Wer wollte in der eigenen Schulzeit seinen Eltern nicht einreden, dass man mit Musik viel besser lernen kann? Versucht haben es wohl die meisten Schüler einmal. Und das, obwohl es auch für Jugendliche logisch sein müsste, dass das die Konzentration nicht fördert.
Aber: Auf die Logik kommt es nicht immer an. Denn auch so mancher viel schwerwiegendere Irrglaube in Bezug auf das Lernen hält sich in der Gesellschaft hartnäckiger, als man annehmen würde. Obwohl die Wissenschaft schon längst über empirischen Daten verfügt, die diese Mythen stark infrage stellen, halten wir oftmals lieber an längst überholten Alltagsweisheiten oder lieb gewonnenen Reformforderungen fest.
„Die Presse“ hat zehn der gängigsten Annahmen über das Lernen auf ihre Gültigkeit überprüft.
1 Die Schüler werden immer dümmer: Es gibt einen allgemeinen Leistungsverfall
Unternehmer raufen sich die Haare über Lehrlinge, die keinen fehlerfreien Brief schreiben können, Uni-Professoren sind entsetzt über die Wissenslücken der Studienanfänger. Es ist eine oft vernommene Klage: Die Schüler leisten heute weniger als früher. Stimmt nicht, sagt Bildungsforscher Stefan Hopmann (Universität Wien). Es gibt keine einzige seriöse Längsschnittstudie, die einen allgemeinen Leistungsverfall belegt.
Wie auch? Die Inhalte sind oftmals andere als früher, Schüler lernen heute vieles, was es vor zehn Jahren überhaupt nicht gab. Das Problem sehen Experten vielmehr auf der anderen Seite: Bildungserfolg wird immer höher angesiedelt, die Erwartungen sind gestiegen – und damit auch der Druck auf die Kinder.
2 Die Herkunft zählt: Migrantenkinder bringen schlechtere Leistungen
Ob die Eltern eines Kindes in Ex-Jugoslawien, in der Türkei oder in Österreich geboren sind, hat keinen Einfluss auf Schulleistungen oder Bildungsweg. Entscheidender ist die soziale Lage der Eltern. Je niedriger das Familieneinkommen und der Bildungsgrad der Eltern, desto schlechter stehen die Chancen auf höhere Bildung für die Kinder.
Der Anteil von Kindern von Wenigverdienern ist in der vierten Klasse Hauptschule mit 34 Prozent fast drei mal so hoch wie in der vierten Klasse AHS-Unterstufe (13 Prozent). Nach der Hauptschule gelingt nur wenigen dieser Kinder der Wechsel in eine AHS-Oberstufe. Allerdings: Migrationshintergrund und ein niedriger sozioökonomischer Status gehen in Österreich oft Hand in Hand.
3 Je kleiner, desto feiner: In kleineren Klassen lernen die Schüler besser
In den vergangenen Jahren wurde die Klassenschülerzahl kontinuierlich gesenkt, die Politik feiert das als Erfolg. Mehrere Studien kommen aber zum Schluss, dass sich die Leistung der Schüler dadurch nicht verbessert.
Auch zwischen Klassengröße und der Dropout-Quote wurde kein Zusammenhang festgestellt. Entscheidend ist vielmehr die Qualität der Lehrkraft. So erhob die Unternehmensberatung McKinsey, dass im Schulbereich erfolgreiche Staaten vor allem auf die Auswahl der Pädagogen sowie deren (gute) Bezahlung achten. Für diese ist die Frage nach der Zahl der Schüler offenbar auch nicht die wichtigste: Bei ihrem Stressempfinden spiele dies eine untergeordnete Rolle, sagen deutsche Wissenschaftler. Dagegen empfehlen sie, den Unterricht etwa durch mehr Förderstunden zu verbessern.
4 Non scholae sed vitae discimus: Latein fördert das logische Denken
Im Lateinunterricht wird Sprache vollständig analysiert, unter manchen Lehrern auch seziert. Methodisches Vorgehen ist beim Übersetzen unerlässlich, Subjekt und Prädikat können meilenweit voneinander entfernt liegen. Da liegt der Schluss nahe, dass Latein das logische Denken fördert. Das ist aber schlicht falsch, sagen Lernforscher wie Elsbeth Stern (ETH Zürich) und Ludwig Haag (Uni Bayreuth). Eine ihrer Studien zeigt: Schüler, die zwei oder vier Jahre Lateinunterricht hatten, sind Altersgenossen beim logischen Denken nicht überlegen.
Weiters widerlegten sie, dass Latein das Erlernen anderer romanischer Sprachen besonders erleichtere. Wer Französisch oder Spanisch lernt, könne darauf genauso gut aufbauen. Latein mag per se großen Bildungswert haben. Aber wer Latein lernt, lernt einfach nur Latein.
5 Unkreativ, verstaubt und einfallslos: Frontalunterricht ist schlecht
Der Begleiter des Frontalunterrichts ist meist das schlechte Gewissen, sagt der Hamburger Erziehungswissenschaftler Herbert Gudjons. Nicht ganz zu Recht, denn frontaler Unterricht hat seinen Wert: Gerade leistungsschwache Schüler machen mit lehrkraftzentriertem Unterricht oft bessere Lernfortschritte – während offene Formen besonders Schülern aus bildungsnahen Familien entgegenkommen.
Und geht es um die Vermittlung von Faktenwissen, stellen Studien dem Frontalunterricht gleich gute Noten aus wie anderen Lernformen. Nur wenn es um die Anwendungskompetenz geht, dann liegen offene Lernmethoden vorne. Experten sind sich daher weitgehend einig: Wie so oft macht die Dosis das Gift. Am erfolgversprechendsten ist eine Mischung von frontalem und offenem Unterricht.
6 Getrennt lernt sich's besser: Mädchen leisten mehr ohne Buben
„Koedukation macht Mädchen dumm“, titelte die feministische Zeitschrift „Emma“ im Jahr 1989. Seither erschallt immer wieder der Ruf nach (zumindest teilweise) getrenntem Unterricht für Mädchen und Buben. Studien liefern aber keinen soliden Beleg dafür, dass Mädchen in getrennten Klassen besser lernten, sagt die Wiener Bildungspsychologin Christiane Spiel. Dafür seien die Ergebnisse zu uneinheitlich.
Zwar zeigen Studien vereinzelt Leistungsvorsprünge in getrenntgeschlechtlichen Klassen. Diese dürften aber auch auf andere Faktoren zurückzuführen sein – etwa den dort (meist besseren) Bildungshintergrund der Eltern oder den (anfänglichen) Enthusiasmus aller Beteiligten. Fazit: Getrennter Unterricht gibt den kleinen Unterschieden zwischen den Geschlechtern zu viel Bedeutung.
7 Je jünger, desto besser: Man kann nicht früh genug mit dem Lernen anfangen
Säuglinge verstehen das Konzept von Addition. Das bedeutet aber nicht, dass man in diesem zarten Alter damit beginnen sollte, ihnen das Rechnen mit Plus und Minus beizubringen. Eltern sollten nicht die falschen Handlungsableitungen daraus ziehen, wenn Forschungsergebnisse besagen, dass in den ersten Lebensjahren der Grundstein für viele Kompetenzen gelegt wird.
Denn: Wichtig für den Erwerb dieser Kompetenzen ist es, Kindern einen spielerischen Zugang etwa zu Buchstaben zu vermitteln, ohne dabei zu erwarten, dass Kinder gleich lesen lernen. Keinesfalls darf ein Leistungsdruck auf die Kinder entstehen. Es geht in diesem Alter darum, die Neugier zu wecken, so Birgit Hartel vom Charlotte Bühler Institut für Kleinkindforschung.
8 Kaderschmieden machen klug: An Eliteschulen lernen Kinder mehr
Die perfekte Schule für ihr Kind zu finden, ist für die meisten Eltern ein Riesenprojekt. Denn wer da Fehler macht, verpfuscht dem Nachwuchs die Zukunft – oder? Glaubt man einer Studie, kann man die Schulwahl gelassener angehen – zumindest was sogenannte Eliteschulen betrifft. US-Forscher haben die Leistungen von Schülern an Eliteschulen mit denen an öffentlichen Schulen verglichen und festgestellt: An Kaderschmieden lernen Schüler nicht mehr als woanders. Mehr noch: Kluge Kinder bringen die gleichen Leistungen, egal welche Schule sie besuchen.
Dass Schüler an Eliteschulen also durchwegs bessere Leistungen bringen als ihre Alterskollegen liegt demnach daran, dass diese sich die besten Schüler aussuchen – und nicht etwa daran, dass sie ihnen mehr beibrächten.
9 Morgenstund hat Gold im Mund: Schüler sind in der Früh leistungsfähiger
In Österreich beginnt die Schule zwischen 7.30 und acht Uhr. Das kommt aber nicht allen Schülern zugute, denn: Bei Jugendlichen, die sich in der Pubertät befinden, insbesondere im Alter zwischen zwölf und 14 Jahren, verändert sich der Biorhythmus stark. Vormalige Frühaufsteher werden aufgrund hormoneller Umstellungen zu sogenannten „Nachteulen“. Sie werden später müde und haben dann morgens Probleme mit dem Aufstehen. Das weisen Studien der Pädagogischen Hochschule Heidelberg nach.
Erst im Alter von Anfang zwanzig stellt sich die innere Uhr wieder um. Schlafforscher fordern deshalb immer wieder einen späteren Schulstart. In England, Schweden oder Japan hat man diese Tatsache bereits berücksichtigt: Die Schule beginnt dort erst um neun Uhr.
10 Zu alt? Fremdsprachen lernt man als junger Mensch leichter
„Life Long Learning“ - ein Begriff der sich in der Bildungslandschaft nicht zu Unrecht breit macht, denn: Senioren sind nicht schlechter im Lernen als junge Menschen. Besonders im Bereich der Sprache attestieren Forschungsergebnisse aus dem Gebiet der Hirnforschung, älteren Menschen gleiche Erfolgschancen wie Jungen.
Ihnen kommt die Lebenserfahrung zu Gute: Die Gehirnbereiche, die für das Erkennen von Semantik und Grammatik verantwortlich sind, sind bei älteren Menschen weiter entwickelt. So können sie auch auf weitreichende Assoziationen und Verallgemeinerungen zurückgreifen. Nachteile für ältere Lernende, ergeben sich aus dem Nachlassen der Seh- und Hörfähigkeit. Passt man die Lernmethoden an, spielt das aber kaum eine Rolle.
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