„Morgen um 8 Uhr ist es so weit: Schulreifetest. Liebe Leute, ich bin nervös.“ Die Angst der Eltern, das eigene Kind könnte als nicht schulreif eingestuft werden, füllt Diskussionsforen. Die Eltern tauschen Tipps zur Vorbereitung aus, beschreiben den Ablauf des Tests und erzählen von Erfolgen und Misserfolgen des eigenen Kindes. Der Stellenwert, der dem Test eingeräumt wird, ist groß – teilweise vielleicht zu groß.
Eigentlich ist klar geregelt, ab wann ein Kind die Schule besuchen sollte. Die Schulpflicht beginnt mit dem auf die Vollendung des sechsten Lebensjahres folgenden 1.September. Doch nicht alle Kinder entwickeln sich gleich schnell, und so sind einige schon früher, andere später schulreif. Die Aufgabe, das bei jedem einzelnen Kind zu überprüfen, haben die Volksschul-Direktoren. Sie sollten im Sinne der Kinder entscheiden. Ein nicht geschaffter Test sollte demnach nicht als Rückschlag, sondern als gewonnene Zeit für die Entwicklung des Kindes gewertet werden. In der Praxis sieht das freilich oft anders aus.
Die Hektik der Eltern. Puzzle bauen, auf einem Bein hüpfen, ein Zebra zeichnen und Geräusche erkennen: All das sind Aufgaben, die beim Einschulungstest auf die Kinder warten. Welche Aufgaben die Direktoren den Kindern stellen, bleibt ihnen überlassen. Manchmal finden die Tests im Beisein der Eltern, manchmal bewusst ohne sie statt. „Oft werden die Eltern schon hektisch, wenn ihr Kind beim Würfeln statt einer Fünf eine vier abliest“, sagt Karin Kratzer, Direktorin der Volksschule Flotowgasse im 19.Wiener Gemeindebezirk.
Angesichts der Anspannung mancher Eltern im Vorfeld der Tests ist die Enttäuschung umso größer, wenn das Kind als nicht schulreif eingestuft wird. „Heute wollte sie ganz offensichtlich nicht, meine Große“, schreibt sich eine Mutter ihre Sorgen in einem Onlineforum von der Seele. Eine nicht untypische Reaktion. Ab und zu komme es vor, dass Kinder gehemmt sind und sich nicht mit all ihren Fähigkeiten präsentieren können, sagt Brigitta Srncik vom Wiener Stadtschulrat. Ein Problem sieht sie darin aber nicht. Zumeist gebe es ohnehin noch eine zweite Chance. Und sollten die Eltern mit der Entscheidung des Direktors dennoch unzufrieden sein, können jederzeit Schulpsychologen hinzugezogen werden. Wird das Kind schlussendlich tatsächlich als nicht schulreif eingestuft, gibt es zwei Möglichkeiten. Ist eine Vorschulklasse am Standort vorhanden, wird das Kind diese besuchen. Im Schuljahr 2010/11 traf das österreichweit auf 7719 Kinder zu. Gibt es keine Vorschule, kommt das Kind in die erste Klasse, wird aber nach dem Lehrplan der Vorschule unterrichtet.
Es gibt aber auch Kinder, die noch vor dem vollendeten sechsten Lebensjahr eingeschult werden. Das passiert zumeist auf Initiative der Eltern. „Es gibt Anfragen von Eltern Fünfjähriger, die sagen, ihr Kind könne schon so viel, dass es in die Schule gehöre“. Auch hier liegt die Letztentscheidung bei Direktoren und Psychologen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.09.2012)
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