Alle Jahre wieder erschallt der politische Ruf nach getrenntem Unterricht für Mädchen und Buben. In bestimmten Fächern sei es sinnvoll, getrennt nach Geschlechtern zu fördern, heißt es regelmäßig. Politiker berufen sich hier darauf, dass der gemeinsame Unterricht das Interesse von Mädchen an Technik und naturwissenschaftlichen Fächern sinken lasse. Tests wie PISA zeigen, dass es in Österreich relativ große Unterschiede bei den Leistungen von Mädchen und Buben gibt. In der Mathematik etwa schneiden die Burschen besser ab, das gilt für die Volksschule wie auch für die Sekundarstufe. Bei den Naturwissenschaften sind die Differenzen zu vernachlässigen, im Lesen haben dafür die Mädchen die Nase vorn – und das EU-weit. Der Vorwurf an die Schule lautet deshalb, dass sie für beide Geschlechter Nachteile bringe.
Buben oder Mädchen: Wer wird bevorzugt?
In den vergangenen Jahren hat sich aus den Geschlechterdifferenzen in der öffentlichen Wahrnehmung ein Kampf um die Geschlechter entwickelt. Die eine Seite ergreift Partei für die Mädchen: Diesen wurde über Jahrhunderte nichts zugetraut, Erfolge seien hart erkämpft. Immer noch würden aber viele Lehrer Mädchen für mathematisch unbegabt halten, was dann negative Auswirkungen auf das Selbstvertrauen der Mädchen hätte. Auf der „gegnerischen“ Seite heißt es, dass Burschen mittlerweile die großen Bildungsverlierer geworden seien. Sie kassieren die Betragensnoten und stellen den Hauptteil der Sonderschüler. Bei den Studienanfängern machen sie nur noch 43Prozent aus, auch unter den Absolventen sind sie in der Minderheit. In dreißig Jahren werden alle gehobenen Berufe mehrheitlich in Frauenhand sein, warnt der deutsche Bildungsexperte Klaus Hurrelmann. Sie hätten in der Schule im Gegensatz zu Mädchen zwar das nötige Selbstbewusstsein, es fehle ihnen aber an der Motivation.
Geschlecht nicht dramatisieren
Das sind sehr unterschiedliche Bedürfnisse. Müssen die Geschlechter in manchen Bereichen tatsächlich getrennt werden? Nein, sagt Hannelore Faulstich-Wieland, renommierte Forscherin im Bereich der Koedukation, des gemeinsamen Unterrichts von Mädchen und Burschen. „Geschlechtertrennungen sind Dramatisierungen von Geschlecht, das Geschlecht wird überbetont,“ sagt die Hamburger Professorin zur „Presse“. „Es ist aber eine Entdramatisierung des Geschlechts notwendig.“ Die Überzeugung der Expertin ist: Ob ein Schüler männlich oder weiblich ist, ist nicht irrelevant. Aber es ist ein Merkmal unter vielen, genau wie der sozio-ökonomische Status, das Aussehen, der ethnische Hintergrund. Kinder sind individuell, die entscheidenden Voraussetzungen für ihre Leistungen in der Schule sind Interessen und Erfahrungen, aber nicht das Geschlecht. Sie erteilt dem getrennten Unterricht von Mädchen und Burschen eine Absage. Er bringe nicht automatisch Vorteile mit sich. Auch die Wiener Bildungspsychologin Christiane Spiel warnt davor, dass eine Aufhebung der Koedukation Stereotype verstärken könnte. Etwa: Mädchen brauchen eine spezifische Mathematik, weil sie dem Fach nicht gewachsen sind.
Studien, die gerne zitiert werden, wenn es wieder um die Forderung nach getrenntem Unterricht geht, sind den Expertinnen zufolge mit Vorsicht zu genießen: „Soziale Bedingungen sind zu komplex, um auf eine einzelne Variable reduziert zu werden. Insofern ist es schon methodisch schwierig, Differenzen allein auf die Trennung zurückzuführen.“ So gehen etwa vor allem Schülerinnen mit einem hohen Sozialstatus auf reine Mädchenschulen, das müsse berücksichtigt werden.
Männermangel unter Pädagogen
Rund um die Schulen wird aber derzeit nicht nur das Geschlecht der Kinder heiß diskutiert. Der Anteil der männlichen Volksschullehrer ist so weit zurückgegangen, dass er mittlerweile nur noch etwa zehn Prozent ausmacht. Die „Feminisierung“ der Schule wird teils für das schlechte Abschneiden von Buben beim Lesen und ihre schlechteren Schulabschlüsse verantwortlich gemacht. Aktuell wird deshalb gefordert, dass mehr Männer unterrichten sollen. In Oberösterreich gab es sogar einen Anlauf für eine Männerquote für pädagogische Berufe – der aber scheiterte. Doch braucht man tatsächlich Männer, um gegen die schlechten Leistungen von Burschen anzukämpfen? Nein, sagt Faulstich-Wieland auch hier. Sie führt aktuell das Forschungsprojekt „Männer und Grundschule“ durch. Erste Ergebnisse zeigen, dass Zusammenhänge zwischen dem Geschlecht des Lehrers und Leistungsunterschieden der Schüler nicht nachweisbar sind. Die Schüler wurden auch danach befragt, ob ihnen das Geschlecht der Lehrkraft wichtig sei. Die Mehrheit der Kinder findet jedoch „individuelle Aspekte wesentlich relevanter“. Eine Vorbildwirkung in dem Sinne, dass die Kinder so sein wollen wie ihr Lehrer, wurde jedoch eher nicht bestätigt.
„Es ist wesentlich, Lerninhalte auszuwählen, die gleichermaßen Mädchen und Knaben ansprechen, den Unterricht so zu gestalten, dass er sowohl den Bedürfnissen der Mädchen als auch der Knaben entgegenkommt“, lautet ein didaktischer Grundsatz der österreichischen Lehrpläne. Die bewusste Koedukation wurde damit im Jahr 2000 aufgenommen, 25 Jahre nach der Einführung des gemeinsamen Unterrichts. Reine Mädchen- und Bubenschulen gibt es in Österreich mittlerweile kaum mehr. Es gibt lediglich noch einige wenige getrennte Ordensschulen wie zum Beispiel St. Ursula in Salzburg und Klagenfurt oder das Katholische Oberstufenrealgymnasium Kettenbrücke in Innsbruck. Das teilweise Ende der Koedukation scheint weit entfernt – auch wenn es immer wieder gefordert wird.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.03.2011)
Demo gegen ungeheizte Schule brutal aufgelöst Blitzlichter aus dem Bildungssektor
Kirche, Militär und Zufall Was unser Schulsystem geprägt hat
Promis in der Schule Streber oder Fünferkandidaten?











