Haben wir alles richtig gemacht? Es ist diese Frage, die unzählige Eltern in den letzten Tagen vor dem Schulbeginn quält. Haben sie die optimale Schule ausgewählt? Wird das Kind dort vom richtigen Lehrer unterrichtet? Ist es gut auf die Schule vorbereitet? War die Einschulung früher hauptsächlich aus Kindersicht unglaublich aufregend bis furchteinflößend, bereitet sie nun zunehmend den Erwachsenen schlaflose Nächte. Weshalb sie schon im Vorfeld viel daran setzen, aus dem Schulbeginn ein Erfolgsprojekt zu machen: Von Vormittagen im Klassenzimmer zur besseren Beurteilung der Lehrer bis zu gefälschten Wohnsitzen in Nähe der gewünschten Schule.
Auch Iris Campregher hatte Volksschule und Lehrerin bewusst ausgesucht, die Einschulung ihrer ältesten Tochter Gianna artete im Vorjahr trotzdem zu einer „Katastrophe“ aus, wie sie sagt. Denn die Lehrerin, die ihr Kind unterrichten sollte, wurde schwanger. Und die Ersatzpädagogin der Schule im dritten Wiener Gemeindebezirk entsprach nicht dem Bild, das Campregher von einer „guten Lehrerin“ hatte. „Meine Tochter wollte nicht mehr in die Schule gehen, sie fand den Unterricht fad und hatte keine Freundin in der Klasse,“ erzählt sie. Für die Mutter ein untragbarer Zustand. Sie versuchte, die Volksschulpädagogin zu einem anderen Unterrichtskonzept zu bewegen. Als die das – wenig überraschend – ablehnte, wollte Campregher ihre Tochter in eine andere Klasse versetzen lassen.
Um bessere Argumente für einen Klassenwechsel zu haben, ließ sie ihr Kind am Psychologie-Institut der Uni Wien auf Hochbegabung testen – und tatsächlich: In einigen Bereichen zeigte sich eine solche. So konnte sie erreichen, dass ihre Tochter den Unterricht zeitweise in einer zweiten Klasse verbringen durfte, mit einer anderen Lehrerin. Aber auch das „ging nicht gut“: Denn dort unterrichtete eine Montessori-Pädagogin, von der die Mutter den Eindruck hatte, sie würde ihr Kind zu wenig unterstützen.
So beschloss Campregher, dass ihre Tochter die Schule wechseln sollte. Darin steckte sie all ihre Energie, denn sie wollte sich keinesfalls eine Schule zuweisen lassen, sie wollte selbst eine auswählen. Mit Erfolg – das neue Schuljahr wird Gianna in einer Schule beginnen, die der Mutter behagt. Auch Campreghers jüngere Tochter wird an diesem Tag eingeschult: Just in der Schule, die ihre große Schwester nach einem dramatischen Jahr verlässt. Eine doppelter Schulstart also, der der Mutter auch doppelte Sorgen macht.
Doch woher kommen diese Ängste von Müttern und Vätern? „Eltern denken in Zusammenhang mit dem Schulstart sehr vorausschauend“, sagt Mathilde Zeman, Leiterin der Abteilung Schulpsychologie im Wiener Stadtschulrat. „Sie fragen sich: Wird mein Kind die Anforderungen in der Schule gut bewältigen? Welche Chancen hat es dann in 15 Jahren am Arbeitsmarkt? Hat mein Kind ohne guten Start in der Volksschule überhaupt Chancen im weiteren Leben? Wird mein Kind eine Lehrkraft haben, die es gut fördert?“ Die Frage der Lehrperson ist in der Volksschule zentral, denn immerhin prägt sie das Kind entscheidend mit. Oft verbringt sie vier Jahre lang mehr Zeit mit den Schülern als deren Eltern.
Vorbild Simpsons. Sehr entspannt sieht Thomas Weber dem ersten Schultag seines sechseinhalbjährigen Sohnes Adrian entgegen. Der Wiener Journalist hat nicht allzu viel Zeit in Vorbereitungen darauf gesteckt. Lediglich Schwimmen haben ihm die Eltern beigebracht – „damit Adrian nicht der Einzige ist, der das nicht kann“. Viel mehr aber nicht, weil „es ist für ein Kind mitunter schwieriger, wenn es schon alles kann, bevor die Schule losgeht“.
Alles andere als entspannt war dagegen die Schulwahl. Es sollte ein inspirierendes, forderndes, förderndes Umfeld sein, die Schule nicht zu weit entfernt, gut geführt, alternativ, aber nicht dogmatisch. „Wir haben uns gefühlt unendlich viele Schulen angesehen“, erzählt der 35-Jährige. Ein mühsames und zeitraubendes Unterfangen. Doch am Ende von Erfolg gekrönt – eine kleine Schule im angrenzenden Nachbarbezirk. Allein, ein Platz dort war nicht so einfach zu bekommen, weil die Familie nicht in unmittelbarer Nähe wohnt. „Kurzfristig habe ich überlegt, einen Wohnsitz im Geschäftslokal eines Bekannten anzumelden“, sagt Weber – um Chancen auf einen Platz in der Wunschschule zu haben. Weber lächelt, als er die Anekdote zu Ende erzählt. Er habe zufällig eine Folge der „Simpsons“ gesehen, in der Familienvater Homer genau das tut: Er meldet sich in einem anderen Distrikt an, um Tochter Lisa auf eine adäquate Schule schicken zu können. Skurril sei das gewesen, so Weber. Er verwarf schließlich den Plan.
Andere Wiener Eltern führen derartige Pläne allerdings konsequent bis zum Ende durch. Allein, öffentlich äußern wollen sich diese Eltern ob etwaiger Konsequenzen lieber nicht. Ein Problem: Gerade in den innerstädtischen Bezirken ist eine Vielzahl an Schulen schnell erreichbar. Wenn ihr Platz am Wunsch-Standort abgelehnt wird, befürchten Eltern die Zuteilung zu einer schlechteren Schule. Webers Sohn Adrian wird – auch deshalb – ab Montag eine katholische Privatschule besuchen. „Hätten wir bei den öffentlichen Schulen eine zweite Wahlmöglichkeit gehabt, hätten wir uns nicht für eine private Schule entschieden“, sagt der Vater.
Bewerbungsbrief. Derartige Sorgen hat man in der Familie Koidl nicht: Die Eltern kennen die Schule, in der Tochter Ida am Montag starten wird, schon von ihren zwei größeren Kindern. „Die Ganztagsvolksschule Aspernallee ist eine der besten Schulen, die es gibt“, sind die Eltern, beide Schausteller im Wiener Prater, überzeugt. Beim ersten Kind mussten sie sich sogar persönlich vorstellen und einen „Bewerbungsbrief“ schreiben.
Die Koidls kennen die Ängste anderer Eltern rund um die Schule. Sie selbst wollen sich davon aber nicht anstecken lassen. Das geht so weit, dass sie nur selten zu Elternabenden gehen – „um uns nicht von den Sorgen der anderen Eltern anstecken zu lassen“. Denn das, was man dort zu hören bekomme, sei nur mehr „Angst und Hysterie“. Und viele Eltern würden diese Hysterie ihren Kindern vorleben. Sie selbst wollen sich jedenfalls nicht schon zu Beginn der ersten Klasse Fragen in der Art stellen, ob die Kinder später auch ja problemlos ins Gymnasium wechseln können.
Ihre älteste Tochter habe es jedenfalls auch ohne diesen Stress in ein renommiertes Privatgymnasium geschafft. „In der Volksschule sollen die Kinder Sozialkompetenz aufbauen. Lernen wollen sie ohnehin“, sagt die Mutter. Der erste Schultag, das erste Schuljahr seien jedenfalls zu früh, um die Kinder in den sogenannten „Ernst des Lebens“ zu stoßen. Für die meisten Kinder sind all die Fragen, die sich die Eltern rund um den Schulstart stellen aber ohnehin eher nebensächlich. Das, was für sie am Ende wirklich zählt, ist vor allem die Größe der Schultüte.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.09.2012)
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