Wien. Wenige Forschungsprojekte, seltener Kontakt mit wissenschaftlichem Arbeiten und kaum Raum für eigenständiges Lernen: Das trifft auf den Sachunterricht von Volksschulklassen zu, in denen der Anteil von Schülern aus bildungsfernen Schichten besonders hoch ist. Bewiesen hat das eine aktuelle Studie der Pädagogischen Hochschule Wien unter dem Titel „Zum Ist-Stand des naturwissenschaftlichen und mathematischen Unterrichts an Wiener Volksschulen“, bei der 623 Wiener Volksschullehrer befragt wurden.
Während in Klassen mit besonders vielen Schülern, deren Eltern einen hohen Bildungsabschluss aufweisen, rund 65 Prozent der Lehrer angeben, im Sachunterricht eigene Forschungsprojekte durchzuführen, trifft das in Klassen mit einem niedrigen Anteil solch „bildungsnaher“ Schüler nur zu 49 Prozent zu. Ein ähnliches Bild zeigt sich bei Kontakten mit wissenschaftlichem Arbeiten: Kommt der Großteil der Klasse aus einem bildungsnahen Haushalt, so versuchen knapp 70 Prozent der Pädagogen die Kinder an das wissenschaftliche Arbeiten heranzuführen. Kommt die Mehrheit aus einer bildungsfernen Schicht, so macht das nur noch jeder zweite Lehrer.
Dieser Befund sei ernüchternd, heißt es in der Studie. Denn immerhin sei ein experimentierender und handlungsorientierter Unterricht das wichtigste Motivationsprinzip und damit entscheidend für die weitere Bildungslaufbahn. Das Ergebnis zeige, dass die sozialen Ungleichheiten nicht ausgeglichen, sondern im Gegenteil reproduziert werden. Durch die derzeitige Praxis würde den Kindern „ein Teil ihrer Bildungschancen weggenommen“, kritisiert der Studienautor Christian Fridrich im Gespräch mit der „Presse“.
Sprachliche Defizite beheben
Obwohl sich die Studie auf den naturwissenschaftlichen und mathematischen Unterricht konzentriert, kommt sie zum Schluss, dass es einer Verbesserung der sprachlichen Kompetenzen der Kinder bedarf. Denn: Sprachliche Verständnisprobleme wirken sich negativ auf die Gestaltung des Unterrichts aus. Haben viele Schüler einer Klasse sprachliche Defizite, sinkt die Bereitschaft der Lehrer, den Unterricht offen zu gestalten – also etwa Stationenbetriebe und eigenständiges Arbeiten zu ermöglichen. Erklärt wird das mit der erhöhten Unterstützung, die die Kinder benötigen. Diese Reaktion der Lehrer sei zwar nachvollziehbar, aber didaktisch nicht zeitgemäß, heißt es in der Studie.
Im 2009 an der PH Wien gegründeten Fachdidaktik-Zentrum für Naturwissenschaften und Mathematik werden diese Ergebnisse zum Anlass genommen, das Angebot an Seminaren und Fortbildungen zu adaptieren. Zentrales Ziel: Das Ausmaß an Schülerautonomie sowie den Anteil an offenen Unterrichtsformen in Klassen mit einem hohen Anteil von Kindern mit sprachlichen Verständnisschwierigkeiten zu steigern. Generell werde es künftig verstärkt Aufgabe eines guten Mathematik- oder Naturwissenschaftunterrichts sein, die sprachlichen Kompetenzen der Schüler zu erfassen und auszubauen, sagen die Studienautoren.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.02.2012)
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