24.05.2013 07:23 Merkliste 0

Innsbrucker "Ghettoklasse": Betroffene sehen Flop

von Köksal BALTACI (Die Presse)

Eine Volksschulklasse mit fast ausschließlich türkischen Kindern sollte gezielt gefördert werden. Ein Pilotprojekt, das im Erfolgsfall in Serie gehen sollte. Nach Protesten wurde das Projekt eingestellt.

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Das Olympische Dorf in Innsbruck vor sechs Jahren: Der Anteil der Erstklässler mit Zuwanderungsgeschichte in der Volksschule Neu Arzl ist derart hoch, dass die Schulleitung kurzerhand beschließt, eine der drei ersten Klassen fast ausschließlich mit ausländischen, zumeist türkischen, Kindern zu besetzen. Lediglich drei Schüler haben keinen Migrationshintergrund. Deren Eltern werden vorsichtshalber gefragt und haben nichts gegen diese Aufteilung einzuwenden.

Das Argument der Direktorin Erika Bucher damals: Die Kinder sollen ihre Deutschdefizite über „homogene Sprachförderung“ schneller aufholen und gezielt betreut werden. Ein Pilotprojekt, das im Erfolgsfall in Serie gehen sollte und an die aktuelle Forderung von Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz (VP) erinnert, wonach Kinder ohne ausreichende Sprachkenntnisse im Rahmen eines Vorschulsystems ein Deutsch-Förderjahr absolvieren sollen. Damals wurde kritisiert, es gebe die Gefahr, dass sich Kinder in so einer Klasse untereinander lieber in ihrer Muttersprache unterhalten. Die bestehe nicht, sagte Bucher. Die Lehrpersonen würden streng darauf achten, dass im Klassenraum ausschließlich Deutsch gesprochen werde.

Ein Aufschrei ging durch die Bevölkerung. Eltern betroffener Schüler beschwerten sich, sie seien nicht miteinbezogen worden und mit einer „Türkenklasse“ nicht einverstanden. Es gab Proteste, um eine Neuaufteilung der Schüler zu erreichen. Medien wurden mobilisiert, der Konflikt zwischen Eltern und Schule entwickelte sich zum Politikum – bis sich das Bezirksschulinspektorat einschaltete und die Fortsetzung des Pilotprojekts im folgenden Jahr verbot. Dieser Anordnung ging ein Gemeinderatsbeschluss voraus. Für die bereits eingeteilte Klasse kam diese Regelung zu spät, sie blieb vier Jahre lang bestehen. In den Monaten und Jahren darauf berichteten Eltern immer wieder von mangelnden Deutschfortschritten ihrer Kinder. Sie würden untereinander nur Türkisch sprechen und sich von österreichischen Schülern immer mehr abkapseln.

Vollendete Tatsachen. „Mein Sohn fragte mich, warum er nur mit Türken in der Klasse sei und ob man ihn in den anderen Klassen nicht haben wolle“, sagt der Innsbrucker Tayip Ünsal (41) heute. Er ist der Vater von Mustafa (13), einem der betroffenen Schüler. „Die Art, wie man uns Eltern damals – eine Woche vor Schulbeginn – vor vollendete Tatsachen gestellt hat, war ein Skandal. Ich bin froh, dass unsere Proteste gefruchtet haben, und dieses schwachsinnige, diskriminierende Projekt sofort wieder zu Grabe getragen wurde“, so Ünsal, der seinen Sohn nach einem Jahr wieder aus der Klasse nahm und in eine andere Volksschule schickte, weil er kaum Deutsch gelernt habe. „Erst in den Jahren danach hat er sich durch Nachhilfeunterricht und spezielle Förderung zu Hause gefangen und ist ein erfolgreicher Schüler geworden. Ich habe mindestens 10.000 Euro für Nachhilfestunden ausgegeben.“ Mittlerweile geht Mustafa in die dritte Klasse einer Neuen Mittelschule und spricht perfekt Deutsch. Andere Schüler aber würden bis heute unter mangelnden Deutschkenntnissen leiden, die auf den Pilotversuch zurückzuführen seien. Ünsal: „Ich kenne viele Eltern, die bereuen, dass sie seinerzeit nicht konsequent waren und ihre Kinder aus dieser Klasse genommen haben. Auch sie mussten später ein Vermögen für Nachhilfe ausgeben.“

Von einer benachteiligten Klasse, deren Schüler nun mit massiven Nachteilen kämpfen, will Direktorin Bucher nichts wissen. Die Schüler hätten in ihrer Schullaufbahn einen „gleichwertigen Erfolg“ aufgewiesen – im Vergleich mit anderen Kindern ihrer Schulstufe. Dass das Konzept der getrennten Klasse nicht fortgeführt wurde, sei ausschließlich den Protesten und der Intervention von Politikern zu „verdanken“, die von „Ghettoklassen“ gesprochen und so das Projekt gekippt hätten, erklärt Bucher. Es ist lange her. 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2012)

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41 Kommentare
 
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die neue mittelschule

no comment.

Gast: Utor Wutor
15.10.2012 14:20
1 0

Na wenigstens lernens Schriftdeutsch

und nicht den ruralen Dialekt vorort. Damit fliegens nämlich erst recht wieder bei jeder Deutschschularbeit durch.

23 0

Frechheit

Fällt eigentlich niemandem diese Unverfrorenheit des zitierten Vaters auf? Es wäre seine Aufgabe gewesen, dem Sohn vor Eintritt in die Schule die Unterrichtssprache beizubringen. Es ist doch nicht Aufgabe der Volksschule, den Kindern erst sprechen beizubringen.

Re: Frechheit

Naja unverfroren? Natürlich ist es Aufgabe der Eltern, ihre Kinder die Sprache zu lehren. Wenn die Eltern selbst aber kaum oder schlecht deutsch sprechen, ist es besser, sie geben dieses schlechte Deutsch nicht an die Kinder weiter. hier gilt aber sicher eines: statt darüber zu Klagen, man hätte Euro 10.000 in Nachhilfe investiert, hätte man besser einen Teil davon rechtzeitig in einen Kindergarten oder Sprachkurs vor Schuleintritt investiert!

10 0

Re: Re: Frechheit

Es ist schlicht die Sache der Eltern, dieses Problem zu lösen. Ein Kind muss Deutsch können, wenn es in die Volksschule kommt. Sollen sie halt selbst anständig Deutsch lernen um kein schlechtes Deutsch weiterzugeben oder schauen, dass das Kind in Gesellschaft anderer Kinder kommt. Beispielsweise Kindergarten oder Kinderklubs etc.

Die sind in ein fremdes Land ausgewandert. Es ist kein schwieriges Problem eine Sprache zu lernen und sie bekommen sowieso alle möglichen Kurse hinten hineingeblasen.

Re: Re: Re: Frechheit

meine Großeltern mütterlich waren Ungarn. Mit den Kindern haben sie zu Hause ungarisch gesprochen. Deutsch sprachen sie- aber mit starkem Akzent und Grammatikschwächen. trotz Berufstätigkeit und Fleiß haben sie es nie geschafft, fehlerfrei deutsch zu lernen. das war aber für die Kinder kein Problem- meine Mutter lernte im Internat Deutsch, die jüngeren Geschwister im Kindergarten. (Gewohnt haben meine Großeltern übrigens in einem ausschließlich von Ungarn bewohnten Haus- da sprach man im Treppenhaus ungarisch...)

Re: Frechheit

Die Kinder können alle sprechen, ihre Muttersprache. Für Dt. ist der österr. Staat zuständig. Er duldet ja diese Haltung.

5 0

Re: Re: Frechheit

So viel ich weiß ist es gesetzlich vorgeschrieben, was die Kinder zu Schulantritt können müssen. Dazu gehört auch Deutsch.

Re: Re: Re: Frechheit

Diesbezgl. rennen Sie bei mir offene Türen ein. Ich unterrichte sie.

Antworten Antworten Gast: Saktionen
14.10.2012 18:00
7 0

Re: Re: Frechheit

fehlen hier eben - Abschiebung dieser Familien wird die Kosten senken und zukünftig für mehr Sprachmotivation sorgen.

Re: Re: Re: Frechheit

Da könnte man noch eine Menge mitschicken, mit der Auflage, können wieder kommen bei großen Deutschfortschritten aller Familienmitglieder, dann sprächen auch die Mütter plötzlich Deutsch.
Andersherum könnte man den Familienzuzug ( Nachzug?) von den Deutschkenntnissen der Nachziehenden abhängig machen, da würden wir uns viel sparen!

Gast: Mal was ganz neues...
14.10.2012 12:41
2 0

Das man sich aufregt das die Kid's zuwenig lernen...

Auch sonnst ist der Artikel sehr eigenartig, ansonsten ist es doch so das viele Eltern gezielt den Schulunterricht sabotieren, wo den Kindern unter Androhung unkonventioneller Erziehungsmethoden nur das sprechen der Muttersprache erlaubt ist...

Die 10.000.- Euro waren auch für die Katze, es hätte genügt wenn man das Kind bei der Jugendfeuerwehr anmeldet, oder sonnst in einem, ist ja nicht so das es keine Vereine gibt in Innsbruck, denk mal von der Blaskapelle bis zu den Goldhauben ist alles da...

Von Wien weis ich nur, das es da erhebliche Probleme gibt, gerade bei der Förderung von Mädchen, wo es schon verdammt viele dicke Krokodislltränen gab, weil schlußendlich eine Aufführung von einer Oper mit Kindern das heiß geleibte Kopftuch nicht wirklich in das Konzept des Werkes paßt...

nein...

nicht alle ausländer in eine klasse sonder immer nur einen ausländer in eine klasse voller österreicher , dann müssen sie sich anpassen und nicht wieder ihnen entgegenkommen, wenn lauter türkische kinder zusammensitzten werden sie sich wohl kaum bemühen nicht türkisch zu reden ...

Antworten Gast: bärig
14.10.2012 15:20
4 0

Re: nein...

In wiener NMS gibt es in den Klassen aber mehr Kinder, die Deutsch nicht als Muttersprache haben!

Re: nein...

Ihr Modell ist leider mathematisch nicht realisierbar.

3 0

Re: nein...

So wäre es wohl optimal. Aber in der Praxis wird das halt nicht gehen, weil es wohl eher mehr Türken als Österreicher geben wird.

Kolonisten

Vielen Kolonisten geht es um die Ansiedlung und Verbreitung ihrer eigenen Religion, Sprache und Kultur.

Es geht nicht primär darum die Sprache des Gastlandes zu lernen. Es ist nur ein notwendiges Übel um wirtschaftlich zu überleben.

Ab einer bestimmten kritischen Masse ist es auch nicht mehr notwendig die Sprache des zu kolonisierenden Landes zu lernen.

Hausverstand?

Wie blöd muss man denn sein, um nicht zu begreifen, dass 20 Türken in einer Klasse weniger deutsch lernen, als wenn man sie auf 20 Klassen aufteilen würde?
Da hat sich eine freigestellte, in der Direktion sitzende, vor sich hinlagweilende Direktorin ziemlich wichtig gemacht!

13 0

Re: Hausverstand?

Vielleicht sollte man realisieren, dass die österreichischen Kinder primär in der Schule sind um etwas zu lernen und nicht um anderen Sprachunterricht zu geben. Das Erlernen der deutschen Sprache ist die Pflicht der Eltern.

Re: Hausverstand?

Und wie blöd muss man sein, zu glauben, dass 2-3 Tiroler in einer Klasse 20 Türken Deutsch lernen können?

Re: Re: Hausverstand?

So blöd wie die Schulinspektorate...!

Re: Re: Hausverstand?

Und wie blöd muss man sein, wenn man auf mein Posting etwas behauptet, was nie geschrieben wurde.

Was soll man von so einem Bericht halten?

Einerseits versteht man das Dilemma der Schüler, die ihre Zukunft durch ein weiteres Experiment einer willfährigen Direktorin, einer ziel,- und planlosen (Bildungs)Politik vermurkst sehen.

Andererseits fragt man sich, auf welcher Sprache der Köksal den Tayip wohl interviewt hat und warum letzterer seinen Mustafa nicht Martin genannt und schon vor der Schule deutsch vermittelt hat, wenn er ihn doch gern integriert sähe und ihm einen besseren Start ins Leben vermitteln wollte.

Die bisherige Antwort der Bildungseinrichtungen auf das Problem nicht deutschsprachiger Schüler ist die Nivellierung nach unten. Von Pisa mag man halten was man will, aber es zeigt zumindest die Richtung an, in die es geht.

wurde der Vater "richtig" zitiert?

wenn ja, dann wundert es mich, dass der Sohn kein deutsch konnte. der Vater, falls er das wirklich so gesagt hatte, verwendet Ausdrücke und Redewendungen die ich von einem Türken in Wien selten bis nie gehört habe.

2 0

Re: wurde der Vater "richtig" zitiert?

Ich denke, der Vater hat türkisch gesprochen und das ist eine Übersetzung.

Gast: Calamaro
14.10.2012 06:11
12 1

...

Wenn der Schüler schon VOR dem Schuleintritt Förderungsmaßnahmen zu Hause genossen hätte, dann hätte er nie ein Problem gehabt. Der Herr Papa soll also aufhören, zu jammern, und sich selber bei der Nase nehmen.

Wenn er rechtzeitig begonnen hätte, hätte er seine 10000 Euro für schönerer Dinge als Nachhilfe verwenden können.

Wo steht denn, dass der Erwerb der deutschen Sprache erst in der Schule stattfinden muss? Und das auf Kosten des Steuerzahlers.

 
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Eduard 2013

Schlagzeilen Bildung