Neue Mittelschule: Keine AHS-Lehrer, kein Geld

Das Bildungsministerium will beim Teamteaching genauer hinschauen. Wenn weniger AHS-Lehrer eingesetzt werden als vereinbart, könnte das finanzielle Konsequenzen haben.

Der gemeinsame Unterricht von NMS- und AHS-Lehrern ist zwar vom Bund gewünscht, bleibt oft aber die Ausnahme.
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Der gemeinsame Unterricht von NMS- und AHS-Lehrern ist zwar vom Bund gewünscht, bleibt oft aber die Ausnahme.
Der gemeinsame Unterricht von NMS- und AHS-Lehrern ist zwar vom Bund gewünscht, bleibt oft aber die Ausnahme. – (c) Die Presse (Clemens Fabry)

Wien. Das Herzstück der Neuen Mittelschule (NMS) könnte schon bald Schaden nehmen. Denn das Teamteaching, also der gemeinsame Unterricht zweier Lehrer in einer Klasse, wird zur Geldfrage. Der Bund, der diese sechs Zusatzstunden bisher zahlt, will das ab kommendem Herbst nur noch unter bestimmten Umständen tun.
„Unseren Dienstpostencontrollern wurde vonseiten des Ministeriums gesagt, dass diese sechs Stunden nicht mehr bezahlt werden, wenn dafür nicht Bundeslehrer eingesetzt werden“, sagt Fritz Enzenhofer (ÖVP), Oberösterreichs Landesschulratspräsident. Was kompliziert klingt, bedeutet, dass das Ministerium nur noch dann die Kosten übernehmen will, wenn in den sechs Stunden Lehrer aus Gymnasien bzw. berufsbildenden höheren Schulen (BHS) eingesetzt werden. Nur die beiden Gruppen zählen zu den Bundeslehrern und werden grundsätzlich vom Bund bezahlt.

In der Praxis kommen AHS-Lehrer aber nur selten zum Einsatz. In den sechs Stunden werden nämlich meist zusätzliche NMS-Lehrer, also Pflichtschullehrer, die den Ländern unterstellt sind, engagiert. Dabei war der gemeinsame Unterricht von NMS- und AHS- bzw. BHS-Lehrern einer der Grundgedanken der Neuen Mittelschule. Zu Beginn war dieser sogar Pflicht. Als die NMS im Jahr 2013 als Regelschule eingeführt wurde, wurde die Vorschrift gelockert. Befolgt wurde sie ohnehin nie wirklich.
So unterrichteten 2014 nur an 55 Prozent der Neuen Mittelschulen AHS- oder BHS-Lehrer. Erst Ende April dieses Jahres monierte der Rechnungshof, dass etwa Vorarlberg den Einsatz von Landeslehrern für diese Stunden noch einmal von 90 auf 93 Prozent erhöht hat.

Einsatz an NMS ist Prestigefrage

Es fanden sich stets zu wenige AHS-Lehrer für den Einsatz in der Neuen Mittelschule. Offiziell heißt es, dass das der angespannten Personalsituation geschuldet ist. Außerdem sei der Einsatz der Lehrer an zwei verschiedenen Schulen auf dem Land ob der großen Distanzen oft nicht zumutbar. Inoffiziell ist der Einsatz an einer Neuen Mittelschule aber oft von den Lehrern nicht gewollt und eine Frage des Prestiges.
Im Bildungsministerium will man die Drohung, künftig nur noch für den Einsatz von Bundeslehrern aufkommen zu wollen, auf Anfrage der „Presse“ zwar nicht bestätigen. Aber eines wird nicht verhehlt: dass das Bildungsministerium großes Interesse daran hat, dass mehr AHS-Lehrer an den Neuen Mittelschulen unterrichten.
Der gemeinsame Unterricht von Bundes- und Landeslehrern sei aus gutem Grund Teil des Konzepts der NMS. Darauf habe das Ministerium schon 2015 mittels Erlass hingewiesen. Nun habe man die Bundesländer noch einmal gebeten, die Abmachungen zu befolgen, heißt es aus dem Büro der neuen Bildungsministerin, Sonja Hammerschmid (SPÖ), gegenüber der „Presse“.
Tatsächlich hatten die Länder nie komplett freie Hand in der Frage, ob sie für diese sechs Stunden Bundes- oder Landeslehrer einsetzen. Es gibt dazu genaue Zielvereinbarungen zwischen dem Bund und jedem einzelnen Bundesland. Darin wird je nach den örtlichen Voraussetzungen ein Mindestmaß an AHS-Lehrern festgeschrieben, die in den sechs Stunden eingesetzt werden müssen. Und eben dieses gelte es für die Länder zu erfüllen, heißt es aus dem Ministerium. Tun sie das nicht, könnte das ab Herbst finanzielle Konsequenzen haben.

Die schwarzen Landesschulratspräsidenten warnen schon jetzt: Eine Kürzung der sechs Stunden wäre „ganz fatal“ und ein „empfindlicher Schlag gegen das Wesen der NMS“. Sie pochen darauf, dass der Bund diese Extrastunden weiter finanziert – egal, welche Lehrer unterrichten. „Für das berühmte Teamteaching ist nicht entscheidend, aus welchen Schultypen die beiden Lehrer kommen, sondern ob sie miteinander können und wollen“, sagt Niederösterreichs Landesschulratspräsident, Johann Heuras (ÖVP).

Kürzung wäre „ganz fatal“

Schon in der Vergangenheit war der verpflichtende Einsatz von Bundeslehrern nicht unumstritten: „Das war ein unglückliches und bevormundendes Modell, das mit einer Kränkung der Hauptschullehrer verbunden war. Es kam häufig zu Schwierigkeiten in der Kooperation: Die Vorbereitungsarbeit blieb an NMS-Lehrern hängen, und oft wurden nicht die besten AHS- und BHS-Lehrer an die NMS geschickt“, sagte der Erziehungswissenschaftler Ferdinand Eder, der für die Evaluierung der NMS verantwortlich war, vor rund einem Jahr zur „Presse“.

Erst Ende April dieses Jahres hat wiederum der Rechnungshof Kritik geübt. Das Teamteaching sei teuer und sein positiver Effekt nicht nachgewiesen. Der Rechnungshof hat deshalb eine Reduktion von sechs auf vier Stunden empfohlen. Im Vollausbau der Neuen Mittelschule könnten so 60 Millionen Euro gespart werden.

 

Auf einen Blick

Die Neue Mittelschule wird ab 2018 die Hauptschule völlig abgelöst haben. Herzstück der NMS sind die sechs Zusatzstunden. Diese müssen für „pädagogische Fördermaßnahmen“ eingesetzt werden. Dazu zählen der gemeinsame Unterricht zweier Lehrer (Teamteaching) sowie Individualisierung, Begabungsförderung, inklusive Pädagogik, Förderung in temporären Schülergruppen sowie Förder- und Leistungskurse.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.06.2016)

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