Innsbruck/Wien. Stimmen gegen das Gymnasium werden in der Volkspartei nicht gern gehört. Als sich vor wenigen Wochen der Tiroler ÖVP-Chef und Landeshauptmann Günther Platter als Sympathisant einer Gesamtschule deklarierte, ignorierte die Bundespartei seinen Vorstoß noch. Nun ist das nicht mehr möglich. Denn Platter kündigte an, in Tirol einen Schulversuch zu starten. Frühestens ab 2014 soll es eine Modellregion geben, in der alle Zehn- bis 14-Jährigen gemeinsam zur Schule gehen.
Platters neuerlicher Vorstoß – der einer Einführung der Gesamtschule durch die Hintertüre gleichkommt – rief nun Parteichef Michael Spindelegger (ÖVP) auf den Plan. Die Parteilinie sei trotz des geplanten Modellversuchs in Tirol nicht aufgeweicht, versucht er zu beruhigen. Es bleibe dabei: „Die Neue Mittelschule kommt, das Gymnasium bleibt.“ Das sagte Spindelegger am Dienstag vor dem Ministerrat. Um dieser Linie nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch treu zu bleiben, kündigte Spindelegger an, den Tiroler Modellversuch genau zu beobachten. Gemeinsam mit Platter werde er „genau abstimmen, was man erproben will“. Erste Gespräche habe es diesbezüglich bereits gegeben.
Details noch vor Ende des Jahres
Wie ein derartiger Modellversuch genau aussehen könnte, will die Tiroler ÖVP noch nicht sagen. Nur so viel: Bildungslandesrätin Beate Palfrader (ÖVP) wird in den kommenden Wochen gemeinsam mit Experten und dem Tiroler Landesschulrat ein Konzept erarbeiten. Bereits Ende des Jahres sollen die ersten Details feststehen.
Der Arbeitseifer in der Tiroler ÖVP in Sachen Gesamtschule freut vor allem die Bundes-SPÖ. Gilt die Gesamtschule doch schon seit Jahren als das große Wunschprojekt von Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ). Bisher scheiterten jegliche Verhandlungen darüber am Veto der ÖVP. Einzig auf die flächendeckend Einführung der Neuen Mittelschule – als Schulform neben dem Gymnasium – konnten sich die Koalitionspartner einigen. Wenig verwunderlich also, dass die Ministerin bereits mit dem Tiroler Landeshauptmann Kontakt aufgenommen hat. Selbstbewusst kündigt Schmied an: Sie werde nun gemeinsam mit der Tiroler Politik ein Modell ausarbeiten.
Für Ablehnung sorgen die Bestrebungen bei der AHS-Lehrergewerkschaft Tirol. Deren Vorsitzender, Karl Digruber, bezeichnet den Platter-Vorschlag als „bildungspolitischen Holzweg“. Er ortet einen Kuhhandel zwischen Platter und der Innsbrucker Bürgermeisterin Christine Oppitz-Plörer („Für Innsbruck“). Diese „segle schon lange auf Gesamtschulkurs“. Platter erhoffe sich von ihr dafür eine Wahlempfehlung, sagt Digruber.
Inwieweit der Widerstand der ÖVP gegen die Gesamtschule bröckelt, ist schwer auszumachen. Erst vor Kurzem ließ der steirische Ex-ÖVP-Bundesrat Andreas Schnider mit der Aussage aufhorchen, in der ÖVP gäbe es eine „schweigende Mehrheit“ für die Gesamtschule. In öffentlichen Statements bleibt man auf Parteilinie. „Das Gymnasium bleibt, die Mittelschule bleibt“, sagt etwa der Vorarlberger Bildungslandesrat Siegi Stemer. Vorarlberg stehe aber in engem Kontakt mit Tirol und werde sich anschauen, ob es gelingt, Pilotmodelle zu entwickeln.
Die Gesamtschule gilt seit Jahren als Wunschprojekt der SPÖ. Die ÖVP wehrte sich stets gegen dieses Vorhaben. Kern eines derartigen Modells: der gemeinsame Unterricht aller Zehn- bis 14-Jährigen. Eine Trennung zwischen Hauptschule bzw. Neuer Mittelschule und Gymnasium sollte es damit nicht mehr geben. Befürworter erhoffen sich davon bessere Bildungschancen für sozial Schwache.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.09.2012)
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