Die Wiener Uni-Bibliothek wird digital

PROJEKT. In der Super-Datenbank Phaidra werden Bücher, Videos und Tondokumente vernetzt und „auf ewig“ archiviert.

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(c) (Clemens Fabry)

Dass nicht alle Lehrinhalte und Forschungsergebnisse im Global Village zwischen zwei Buchdeckel passen, stellt die Universitätsbibliothek Wien vor eine neue Herausforderung. Wie kann man Texte, Videos und Audio-Files weltweit zugänglich machen, wie komplexe Moleküle darstellen oder Computer-Programme archivieren? Lange hat ein ganzes Team aus Experten getüftelt, nun steht die Lösung vor der Tür: In Form einer digitalen, eierlegenden Wollmilchsau namens Phaidra.

Mit der unglücklich verliebten antiken Heroin hat der Name wenig zu tun, vielmehr steht er für „Permanent Hosting, Archiving and Indexing of Digital Resources and Assets“ und bezeichnet ein Projekt zur Langzeitarchivierung von digitalen Beständen an der Universität Wien. Ob Schriften, Aufzeichnungen von Vorlesungen, Dias oder hochkomplexe Formeln aus der Mathematik oder Physik – in Phaidra soll alles, was bereits digital ist oder digitalisiert werden kann, Platz finden. Und das möglichst lange.


Löschen unmöglich

„Wir haben uns zum Ziel gesetzt, digitale Daten ,auf ewig‘ zu speichern“, sagt Projektleiter Paolo Budroni. Das Prinzip ist einfach: In einem Datenpool werden alle digitalen Objekte – von PDF-Dateien über Fotos und Videos bis hin zu Computer-Programmen – gespeichert und mit einer Adresse, einem sogenannten Permalink versehen. Dieser Link kann weltweit aufgerufen werden und verweist immer auf das digitale Objekt in Phaidra. Auch nach fünf oder zehn Jahren noch sollen Dokumente oder andere Daten so wiedergefunden werden.

Löschen lassen sich diese Daten allerdings nicht mehr, auch nicht von dem User, der sie in das Archiv gebracht hat. „Was einmal in Phaidra ist, bleibt immer in Phaidra“, erklärt Budroni. Man legt eben Wert auf Nachhaltigkeit und wird dabei auch vom Rechenzentrum der Uni Wien unterstützt, das den Wunderwuzzi auf die Beine gestellt hat.

Kommt etwa das Format PDF aus der Mode, holen sich die Techniker des Rechenzentrums alle PDF-Files aus dem Datenpool, wandeln sie in ein neues Format um und schicken sie mit der gleichen Permalink-Adresse wieder zurück. Dasselbe gilt für Video- oder Audio-Files. Doch „Konvertierung bedeutet immer einen Substanzverlust“, meint Burdoni. Das kennt man von der Schallplatte und der CD.


Alte Wälzer werden digital

Die Digitalisierung macht auch vor dem Kernbestand der Universitätsbibliothek, den Büchern, nicht Halt. Im EU-Projekt „E-Books On Demand“ (EOD), das die Uni Wien gemeinsam mit 18 Bibliotheken aus neun europäischen Ländern betreibt, werden europaweit seltene Bücher auf Anfrage digitalisiert. Dabei geht es vor allem um Texte, die vor 1931 erschienen und so frei von Urheberrechten sind. Die digitale Verbreitung erleichtert die Forschung und schont außerdem das Material der alten Bücher.

Der Preis hängt vom Werk ab. Einen Wälzer von 300 Seiten in ein E-Book zu verwandeln kostet zwischen 25 und 17,50 Euro. „Wir versuchen, einen Auftrag innerhalb von sieben Tagen zu erledigen, aber zehn Tage sind der Durchschnitt“, sagt EOD-Projektleiterin Petra Gratzl. Das Interesse sei eher langsam angelaufen, nehme aber zu, erzählt sie. Immer wieder kommen Anfragen aus dem Ausland, auch in Australien wollte schon jemand ein E-Book aus Wien haben. Abholen kann man sich die digitalisierten Bücher, die teils in Farbe eingelesen werden, im Internet als Download oder als CD-Rom.


Ab Sommer auch für Studenten

Eingescannt wird bis auf weiteres per Hand. „Vollautomatische Scanner sind schon deutlich schneller“, sagt Gratzl. Aber es sei ohnehin nicht geplant, die Bücher in Massen zu digitalisieren. In Phaidra kommen die E-Books natürlich auch – allerdings erst Anfang 2009. Anfang März soll die Datenbank bereits für die Mitarbeiter der Uni Wien zugänglich sein, im Laufe des Sommersemesters dürfen die Studenten dann beginnen, ihre Werke „für die Ewigkeit“ zu speichern.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.02.2008)

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