharakter attestiert.

Die Serie „VorBilder“ stellt in loser Folge Bildungseinrichtungen anderer Länder vor, die Impulse für die heimische Bildungsdebatte geben könnten. Bereits erschienen: Dänemark.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.01.2012)

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