Wie beurteilen Pädagogen eine Schülerin, die mathematisch sehr begabt ist, bei den Schularbeiten Einser schreibt, aber keine einzige Hausübung bringt und nicht mitarbeitet? „Der Lehrer hat die Leistungen der Schüler sachlich und gerecht zu beurteilen,“ heißt es im Schulgesetz. Was das dann in der Praxis bedeutet, hängt wohl vom einzelnen Pädagogen ab.
Noten stehen wegen vieler Gründe unter Beschuss. Manche sind naheliegend, andere weit hergeholt. Der am häufigsten genannte Kritikpunkt ist, dass Noten nicht gerecht sind. Es gibt strenge und milde Lehrer, gute und schlechte Klassen. All das beeinflusst die Ziffer, die schließlich im Zeugnis steht. Weiters: Mädchen bekommen bessere Noten, weil sie braver sind, nicht, weil sie den Stoff besser verstehen, wird gerne gesagt.
Und Bildungsexperten kritisieren, dass Schüler wegen der Noten oberflächliche Lernstrategien entwickeln und lediglich ihr Kurzzeitgedächtnis nutzen, statt sich wirklich mit dem Stoff auseinanderzusetzen. Außerdem sind für Schüler Zeiten wichtig, in denen sie Fehler machen können, um aus diesen zu lernen – ohne negative Konsequenzen fürchten zu müssen. Schließlich kann die Beurteilung nach einem Notenschlüssel schwache Schüler entmutigen.
Alternative Beurteilung gefordert
Die Grünen wollen deshalb die Ziffern 1 bis 5 von den Zeugnissen verbannen – zumindest in der Volksschule. Bildungssprecher Harald Walser hat einen entsprechenden Entschließungsantrag angekündigt. Statt der Noten sollen Lehrer künftig alternative Methoden der Beurteilung anwenden; etwa „Pensenbücher“, in die der Lernfortschritt der Kinder eingetragen wird. Zusätzlich sollen zumindest einmal pro Jahr externe Tests klarstellen, wie es um die Leistungen der Schüler bestellt ist. Diese seien vor allem als Rückmeldung an das System notwendig: So wissen Schüler, Eltern und Lehrer, aber eben auch Direktoren und das Ministerium über den Wissensstand der Kinder Bescheid und können – wenn nötig – auch rechtzeitig einschreiten.
Für das Aus für Noten in den unteren Schulstufen spricht von der psychologischen bis zur systemischen Komponente einiges. Die ÖVP stand einer Abschaffung aber noch nie positiv gegenüber. Auch in der SPÖ gibt es für die Idee keine Unterstützung. Unterrichtsministerin Claudia Schmied ist gegen die Streichung von Noten, aber „für die Ausweitung von verbaler und schriftlicher Beurteilung, für individuelles Feedback und auch für die positive Dokumentation der erbrachten Leistungen“. Die Schule ohne Noten wird bereits an mehr als der Hälfte der Volksschulen als Schulversuch geprobt. Dass dies nicht in das Regelschulwesen übernommen werden soll, ist offenbar schon jetzt für das Ministerium klar.
Was leisten Noten?
Viel Kritik besteht also an den Noten, trotzdem dürften sie in der derzeitigen Form erhalten bleiben. Was ist das Geheimnis des „Sehr gut“ und seiner Gefolgsleute? Was können Noten leisten?
Befürworter halten den Noten meist drei Dinge zugute. Erstens: Sie können den Konkurrenzkampf zwischen den Schülern forcieren. Noten machen also manche Schüler fleißiger. Zweitens: Ohne Noten haben Lehrer kein Druckmittel gegen faule Schüler in der Hand. Drittens: Noten müssen auf das „echte Leben“ und eine Gesellschaft vorbereiten, in der ständig bewertet und beurteilt wird. Den Facebook–Daumen als Lebensprinzip muss ein Lehrer allerdings nicht vermitteln. Und vor der Pubertät würden viele wohl auch gerne darauf verzichten, Kindern den Druck des „echten Lebens“ aufzuerlegen.
Nicht von der Hand zu weisen ist jedoch der Bedarf nach einem Instrument der Disziplinierung für Faule und einer Belohnung für Fleißige. Doch Noten sollen per Definition die Leistung und die Kompetenzen der Schüler widerspiegeln und nicht als Druckmittel oder „Goodie“ eingesetzt werden.
Fleißnoten einführen
Eine Lösung für dieses Dilemma wäre, das Arbeitsverhalten der Kinder zu beurteilen. Die meisten Regelungen zur Beurteilung finden sich in der LeistungsbeurteilungsVerordnung, die aus dem Jahr 1974 stammt. Zu dieser Zeit wurde auch die sogenannte Fleißnote abgeschafft, die nun eine Renaissance erleben könnte. Vorteile würde dies vor allem auch an den Schnittstellen des Bildungssystems bringen. Denn wer Absolventen einer Schule einstellt oder ihnen einen Lehrplatz anbietet, wird weniger an einer Geografie-Note interessiert sein als an der Frage, ob ein Jugendlicher sich anstrengen kann, an seiner Leistung arbeitet und sich verbessern will. Die Beurteilung des Arbeitsverhaltens zusätzlich zu externen Prüfungen würde es den Schülern ermöglichen, sich nicht mit den anderen Kindern in ihrer Klasse zu vergleichen, sondern mit ihren eigenen Möglichkeiten.
So antiquiert der Begriff der „Fleißnote“ anmutet: In Deutschland bekommen viele Schüler eine sogenannte Kopfnote in den Bereichen Arbeitsverhalten und Sozialverhalten. Darin fließen etwa Leistungsbereitschaft und Zuverlässigkeit ein. Vor Jahrzehnten großräumig abgeschafft, wurde die Kopfnote in vielen Bundesländern wieder eingeführt.
Benotung: Derzeit wird die Schule ohne Noten bereits an mehr als der Hälfte der Volksschulen als Schulversuch geprobt. Die Grünen wollen zumindest in der Volksschule die Noten abschaffen, dafür alternative Beurteilungssysteme und externe Prüfungen einsetzen, damit Kinder, Eltern und das System Klarheit über die Kompe-tenzen der Schüler haben. Das Ministerium ist dagegen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.06.2011)
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