23.05.2012 08:24 | Meine Presse Merkliste 0

Legastheniker kämpfen um eigene Privatschule

CHRISTOPH SCHWARZ UND JULIA NEUHAUSER (Die Presse)

Kinder mit Legasthenie erhalten im heimischen Schulsystem kaum Förderung. Die Errichtung einer eigenen Privatschule auf dem Areal der Semmelweis-Klinik wird von der Stadt Wien jedoch verzögert.

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Wien. Ein geeignetes Gebäude ist bereits gefunden, die Finanzierung für die nächsten Jahre sichergestellt – und auch der Wiener Stadtschulrat begrüßt das Projekt: Bereits im Herbst könnte in Wien die österreichweit erste Schule für Legastheniker den Betrieb aufnehmen. Wäre da nicht die Wiener Stadtregierung, die das Projekt bis heute blockiert. Sie verweigere die bereits seit Monaten in Aussicht gestellten Gesprächstermine, klagen die privaten Schulgründer.

Woran es sich konkret spießt, ist die Immobilie, in der die Initiatoren die Schule betreiben wollen: die frühere Schwesternschule auf dem Areal der Ignaz-Semmelweis-Klinik, die angesichts der Neuordnung der Wiener Spitalslandschaft in das im Bau befindliche Krankenhaus Nord übersiedeln soll. Die Schwesternschule ist nicht mehr in Betrieb – allerdings voll möbliert. Und wäre jederzeit für den Schulbetrieb einsetzbar. Allein: Die Stadt will das Gebäude nicht zur Verfügung stellen – mit teils fadenscheinigen Ausreden.

Doch der Reihe nach: Bereits seit 2005 kämpft Thomas Köhler für bessere Lernbedingungen für Kinder mit Legasthenie. Er ist selbst Legastheniker – und hat am eigenen Leib erfahren, wie das Schulsystem mit Betroffenen umgeht. Im normalen Schulbetrieb werden sie nicht oder nicht in geeigneter Weise gefördert. Grund: Den meisten Lehrern fehlt eine fundierte Ausbildung. An der PH Wien etwa gibt es nicht einmal ein eigenes Pflichtfach zum Thema Legasthenie.

Im schulischen Alltag sind viele Lehrer mit dem Erkennen von Legasthenie sowie mit dem Umgang damit überfordert. Problematisch ist auch die Benotung. So gibt es zwar einen Legasthenie-Erlass, der vorschreibt, die Rechtschreibung „zurückhaltend zu gewichten“. Die konkrete Umsetzung hängt aber vom Lehrer ab.

Nicht verwunderlich also, dass sich Thomas Köhler im Jahr 2009 entschlossen hat, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Rasch war auch die serbisch-orthodoxe Kirche mit an Bord. Mit ihr gemeinsam will Köhler die Schule betreiben. Das Konzept der AHS: Sechs bis sieben Lehrer – speziell auf Legasthenie ausgebildet – sollen die rund 100 Kinder, die bereits vorangemeldet sind, unterrichten. Offen steht die Schule Kindern aller Konfessionen. Legasthenikern wie auch Nichtlegasthenikern. Unterrichtssprache ist Deutsch, Serbisch wird als zweite lebende Fremdsprache angeboten.

Auch das Gebäude war schnell gefunden: 2009 gab es eine erste Begehung der Krankenpflegeschule der Semmelweis-Klinik im 18. Bezirk, gemeinsam mit dem Stadtschulrat. Das Urteil war positiv: Die Unterrichts- und Verwaltungsräume „sind für den Schulbetrieb ausgezeichnet geeignet, teilweise sind [...] auch Ausstattung und Einrichtung vorhanden“, heißt es in einem Aktenvermerk des Stadtschulrates, der der „Presse“ vorliegt.

Zustimmung kommt auch von der Bezirkspolitik: Bezirksvorsteher Karl Homole (ÖVP) unterstützt die Gründung der Schule: Man sei an einer „ganzheitlichen Entwicklung“ des Semmelweis-Areals interessiert und erachte die Schule hinsichtlich der Akzeptanz der Anrainer als „sinnvolle Maßnahme“, heißt es in seinem Schreiben an Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ).

 

Schenkung wurde abgelehnt

Was zur Genehmigung der Schule fehlte – und immer noch fehlt –, ist nur der Mietvertrag mit der Stadt Wien. Den Schulgründern schwebt eine Schenkung des Gebäudes vor: Dies sei (aufgrund des Konkordats) bei Schulgründungen von anerkannten Glaubensgemeinschaften üblich, so Köhler. Die serbisch-orthodoxe Kirche hat allein in Wien rund 150.000 Mitglieder und zählt zu den größten Glaubensgemeinschaften in Österreich.

Im Juni 2011 wurde der Antrag auf Schenkung bei der Stadt Wien eingebracht. Auch zu einem geringen Kaufpreis könne man das Gebäude erwerben, heißt es in dem Schreiben. Die Stadt Wien will aber nicht. Derzeit steht das Gebäude noch im Eigentum des Krankenanstaltenverbunds KAV. Dieser würde das Schulprojekt – so heißt es in einem Schreiben – zwar gerne „unterstützen“. Die Entscheidung liegt aber bei der Wiener Stadtentwicklungsgesellschaft WSE. Diese möchte – so die Kritik der Schulgründer – das Areal lieber zur Refinanzierung des Krankenhauses Nord nutzen: Die stadtnahe Wohnbaugesellschaft Gesiba solle auf dem Gelände Wohnungen errichten.

Die Stadt Wien redet sich derzeit auf den Denkmalschutz aus: Dem Wunsch auf eine Schenkung könne nicht entsprochen werden, da eine Beurteilung des Denkmalamtes noch abzuwarten sei, hieß es im Oktober in einem Brief. Das sei eine Ausrede, sagt Köhler: Er würde das Gebäude ohne bauliche Veränderungen nützen; der Denkmalschutz spiele daher keine Rolle.

Die Schulgründer haben nun den Druck erhöht: Der serbische Botschafter hat sich eingeschaltet, auch Bürgermeister Häupl ist in die Causa eingebunden. Und dennoch: Die zuständige Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely (SPÖ) will Köhler und die Kirchenvertreter auch künftig nicht vorsprechen lassen. Obwohl das sogar von Häupl zugesichert worden sei, wie Köhler sagt. Im Büro der Stadträtin verweist man an die WSE: Diese allein sei mit der Frage der Entwicklung des Geländes betraut.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.02.2012)

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25 Kommentare
 
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Gast: Gast Kommentar
06.02.2012 16:09
0 0

Voll vorbei an den Bedürfnissen von legasthenen Personen

Die Idee einer extra "Sonder"-Schule für legasthene Personen schrammt m.E. klar an den Bedürfnissen von LegasthenikerInnen vorbei. Vielmehr drängt sich die Frage auf, ob evtl. auf „wohltätigen“ Umwegen eine wertvolle Liegenschaft akquiriert werden möchte. Es gilt natürlich die Unschuldsvermutung. Wozu hier eine Schenkung der Immobilie notwendig sein soll, ist völlig unklar und völlig absurd.

Der Legasthenie-Erlass des Stadtschulrates eröffnet ausreichende Möglichkeiten, die partiellen Leistungsdefizite von LegasthenikerInnen im Unterricht und bei der Benotung zu berücksichtigen.
In vielen Schulen erfahren die Schüler und Schülerinnen auch entsprechende Unterstützung.
Weiters werden tlw. auch spezielle Förderkurse für Kinder und Jugendliche angeboten. Dort wo Förderstunden fehlen, wäre halt budgetär aufzustocken, um Förderung bereitstellen zu können.

Was für eine absurde Stigmatisierung – Abschlusszeugnis aus einer „Legasthenikerschule“ – puh, das wird Vorurteile bestärken und den Absolventen und Absolventinnen wohl nicht zum Vorteil gereichen. Übrigens, es gibt sehr viele erfolgreiche LegasthenikerInnen in Wissenschaft, Forschung, Wirtschaft, Kunst, Literatur (sic!), Musik, Informatik ….. ohne, dass diese „Sonderschulen“ gebraucht hätten.
http://www.bdadyslexia.org.uk/about-dyslexia/famous-dyslexics.html

Gast: exter
06.02.2012 08:37
2 0

Für Serben sollte man im 15. Bezirk fündig werden

In Serbien dürfte es doch auch noch Gebäude geben, die genutzt werden könnnen.

2 0

Ich gründe eine Privatschule für Linkshänder ...

... und bitte die Gemeinde Wien, mir eine Immobilie in Nobellage zu schenken.

Antworten Gast: Bildungsexpertin
06.02.2012 13:11
1 2

Wieso schenken? Die Initiatoren wollen das Gebäude mieten.


Ich fürchte, mit einem derart schlechten Leseverständnis fehlt Ihnen die nötige Qualifikation für die Gründung einer Privatschule ;)

1 0

Re: m Juni 2011 wurde der Antrag auf Schenkung bei der Stadt Wien eingebracht.

Bitte genau das tun, was Sie mir empfehlen : gründlich lesen und nachzählen, wie oft da von "schenken" die Rede ist.

Und : von "Serbisch" als zweite lebende Fremdsprache !

Legasthenie ist offenbar nur ein Vorwand.

1 0

Rasch war auch die serbisch-orthodoxe Kirche mit an Bord.

Was bitte hat Legasthenie mit der serbisch-orthodoxen Kirche zu tun ?

Und : ich kenne einige alternative Schulinitiativen. Aber keine hat sich je mit einer Religionsgemeinschaft zusammengeschlossen.

Worum geht es hier wirklich ? Eine serbische Privatschule in Österreich ?

Gast: speibender regenbogen
06.02.2012 01:49
2 0

falsche religion.

wäfren die antragsteller einer mehr südöstlichen religion bahestehend, wäre das ganze wahrscheinlich gar kein problem und würde noch mit millionen gefördert...

Antworten Gast: Großstadtbewohnerin
06.02.2012 13:16
0 0

Was bedeutet "einer mehr südöstlichen religion bahestehend"?


Das österreichische Privatschulgesetz dürfte Ihnen jedenfalls fremd sein.

Bitte informieren vor dem Posten!

Gast: M9M
05.02.2012 23:20
2 1

Anstatt das Unwesen der kirchlichen Privatschulen

ordentlich zu bekämpfen, schenken wir denen auch noch Gebäude???

Gast: Insider90
05.02.2012 23:18
2 0

Jaja, zuerst schenkt die Stadt das extrem teure Gebäude her

und 2 Tage später gehört es dann nicht mehr dem Schulverein (der per Konkurs entsorgt wird) sondern einem Baukonzern. Zufall. Oft gesehen.

Antworten Gast: Bildungsexpertin
06.02.2012 13:14
0 2

Wie oft haben Sie das denn gesehen? Und wo? Hier geht es jedenfalls um keine Schenkung, die Initiatoren wollen das Gebäude mieten (steht im Artikel!).


1 0

Re: Hier geht es jedenfalls um keine Schenkung

Und warum wurde dann im Juni 2011 eine Schenkung beantragt ?

Gast: Drerff
05.02.2012 23:14
3 0

Ghettobildung

ist nichts gutes. Diese Kinder gehören in die Regelschule.

1 0

Re: Diese Kinder gehören in die Regelschule.

Stimmt. Einerseits sollen Sonderschulen zur besseren Integration aufgelöst werden - und dann gründet man eine Schule extra für Legastheniker ?

Es gibt viele Teilleistungsstörungen - soll man die jetzt alle in eigene "Sonderschulen" separieren ?

Irgendwie klingt das ganz recht seltsam und nicht überzeugend.

Gast: OGH-Kanzler
05.02.2012 20:06
5 5

Der serbische Botschafter kann sich gleich wieder AUSschalten.

Weder die türkische noch die serbische Parallelkultur soll von Steuergeldern gefördert werden.

Antworten Gast: Großstadtbewohnerin
06.02.2012 13:20
0 0

Da ist der HC aber anderer Meinung:

>>Heinz-Christian Strache trägt eine Brojanica am Handgelenk – ein kordelähnliches Armband, das einen Rosenkranz symbolisieren soll, mit dem Kreuz der serbischen Orthodoxie als Verschluss. „Ja, ich bin ein Freund der Serben“, sagt der FPÖ-Chef.<<

http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/364103/Outlaws-unter-sich_Der-serbophile-HC-Strache
" target="_blank">http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/364103/Outlaws-unter-sich_Der-serbophile-HC-Strache


http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/534935/Straches-serbisches-Stimmenreservoir" target="_blank">http://diepresse.com/home/politik/innenpolitik/534935/Straches-serbisches-Stimmenreservoir

Antworten Stephanos
05.02.2012 22:22
2 3

Re: Der serbische Botschafter kann sich gleich wieder AUSschalten.

Es geht um die Probleme der Legastheniker. Die Idee Herrn Köhlers finde ich ausgezeichnet.

2 0

Re: Re: Es geht um die Probleme der Legastheniker. Die Idee Herrn Köhlers finde ich ausgezeichnet.

Wohl kaum.

Was soll an einer Separierung von Legasthenikern "ausgezeichnet" sein ?

Antworten Antworten Antworten Stephanos
06.02.2012 13:51
0 2

Re: Re: Re: Es geht um die Probleme der Legastheniker. Die Idee Herrn Köhlers finde ich ausgezeichnet.

Besser eine Schule mit diesem Schwerpunkt als alle mehr oder weniger durch den Rost fallen zu lassen.

1 0

Re: Re: Re: Re: als alle mehr oder weniger durch den Rost fallen zu lassen.

???

Gerade Legasthenie ist eine der mittlerweile bekanntesten Teilleistungsstörungen mit vielfältigen therapeutischen Möglichkeiten.

Wenn man da Probleme sieht, müßte man sich für eine bessere Form der Berücksichtigung in der Regelschule bemühen.

Warum sollte man ein Kind nur wegen Legasthenie aus seinem natürlichen Umfeld herausreißen und in eine Privatschule stecken - mit Serbisch-Unterricht ?

Inwieweit ist "Serbisch" für Legastheniker besonders hilfreich ?


Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Stephanos
06.02.2012 18:49
0 0

Re: Re: Re: Re: Re: als alle mehr oder weniger durch den Rost fallen zu lassen.

Auch wenn es vielfältige therapeutische Möglichkeiten gibt, so kommen diese in den Regelschulen kaum zum Einsatz.
Vor Jahren gab es Legastheniekurse- alle gestrichen.
Eines unserer Kinder ist Legastheniker.
In der Schule wurde man spät darauf aufmerksam. Es gab keine individ. Betreuung, sondern eine große Gruppe. Daher haben wir alles privat organisiert. Eine teure Sache.

Logisch wäre es besser, das Kind nicht aus dem natürl. Umfeld herauszureißen und in der Schule eine intensive Betreuung anzubieten , aber in der Regelschule wird ohne Rücksicht darauf alles eingespart.

Zu Ihrer letzten Frage : das eine hat mit dem anderen logischerweise nichts zu tun.


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Re: Re: Re: Re: Re: Re: als alle mehr oder weniger durch den Rost fallen zu lassen.

ich verstehe nicht weshalb Eltern gern die Verantwortung der Schule überlassen - die Regelschule kann logischerweise nie so viel leisten dass alle teilleistungsstorungen aller Kinder berücksichtigt werden können

Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Antworten Stephanos
08.02.2012 20:38
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Re: Re: Re: Re: Re: Re: Re: als alle mehr oder weniger durch den Rost fallen zu lassen.

Viele Eltern delegieren heutzutage vieles, das Sache des Elternhauses wäre, an die Schule.
Das Erkennen von Teilleistungsstörungen ist aber definitiv nicht Aufgabe der Eltern, sondern der Schule.

Antworten Antworten Gast: Bramhast
05.02.2012 23:16
2 0

Aber nicht mit einem Gebäude in teuerster Wiener Lage

das die Stadt denen schenken soll. Die sollen den dort üblichen Kaufpreis (geschätzt 4-5 Millionen Euro) bezahlen.

Antworten Antworten Antworten Stephanos
06.02.2012 13:55
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Re: Aber nicht mit einem Gebäude in teuerster Wiener Lage

Ich befürworte lediglich den schulischen Schwerpunkt. Als Gebäude käme etwas anderes auch in Frage.

 
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