Raus aus der elterlichen Wohnung, selbstständig werden, am besten in einer fremden Stadt. Was für viele Studierende gut klingt, ist so leicht allerdings nicht realisierbar. Die Wohnkosten steigen kontinuierlich. Um durchschnittlich zwölf Prozent zahlen Studierende heute mehr als noch im Jahr 2006, rund 350 Euro geben sie für das Wohnen aus – der größte Posten im Studentenbudget. Das besagt die Studierendensozialerhebung.
Wer sich eine Wohnung mieten will, kann sich das zumeist nur in Form einer WG oder – auch sehr beliebt – mit dem Partner leisten. Die Mieten in Studentenheimen sind zwar in absoluten Zahlen niedriger, die Quadratmeterpreise der spartanisch-winzigen Zimmer haben es aber in sich. Wenn das Uni-Ministerium wie geplant bald die Heimförderungen streicht, wird sich die Lage noch verschärfen. Nun ist die Tatsache, dass der Wohnungsmarkt nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage funktioniert und darin auch für Studierende keine Ausnahme macht, weder überraschend noch per se ein Problem. Das Problem liegt vielmehr im Umgang mit den Konsequenzen, die sich daraus ergeben.
Eine eigenartige Doppelmoral
Immer mehr Studierende arbeiten immer mehr Stunden, um die steigenden Lebenshaltungskosten decken zu können. Derzeit sind 63 Prozent berufstätig – durchschnittlich zwölf Stunden pro Woche, viele arbeiten deutlich mehr. Dass sich die Berufstätigkeit auf die Studienleistung niederschlägt, sollte eigentlich klar sein. Viele Studierende kommen – rechnet man ihr Arbeitspensum für das Studium hinzu – auf eine Wochenarbeitszeit von mehr als 43 Stunden. Ein Studium in Mindestdauer ist für viele, die nebenbei einem Job nachgehen, dennoch außer Reichweite.
Das System jedoch hat sich noch nicht darauf eingestellt, Gesellschaft und Politik legen eine eigenartige Doppelmoral an den Tag: Während der studentische Nebenjob als nahezu selbstverständlich gilt, werden jene, die – folgerichtig – länger für ihr Studium brauchen, immer noch mit dem Etikett des Minderleisters und Bummelstudenten versehen. Die landläufige Meinung, dass Studieren vor allem Vergnügen und keine ernst zu nehmende Arbeit und Bildung eher eine Gnade denn auch ein Recht sei, lässt sich so rasch nicht ändern. Die Art von Uni-Politik, die unsere Regierung betreibt, trägt dazu bei.
Wenn einige Uni-Rektoren, wie zuletzt geschehen, nun sogar darüber nachdenken, die maximal erlaubte Studiendauer zu begrenzen, dann zeigt das, dass sie das Problem nicht verstanden haben. Was es wirklich braucht, ist ein flexibles Studiensystem, das Job und Uni vereinbar macht. Was es braucht, sind eigene Regelungen für offizielle Teilzeitstudenten. Und was es braucht, ist ein Stipendiensystem, das all jenen, die leistungsfähig und -bereit sind, ihr Studium auch finanziell ermöglicht.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.09.2012)
Shanghai-RankingDie besten Unis der Welt