Wien. Das etwas mulmige Gefühl, weil man sich vor einem Fremden ausziehen muss. Größe messen, Gewicht bestimmen, abhorchen. Fünf Fragen, und das war's dann schon wieder. Das sind die Erinnerungen vieler Erwachsener an die Untersuchungen des Schularztes. Zwar haben sich Ausbildung und Sensibilität der Schulärzte in den vergangenen zwanzig Jahren wohl verbessert. Ihre Aufgaben und die Zeit, die ihnen dafür zur Verfügung steht, allerdings kaum.
Zufrieden ist mit den derzeitigen Stippvisiten der Schulärzte eigentlich niemand. Die Elternvertreter nicht, die Ärztekammer nicht und schon gar nicht die Vereinigung der Schulärzte. Karl Forstner, Leiter der Ärztekammer Salzburg und bundesweit für die Belange der Schulärzte zuständig, beschreibt das Problem so: „Das derzeitige Aufgabenfeld ist zu eng. Die Chance, im präventiven Bereich tätig zu werden, wird nicht genutzt.“ Die festgesetzte Aufgabe der Schulärzte sei lediglich, die „Unterrichtstauglichkeit“ der Kinder zu sichern. Das sei unverständlich – und auch unökonomisch.
Hauptschulen sind benachteiligt
Die schulärztliche Arbeit liegt vorwiegend in der Hand von Frauen. An Pflichtschulen wird ihr Besuch einmal pro Jahr festgesetzt, damit herrscht ein krasses Ungleichgewicht zwischen Hauptschule und Gymnasium: An höheren Schulen verbringen die Schulärzte nämlich weit mehr Zeit. Pro sechzig Schüler arbeitet ein Arzt eine Stunde wöchentlich an der Schule. „Es ist eine Zumutung, dass junge Leute in den Bundesschulen weit mehr Zeit mit dem Arzt haben“, sagt Forstner. Für die Ärzte in den Pflichtschulen müssen die Gemeinden aufkommen, sie zahlen bei der Untersuchung pro Schüler zwölf Euro. An den höheren Schulen werden sie vom Unterrichtsministerium weit besser bezahlt.
Auch Eltern kritisieren die Zuständigkeit der Schulärzte. Wobei diesen vor allem das Thema Impfung Kopfzerbrechen bereitet. Seit einem schweren Impfunfall vor wenigen Jahren würden sich die Schulärzte zurückziehen, sagt Elternvertreter Theodor Saverschel. In Niederösterreich gebe es sogar einen Schularzt, der eine Medikamentenallergie als Grund dafür angebe, dass er Kinder nicht impfen könne. „Im System ist nicht klar, wer wofür zuständig ist, deshalb werden die Kinder nun weniger geimpft“, so Saverschel. Dabei seien Masern und Röteln im Vormarsch. Die meisten Eltern würden nicht wissen, wann welche Impfung notwendig sei, und die meisten Schulen würden sie auch nicht darüber informieren. Deshalb wollen Elternvertreter nun auch eine Initiative gemeinsam mit dem Unterrichtsministerium starten.
Eltern fordern mehr Mitsprache
Ein weiterer Kritikpunkt Saverschels am System: „Das Auswahlverfahren, also die Frage, wer überhaupt Schularzt wird, ist ein Buch mit sieben Siegeln. Elternvertreter sollten ein Mitspracherecht haben.“ Dass ihre Kinder von ihnen fremden Ärzten untersucht werden, ist manchen Eltern ein Dorn im Auge. Im Gegensatz zu den offiziellen Elternvertretern, die die Aufgaben der Schulärzte stärken wollen, stellen bei Diskussionen in Online-Elternforen einige Mütter und Väter den Nutzen der Schulärzte grundsätzlich infrage. Mit der Begründung, dass sie für die Gesundheit ihres Kindes zuständig seien – und die Ärzte selbst auswählen würden, denen sie ihr Vertrauen schenken.
So stehen die Schulärzte auch in einem Spannungsfeld zwischen Eltern und einem engen Aufgabenfeld, wenn sie ein Kind mit gesundheitlichen Problemen vor sich haben. „Wenn etwas nicht okay ist, und die Eltern das als kompromittierend empfinden, ist das schwierig“, sagt Judith Glazer, Vorstand der Gesellschaft der Schulärzte (GSÖ). Hier müsse man das Gespräch mit dem Schüler und den Eltern suchen.
Glazer hat klare Forderungen zur Verbesserung der Situation: Die Schulärzte sollen am besten einmal pro Woche an die Schulen kommen. Sie sollen nicht nur Schülern helfen, sondern auch Lehrer beraten, wenn diese etwa den Missbrauch eines Schülers befürchten. Die zweite große Forderung ist eine zeitgemäße Dokumentation. Wenn etwa offenbar ist, dass der Großteil der Kinder an einer Schule an Übergewicht oder verkürzten Sehnen leidet, soll rasch auch im Unterricht etwas dagegen unternommen werden. „Das Erstellen von Statistiken ist sinnvoll. Das passiert derzeit einfach nicht“, sagt Glazer.
Die Umsetzung dieser Forderungen ist jedoch teuer – und dürften damit derzeit wohl schlechte Chancen auf Realisierung haben. Auch wenn ein Verzicht auf präventive Medizin und die Konzentration auf die bloße „Unterrichtstauglichkeit“ der Kinder unökonomisch ist. [Illustration: Marin Goleminov]
An Pflichtschulen ist lediglich eine jährliche Untersuchung der Kinder vorgeschrieben, an den höheren Schulen verbringen Schulärzte mehr Zeit. Dieses Ungleichgewicht und das enge Aufgabenfeld der Ärzte erzürnen Berufs- und Elternvertreter. Sie fordern mehr Arbeitszeit und klare Zuständigkeiten, um mehr als nur die „Unterrichtstauglichkeit“ der Kinder sichern zu können.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.02.2012)
Studiengebühren Wo man künftig zahlen muss - und wo nicht
Neue Wirtschaftsuni nimmt Formen an Blitzlichter aus dem Bildungssektor
Promis in der Schule Streber oder Fünferkandidaten?











