Das Olympische Dorf in Innsbruck vor sechs Jahren: Der Anteil der Erstklässler mit Zuwanderungsgeschichte in der Volksschule Neu Arzl ist derart hoch, dass die Schulleitung kurzerhand beschließt, eine der drei ersten Klassen fast ausschließlich mit ausländischen, zumeist türkischen, Kindern zu besetzen. Lediglich drei Schüler haben keinen Migrationshintergrund. Deren Eltern werden vorsichtshalber gefragt und haben nichts gegen diese Aufteilung einzuwenden.
Das Argument der Direktorin Erika Bucher damals: Die Kinder sollen ihre Deutschdefizite über „homogene Sprachförderung“ schneller aufholen und gezielt betreut werden. Ein Pilotprojekt, das im Erfolgsfall in Serie gehen sollte und an die aktuelle Forderung von Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz (VP) erinnert, wonach Kinder ohne ausreichende Sprachkenntnisse im Rahmen eines Vorschulsystems ein Deutsch-Förderjahr absolvieren sollen. Damals wurde kritisiert, es gebe die Gefahr, dass sich Kinder in so einer Klasse untereinander lieber in ihrer Muttersprache unterhalten. Die bestehe nicht, sagte Bucher. Die Lehrpersonen würden streng darauf achten, dass im Klassenraum ausschließlich Deutsch gesprochen werde.
Ein Aufschrei ging durch die Bevölkerung. Eltern betroffener Schüler beschwerten sich, sie seien nicht miteinbezogen worden und mit einer „Türkenklasse“ nicht einverstanden. Es gab Proteste, um eine Neuaufteilung der Schüler zu erreichen. Medien wurden mobilisiert, der Konflikt zwischen Eltern und Schule entwickelte sich zum Politikum – bis sich das Bezirksschulinspektorat einschaltete und die Fortsetzung des Pilotprojekts im folgenden Jahr verbot. Dieser Anordnung ging ein Gemeinderatsbeschluss voraus. Für die bereits eingeteilte Klasse kam diese Regelung zu spät, sie blieb vier Jahre lang bestehen. In den Monaten und Jahren darauf berichteten Eltern immer wieder von mangelnden Deutschfortschritten ihrer Kinder. Sie würden untereinander nur Türkisch sprechen und sich von österreichischen Schülern immer mehr abkapseln.
Vollendete Tatsachen. „Mein Sohn fragte mich, warum er nur mit Türken in der Klasse sei und ob man ihn in den anderen Klassen nicht haben wolle“, sagt der Innsbrucker Tayip Ünsal (41) heute. Er ist der Vater von Mustafa (13), einem der betroffenen Schüler. „Die Art, wie man uns Eltern damals – eine Woche vor Schulbeginn – vor vollendete Tatsachen gestellt hat, war ein Skandal. Ich bin froh, dass unsere Proteste gefruchtet haben, und dieses schwachsinnige, diskriminierende Projekt sofort wieder zu Grabe getragen wurde“, so Ünsal, der seinen Sohn nach einem Jahr wieder aus der Klasse nahm und in eine andere Volksschule schickte, weil er kaum Deutsch gelernt habe. „Erst in den Jahren danach hat er sich durch Nachhilfeunterricht und spezielle Förderung zu Hause gefangen und ist ein erfolgreicher Schüler geworden. Ich habe mindestens 10.000 Euro für Nachhilfestunden ausgegeben.“ Mittlerweile geht Mustafa in die dritte Klasse einer Neuen Mittelschule und spricht perfekt Deutsch. Andere Schüler aber würden bis heute unter mangelnden Deutschkenntnissen leiden, die auf den Pilotversuch zurückzuführen seien. Ünsal: „Ich kenne viele Eltern, die bereuen, dass sie seinerzeit nicht konsequent waren und ihre Kinder aus dieser Klasse genommen haben. Auch sie mussten später ein Vermögen für Nachhilfe ausgeben.“
Von einer benachteiligten Klasse, deren Schüler nun mit massiven Nachteilen kämpfen, will Direktorin Bucher nichts wissen. Die Schüler hätten in ihrer Schullaufbahn einen „gleichwertigen Erfolg“ aufgewiesen – im Vergleich mit anderen Kindern ihrer Schulstufe. Dass das Konzept der getrennten Klasse nicht fortgeführt wurde, sei ausschließlich den Protesten und der Intervention von Politikern zu „verdanken“, die von „Ghettoklassen“ gesprochen und so das Projekt gekippt hätten, erklärt Bucher. Es ist lange her.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.10.2012)
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