23.05.2012 08:24 | Meine Presse Merkliste 0

Bildungsferne Kinder haben öfter Frontalunterricht

JULIA NEUHAUSER (Die Presse)

Praxisorientierter Unterricht bleibt vielfach Schülern aus der bildungsnahen und sozial bessergestellten Schicht vorbehalten. Das zeigt eine Studie der Pädagogischen Hochschule Wien.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Wien. Wenige Forschungsprojekte, seltener Kontakt mit wissenschaftlichem Arbeiten und kaum Raum für eigenständiges Lernen: Das trifft auf den Sachunterricht von Volksschulklassen zu, in denen der Anteil von Schülern aus bildungsfernen Schichten besonders hoch ist. Bewiesen hat das eine aktuelle Studie der Pädagogischen Hochschule Wien unter dem Titel „Zum Ist-Stand des naturwissenschaftlichen und mathematischen Unterrichts an Wiener Volksschulen“, bei der 623 Wiener Volksschullehrer befragt wurden.

Während in Klassen mit besonders vielen Schülern, deren Eltern einen hohen Bildungsabschluss aufweisen, rund 65 Prozent der Lehrer angeben, im Sachunterricht eigene Forschungsprojekte durchzuführen, trifft das in Klassen mit einem niedrigen Anteil solch „bildungsnaher“ Schüler nur zu 49 Prozent zu. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei Kontakten mit wissenschaftlichem Arbeiten: Kommt der Großteil der Klasse aus einem bildungsnahen Haushalt, so versuchen knapp 70 Prozent der Pädagogen die Kinder an das wissenschaftliche Arbeiten heranzuführen. Kommt die Mehrheit aus einer bildungsfernen Schicht, so macht das nur noch jeder zweite Lehrer.

Dieser Befund sei ernüchternd, heißt es in der Studie. Denn immerhin sei ein experimentierender und handlungsorientierter Unterricht das wichtigste Motivationsprinzip und damit entscheidend für die weitere Bildungslaufbahn. Das Ergebnis zeige, dass die sozialen Ungleichheiten nicht ausgeglichen, sondern im Gegenteil reproduziert werden. Durch die derzeitige Praxis würde den Kindern „ein Teil ihrer Bildungschancen weggenommen“, kritisiert der Studienautor Christian Fridrich im Gespräch mit der „Presse“.

 

Sprachliche Defizite beheben

Obwohl sich die Studie auf den naturwissenschaftlichen und mathematischen Unterricht konzentriert, kommt sie zum Schluss, dass es einer Verbesserung der sprachlichen Kompetenzen der Kinder bedarf. Denn: Sprachliche Verständnisprobleme wirken sich negativ auf die Gestaltung des Unterrichts aus. Haben viele Schüler einer Klasse sprachliche Defizite, sinkt die Bereitschaft der Lehrer, den Unterricht offen zu gestalten – also etwa Stationenbetriebe und eigenständiges Arbeiten zu ermöglichen. Erklärt wird das mit der erhöhten Unterstützung, die die Kinder benötigen. Diese Reaktion der Lehrer sei zwar nachvollziehbar, aber didaktisch nicht zeitgemäß, heißt es in der Studie.

Im 2009 an der PH Wien gegründeten Fachdidaktik-Zentrum für Naturwissenschaften und Mathematik werden diese Ergebnisse zum Anlass genommen, das Angebot an Seminaren und Fortbildungen zu adaptieren. Zentrales Ziel: Das Ausmaß an Schülerautonomie sowie den Anteil an offenen Unterrichtsformen in Klassen mit einem hohen Anteil von Kindern mit sprachlichen Verständnisschwierigkeiten zu steigern. Generell werde es künftig verstärkt Aufgabe eines guten Mathematik- oder Naturwissenschaftunterrichts sein, die sprachlichen Kompetenzen der Schüler zu erfassen und auszubauen, sagen die Studienautoren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.02.2012)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)


Mit dem Absenden Ihres Kommentares erklären Sie sich mit den Forenregeln einverstanden.

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*



Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

10 Kommentare
Gast: 2Cent
07.02.2012 09:02
3 0

Die Vorteile des Frontalunterrichts...

Zuerst einmal: ich lasse meine Schüler gerne in Gruppen arbeiten und bin auch dem Projektunterricht nicht abgeneigt. Trotzdem möchte ich die Frontalunterrichtsstunden nicht missen.

Guter Frontalunterricht - fragend entwickelnder Frontalunterricht - bringt gute Ergebnisse, auch für schwächere Schüler, die sich meistens in offenen Lernformen schwerer tun. Abgesehen davon gibt es aber auch für den Lehrer Vorteile:
Der Lehrer bekommt wesentlich besser mit, wie die Schüler dem Unterricht folgen und kann Schwierigkeiten mit dem Lehrstoff viel früher abfangen.
Verhaltenskreative Schüler sind bei Frontalunterricht wesentlich besser unter Kontrolle zu halten, was in den Naturwissenschaften, wo durch Fehlverhalten gefährliche Situationen entstehen können, ein nicht zu unterschätzender Vorteil ist.
Mit dem Frontalunterricht ist gewährleistet, dass die ganze Klasse ein bestimmtes Level erreicht.

Ich halte es daher gerne so, dass die Basics eines Kapitels frontal unterrichtet werden und weiterführende Inhalte in offeneren Lernformen, bei denen man besser individualisieren kann.


Gast: NMS-Insider
06.02.2012 20:13
2 0

Es lebe die Meinungsvielfalt!

Ich zitiere aus der Presse vom 9.5.2011:
"Der Frontalunterricht bringt gute Ergebnisse bei guten ebenso wie bei schlechten Schülern, und dennoch ist er ständig in der Defensive. Dabei liefert er bei guten Schülern die gleichen Ergebnisse wie offener Unterricht, bei schlechten Schülern sogar bessere. Ersteres zeigt eine Erhebung in Deutschland. Nach PISA hat man die Unterrichtsform der Lehrer untersucht, deren Klassen am besten abschnitten. Das Ergebnis: Ihr Unterrichtsstil unterscheidet sich oft fundamental. Einige Pädagogen ließen häufig in Gruppen üben, andere bevorzugten den Frontalunterricht. Hervorragende Ergebnisse lieferten sie alle. Der Frontalunterricht ist aber auch am unteren Ende der Skala sinnvoll, denn Kinder aus bildungsfernen Familien haben größere Probleme mit offenem Lernen als andere, wie es von der Pädagogischen Hochschule Salzburg heißt. "

Gast: bärig
06.02.2012 17:43
0 1

Ausbildung

Wenn angehende Lehrer nicht lernen, wie sie das bewerkstelligen sollen, woher sollen sie es dann wissen? Die Fehler liegen in der mangelhaften Ausbildung der Lehrkräfte! Jene, die heute Studenten unterrichten, sind oft schon lange der Praxis fern!

Antworten Ruf er
06.02.2012 20:20
2 0

Re: Ausbildung

Das ist eine Irrmeinung, dass Lehrer alles "bewerkstelligen" können, was in den Elternhäusern schief gelaufen ist. Da hilft oft die beste Ausbildung nichts, zumal da eh nur gelernt wird, wie man Streicheleinheiten vergibt.

berndmoron
06.02.2012 15:00
0 0

die bildungsfernen

werden immer an der front sein.

Gast: Vox32
06.02.2012 12:09
1 0

Die armen bildungsferne Kinder

Haben aber auch oft eine Abneigung gegen Lehrerinnen und Eltern die integrationsresistent sind.

3 0

Das zieht sich durch alle Schulstufen.

Selbständiges Arbeiten setzt Verständnis der Aufgaben und Lernbereitschaft voraus.
Die sprachlichen Schwierigkeiten verhindern das Verständnis für einfachste Texte, wie soll da ein Kind selbständig arbeiten können?

Aber bis vor kurzem war es ja ganz pfui, bessere Deutschkenntnisse zu verlangen.

Ruf er
05.02.2012 22:14
5 0

Gefährlich!

Kinder aus bildungsfernen Schichten sind leider oft auch disziplinär sehr schwierig und jeder Lehrer wird sich dreimal überlegen, ob er diesen Kindern wertvolle und oft teure Geräte in die Hand gibt und möglicherweise andere Kinder durch blödsinnige Aktionen gefährdet sind. Jeder Lehrer würde gerne Versuche machen mit braven Kindern, die das auch zu schätzen wissen und wenn die Gruppen nicht zu groß sind.

reiserl
05.02.2012 21:49
0 0

Das sind ja ganz neue Erkenntnisse


Gast: VSGast
05.02.2012 20:00
5 0

Falsch formuliert

Sehr mangelhafte Deutschkenntnisse lassen nicht per se die Bereitschaft der Lehrer, den Unterricht offen zu gestalten, sinken. Ohne ausreichende Sprachkenntnisse können die Kinder nur schwer im Stationenbetrieb arbeiten. D.h. die vorrangige Arbeit besteht erst einmal darin, das Sprachniveau zu heben.

Nicht erst in der Schule, sondern schon viel früher müsste daher korrigierend eingegriffen werden, um die Bildungschancen nicht zu schmälern, dh.h. die Unterrichtssprache muss vor Schulbeginn erlernt werden.

Schlagzeilen Bildung