Der Wind: Stromerzeuger der Zukunft

DOMINIK FREY, JOHANNES GRASER, GREGOR MÄRK, RICHARD MALAFA, ALBERT NEUMAYER UND CHRISTOPH TILLI (Die Presse)

Energie. Österreich setzt immer stärker auf Windkraft. Weil sie sauber und billig ist. Und weil sie unabhängig macht.

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Von allen erneuerbaren Energieformen, die in Europa derzeit zur Stromerzeugung genutzt werden, ist die Windkraft in den vergangenen zehn Jahren am stärksten gewachsen. In Europa macht die Windkraft zum heutigen Zeitpunkt fast zehn Prozent der gesamten Stromerzeugungskapazität aus. Die EU hat erkannt, dass mehr Windenergie von steigenden Rohstoffpreisen und Energieimporten unabhängig macht. Deswegen wurden die Rahmenbedingungen für einen raschen Ausbau der Windenergie geschaffen. Bis 2020 will die EU 20 Prozent der benötigten Energie mit erneuerbaren Energien, vor allem mit Windkraft, erzeugen.

Sauberer Windstrom vermeidet europaweit jährlich mehr als 100 Millionen Tonnen CO2. Das ist weit mehr, als der gesamte CO2-Ausstoß Österreichs ausmacht. Dieser beträgt jährlich etwa 90 Millionen Tonnen CO2. In Österreich ging 1994 die erste Windkraftanlage in Betrieb, die Windstrom ins Netz einspeiste. Seit 2002 das Ökostromgesetz die Stromeinspeisung durch moderne Windkraftanlagen regelt, erfolgte auch in Österreich vermehrt die Errichtung von Windrädern.

 

Regierung steckt sich hohe Ziele

Die österreichische Bundesregierung hat sich vorgenommen, den Anteil der erneuerbaren Energien auf 34 Prozent zu erhöhen. Dabei soll auch die Windkraft eine wesentliche Rolle spielen. Bis 2015 soll die heutige Leistung der Windenergie von 1011 Megawatt (MW) um 960 MW und bis 2020 um 1570 MW ausgeweitet werden.

In Österreich werden derzeit jährlich rund 65 Terawattstunden (1 TWh = 1 Milliarde Kilowattstunden) Strom verbraucht. Der Stromverbrauch steigt allerdings ständig, Experten erwarten für das Jahr 2020 einen Bedarf von 73 TWh. Wenn die Windkraft wie geplant forciert wird, könnten im Jahr 2020 an die 7,3 TWh mit Windstrom erzeugt werden. Damit würde heimischer Windstrom zehn Prozent des österreichischen Strombedarfs decken.

Durch die Weiterentwicklung der Anlagetechnologie ist es heute möglich, Strom aus Windkraft in großer Menge günstig zu erzeugen. Um die Windstromproduktion um 250 Prozent zu steigern, müssen nur um 80 Prozent mehr Windkraftanlagen errichtet werden. Derzeit gibt es in Österreich 663 Windräder – sie decken den Strombedarf von 20 Prozent der Haushalte ab.

Eine einzige mittelgroße Anlage mit zwei MW erzeugt vier Milliarden Kilowattstunden Strom für 1250 Haushalte bzw. 4000 Personen. Ein Windrad kann somit ein kleines Dorf mit dem notwendigen Strom versorgen. Des Weiteren spart Strom aus einem Windrad so viel CO2 ein wie 1500 Autos in Summe erzeugen. Niederösterreich und das Burgenland liegen mit der Anzahl an Windkraftanlagen weit vorne. Dies erklärt sich vor allem aus dem Umstand, dass hier im Flach- und Hügelland die Windverhältnisse für die Stromerzeugung besser sind als in anderen Bundesländern.

Neben den wirtschaftlichen Kriterien und den vorgegebenen Abständen von Ortschaften (1200 Meter von Bauland in der eigenen Gemeinde, 2000 Meter von Nachbargemeinden) sollten auch die Lebensräume von Vögeln oder Feldmäusen berücksichtigt werden. In einer Untersuchung zu diesem Thema kommt der Biologe Andreas Traxler zu dem Ergebnis, dass das Vogelschlagrisiko für ostösterreichische Standorte unter Berücksichtigung des Vogelaufkommens und der Sensibilität des Großraumes für einen Großteil der Arten als „sehr gering“ bis „vernachlässigbar“ eingestuft werden kann. Auch Thomas Böhm, Biobauer in Leitzersdorf, der seit 13 Jahren ein Feld neben Windrädern bewirtschaftet, bemerkt keine Auffälligkeiten in Bezug auf tote Vögel. Das liegt auch daran, dass Windräder in Ostösterreich nicht in naturschutzfachlich heiklen Gebieten errichtet werden.

 

Windkraft versus Wasserkraft?

Über das Jahr gesehen wird im Winter am meisten Strom verbraucht. In dieser Zeit sinkt allerdings die Erzeugung von Strom aus Wasserkraft auf ein Minimum. Mehr als die Hälfte des benötigten Stroms kommt dann aus Wärmekraftwerken, die mit fossilen Energieträgern befeuert werden. Weil aber zwei Drittel des Windstroms im Winter erzeugt werden, kann man die Windkraft als ideale Ergänzung zur Wasserkraft sehen.

Befürworter der Windenergie sind der Überzeugung, dass Österreich mit Stromsparmaßnahmen und einem Ausbau der erneuerbaren Energien die Stromerzeugung vollständig in ein nachhaltiges System umbauen und auf fossile Energieträger verzichten könnte.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.06.2012)

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