Wien. Ein geeignetes Gebäude ist bereits gefunden, die Finanzierung für die nächsten Jahre sichergestellt – und auch der Wiener Stadtschulrat begrüßt das Projekt: Bereits im Herbst könnte in Wien die österreichweit erste Schule für Legastheniker den Betrieb aufnehmen. Wäre da nicht die Wiener Stadtregierung, die das Projekt bis heute blockiert. Sie verweigere die bereits seit Monaten in Aussicht gestellten Gesprächstermine, klagen die privaten Schulgründer.
Woran es sich konkret spießt, ist die Immobilie, in der die Initiatoren die Schule betreiben wollen: die frühere Schwesternschule auf dem Areal der Ignaz-Semmelweis-Klinik, die angesichts der Neuordnung der Wiener Spitalslandschaft in das im Bau befindliche Krankenhaus Nord übersiedeln soll. Die Schwesternschule ist nicht mehr in Betrieb – allerdings voll möbliert. Und wäre jederzeit für den Schulbetrieb einsetzbar. Allein: Die Stadt will das Gebäude nicht zur Verfügung stellen – mit teils fadenscheinigen Ausreden.
Doch der Reihe nach: Bereits seit 2005 kämpft Thomas Köhler für bessere Lernbedingungen für Kinder mit Legasthenie. Er ist selbst Legastheniker – und hat am eigenen Leib erfahren, wie das Schulsystem mit Betroffenen umgeht. Im normalen Schulbetrieb werden sie nicht oder nicht in geeigneter Weise gefördert. Grund: Den meisten Lehrern fehlt eine fundierte Ausbildung. An der PH Wien etwa gibt es nicht einmal ein eigenes Pflichtfach zum Thema Legasthenie.
Im schulischen Alltag sind viele Lehrer mit dem Erkennen von Legasthenie sowie mit dem Umgang damit überfordert. Problematisch ist auch die Benotung. So gibt es zwar einen Legasthenie-Erlass, der vorschreibt, die Rechtschreibung „zurückhaltend zu gewichten“. Die konkrete Umsetzung hängt aber vom Lehrer ab.
Nicht verwunderlich also, dass sich Thomas Köhler im Jahr 2009 entschlossen hat, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Rasch war auch die serbisch-orthodoxe Kirche mit an Bord. Mit ihr gemeinsam will Köhler die Schule betreiben. Das Konzept der AHS: Sechs bis sieben Lehrer – speziell auf Legasthenie ausgebildet – sollen die rund 100 Kinder, die bereits vorangemeldet sind, unterrichten. Offen steht die Schule Kindern aller Konfessionen. Legasthenikern wie auch Nichtlegasthenikern. Unterrichtssprache ist Deutsch, Serbisch wird als zweite lebende Fremdsprache angeboten.
Auch das Gebäude war schnell gefunden: 2009 gab es eine erste Begehung der Krankenpflegeschule der Semmelweis-Klinik im 18. Bezirk, gemeinsam mit dem Stadtschulrat. Das Urteil war positiv: Die Unterrichts- und Verwaltungsräume „sind für den Schulbetrieb ausgezeichnet geeignet, teilweise sind [...] auch Ausstattung und Einrichtung vorhanden“, heißt es in einem Aktenvermerk des Stadtschulrates, der der „Presse“ vorliegt.
Zustimmung kommt auch von der Bezirkspolitik: Bezirksvorsteher Karl Homole (ÖVP) unterstützt die Gründung der Schule: Man sei an einer „ganzheitlichen Entwicklung“ des Semmelweis-Areals interessiert und erachte die Schule hinsichtlich der Akzeptanz der Anrainer als „sinnvolle Maßnahme“, heißt es in seinem Schreiben an Bürgermeister Michael Häupl (SPÖ).
Schenkung wurde abgelehnt
Was zur Genehmigung der Schule fehlte – und immer noch fehlt –, ist nur der Mietvertrag mit der Stadt Wien. Den Schulgründern schwebt eine Schenkung des Gebäudes vor: Dies sei (aufgrund des Konkordats) bei Schulgründungen von anerkannten Glaubensgemeinschaften üblich, so Köhler. Die serbisch-orthodoxe Kirche hat allein in Wien rund 150.000 Mitglieder und zählt zu den größten Glaubensgemeinschaften in Österreich.
Im Juni 2011 wurde der Antrag auf Schenkung bei der Stadt Wien eingebracht. Auch zu einem geringen Kaufpreis könne man das Gebäude erwerben, heißt es in dem Schreiben. Die Stadt Wien will aber nicht. Derzeit steht das Gebäude noch im Eigentum des Krankenanstaltenverbunds KAV. Dieser würde das Schulprojekt – so heißt es in einem Schreiben – zwar gerne „unterstützen“. Die Entscheidung liegt aber bei der Wiener Stadtentwicklungsgesellschaft WSE. Diese möchte – so die Kritik der Schulgründer – das Areal lieber zur Refinanzierung des Krankenhauses Nord nutzen: Die stadtnahe Wohnbaugesellschaft Gesiba solle auf dem Gelände Wohnungen errichten.
Die Stadt Wien redet sich derzeit auf den Denkmalschutz aus: Dem Wunsch auf eine Schenkung könne nicht entsprochen werden, da eine Beurteilung des Denkmalamtes noch abzuwarten sei, hieß es im Oktober in einem Brief. Das sei eine Ausrede, sagt Köhler: Er würde das Gebäude ohne bauliche Veränderungen nützen; der Denkmalschutz spiele daher keine Rolle.
Die Schulgründer haben nun den Druck erhöht: Der serbische Botschafter hat sich eingeschaltet, auch Bürgermeister Häupl ist in die Causa eingebunden. Und dennoch: Die zuständige Gesundheitsstadträtin Sonja Wehsely (SPÖ) will Köhler und die Kirchenvertreter auch künftig nicht vorsprechen lassen. Obwohl das sogar von Häupl zugesichert worden sei, wie Köhler sagt. Im Büro der Stadträtin verweist man an die WSE: Diese allein sei mit der Frage der Entwicklung des Geländes betraut.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.02.2012)
Studiengebühren Wo man künftig zahlen muss - und wo nicht
Neue Wirtschaftsuni nimmt Formen an Blitzlichter aus dem Bildungssektor
Promis in der Schule Streber oder Fünferkandidaten?











