Deutsches Historisches Museum: Von der Freiheit, die alle meinen

Das Deutsche Historische Museum will Ideengeschichte durch große Kunst den Sinnen nahebringen. Es beweist mit „Verführung Freiheit“, dass auch eine missglückte Ausstellung den Besuch sehr lohnen kann.

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Magritte / Deutsches Historisches Museum
Magritte – Deutsches Historisches Museum / Bild: Magritte / Deutsches Historisches Museum

Ein antiker Frauenkopf, mit Blut befleckt, doch unzerstört. Dahinter blaues Meer und Himmel bis zum Horizont. Bei René Magritte war nach Kriegsende alles noch da und heil: das Versprechen der Aufklärung, die Hoffnung nach der überwundenen Barbarei. Brüderlichkeit, Gleichheit, vor allem aber: Freiheit. Einmal mehr, mehr denn je. Mit diesem starken Bild startet die Europarats-Ausstellung „Verführung Freiheit“ im Deutschen Historischen Museum in Berlin. Doch keine Utopie ohne Scheitern. Die kritische Kunst hält Gerichtshof über die Vernunft. Die Achterbahnfahrt durch die Krisen der Moderne beginnt.

Die Schau tritt dreifach kühn auf den Plan. Sie folgt den verschlungenen Wegen der Freiheit und ihren Fesseln im Europa seit 1945. Also vermittelt sie Ideengeschichte. Aber ihr einziges Medium sind Kunstwerke – und was für welche! Fast alle sind sie da, die großen Namen. Léger, Dubuffet, Moore, Beuys, Richter, Hirst – weit spannt sich der Bogen. Auch Österreich ist würdig vertreten, etwa mit Maria Lassnig, Valie Export, Erwin Wurm. Und wozu das stolze Aufgebot? Spektakulär wird die Ausstellung durch das, worauf sie verzichtet. Es gibt keine Chronologie, man vertraut ganz der spontanen Dialektik der Bilder, Installationen und Videos.

Vor allem aber bleibt das prägende Thema der Epoche ausgeblendet: der Konflikt zwischen Ost und West. Leicht wäre es gewesen, die verlogenen Scheinwelten des Sozialistischen Realismus mit der entfesselten Individualität des Informel zu kontrastieren: abstrakte Kunst als Sprache der freien Welt. Doch so einfach wollten es sich die Gestalter nicht machen. Werke aus Ost und West, in einheitlich hoher Qualität, hängen wie Kraut und Rüben durcheinander. Das soll zeigen: Beide Systeme sind Kinder der Aufklärung, mit gleichen Wurzeln und gleichem Ziel: Menschenrechte und sozialer Fortschritt.

„Der Realsozialismus konnte dieses Versprechen nicht verwirklichen“, konstatiert Hauptkuratorin Monika Flacke zwar. Das deckten die Künstler auf, soweit man sie ließ, oft nur codiert. Aber die Schau irritiert durch den nivellierenden Blick: Im Westen war, wie auch im Einheitseuropa von heute, die Kritik der Künstler lauter, bitterer und verzweifelter – als wäre die Freiheit stärker bedroht als unter Stalin und Stasi.

Ist das nur mit der Ost-Zensur zu erklären? Die theorieseligen Kuratoren berufen sich auf eine unter Historikern berühmte Arbeit, „Krise und Kritik“. Für ihren Autor, Reinhart Koselleck, erzeugte die Aufklärung ein Heilsversprechen, das kein System einlösen kann. Die Politik habe nur zwei Alternativen: in der Diktatur den Staatsterror; in der Demokratie den Versuch, den Bürger durch subtile Manipulation in den Griff zu bekommen, damit er dem Fortschritt diene. Auch wenn man von ihm „nur“ Geschichtsvergessenheit, Effizienz und Konsum im Dienste des Wachstums fordert: Der Künstler wehrt sich, umso aggressiver, je freier er sich äußern kann. Damit gelingen ein paar erhellende Bezüge. Anselm Kiefer lichtet sich mit Hitlergruß in ganz Deutschland ab. Er stellt die abgründige Frage, ob ein Staat mit solcher Vergangenheit Demokratie überhaupt gewährleisten kann. Nebenan aber erinnert der Ukrainer Nikita Kadan mit Folterszenen auf Porzellantellern an ganz akute Gewalt.

 

Kopflastig und zu viel des Besten

Der Tscheche Milan Kunc zieht 1978 den Coco-Cola-Schriftzug über Arbeitermassen auf einer „Prawda“-Seite und evoziert so verwehrte Genüsse. Beim deutschen Fotografen Andreas Gursky wird 2001 das Schlaraffenland der Warenwelt zur Konsumhölle: Im Panoramablick auf den Diskontladen gehen die Menschen zwischen den Regalfluchten unter, ertrunken im Überfluss.

Doch es muss gesagt werden: Viel weiter nimmt das kopflastige Unterfangen den Besucher nicht mit. Die Ausstellung ist, im handwerklichen Sinne, gründlich misslungen. Viel zu viel wird reingepackt, die Assoziationen verlieren sich im Nirgendwo. Wer unvorbereitet kommt, kann das Thema nicht einmal erahnen. Vollends zerfasert sich die hochkarätige Schau, wenn das Individuum mit seinen Grenzerfahrungen ins Blickfeld rückt. So berührend das sensible Psychogramm von Wols, so erschütternd die Seelenpein auf Francis Bacons „Kreuzigung“ auch sind: Was zum Teufel haben sie auf einer Ausstellung über Freiheit verloren?

Erst am Ende, das an den Anfang grenzt, ist das große Ganze wieder da: Auf Thomas Ruffs monumentalen Porträtfotos aus dem Wiener Mumok machen sich junge Menschen ernsthaft Gedanken. Das Individuum entwirft wieder Welten im Kopf, der Kreislauf beginnt neu. Nur die westliche Demokratie hält ihn am Laufen – und damit die Aufklärung am Leben. Das wäre eine hoffnungsvolle Erkenntnis, die Magrittes naiven Blick überwunden hätte. Und es wäre schön, sie in einer Ausstellung auch sinnlich erfahren zu können. Vielleicht ein andermal.

Auf einen Blick

„Verführung Freiheit“ ist das Thema der 30. Ausstellung des Europarats im Deutschen Historischen Museum in Berlin. Dort ist sie seit Mittwoch und noch bis 10. Februar zu sehen. Später wird sie in Mailand, Tallinn und Krakau gezeigt. Die ideengeschichtliche Schau präsentiert 113 Kunstwerke und Künstler aus 28 europäischen Ländern. Fast alle großen Namen von der Nachkriegszeit bis heute sind mit starken Arbeiten vertreten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.10.2012)

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