Wenn der Abschluss nichts wert ist

Omar Zevallos war auf dem Weg zum Bachelor. Erst spät wurde klar: der Lehrgang an der „International University Vienna“ ist von der Republik Österreich nicht anerkannt –

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(c) BilderBox (BilderBox / Erwin Wodicka)

Kann man eigentlich ein Studium erfolgreich beenden, ohne den hart erarbeiteten (und teuer erkauften) akademischen Grad im Anschluss überhaupt führen zu dürfen? In Wien kann man.

„Viele der Studenten auf der Uni haben keine Matura“, erzählt Omar Zevallos von seiner Alma Mater, der „International University Vienna“ (IUV). Ohne Matura ist ihnen der Zugang zu staatlichen Unis in Österreich verwehrt. Auch er ist so ein Fall. Die IUV richtet sich an eine internationale Kundschaft und ist beliebt bei den Kindern gut verdienender „Expatriates“ in Wien. Bezahlt wird pro Kurs, 835 Euro, ein Vollzeitstudium – im Angebot stehen Bachelor, Master und Doktorat – kommt auf gut 8000 Euro im Jahr.

Nach Wien zog es Zevallos 2005. Er wollte Deutsch lernen. Der heute 26-jährige Peruaner hat das Schulsystem in seiner Heimat durchlaufen, die Hochschulreife wird von Österreich aber nicht anerkannt. Nach einem Deutschkurs wollte er studieren. „Ohne Hochschulreife kann man in Wien aber nur an der Webster University und an der International University inskribieren“, so Zevallos. Während aber die Webster University eine staatlich anerkannte Privat-Uni ist, hat die IUV einen Schönheitsfehler: Die Bildungseinrichtung in Wien Neubau ist nämlich keine Universität.

 

Seit 1980 am Markt

Zwar war die 1980 gegründete Einrichtung eine der ersten Privat-Unis Österreichs, doch schon zwei Jahre später stellte der Akkreditierungsrat schwere Mängel fest und entzog der IUV den Universitätsstatus – ein bislang einzigartiger Schritt. Eine weitere Privat-Uni, die IMADEC University in Hietzing, wurde 2006 nicht mehr re-akkreditiert. Beide Einrichtungen bezeichnen sich trotzdem weiterhin als „University“. IMADEC beruft sich auf einen Markennamen, die IUV erklärt auf Anfrage, nach dem amerikanischen System im Bundesstaat Alabama anerkannt zu sein.

„In den USA gibt es sechs regionale Akkreditierungsbehörden, keine davon erkennt die IUV an“, stellt Heinz Kasparovsky klar. Der Jurist leitet die Abteilung für internationales Hochschulrecht des Wissenschaftsministeriums. In den USA gebe es auch viele private Vereine, die Bildungseinrichtungen mit „Gütesiegeln“ auszeichnen – einer staatlichen Anerkennung käme das aber nicht gleich.

Mit dieser Aussage konfrontiert, präzisiert der „Rektor“ der IUV, Wil C. Goodheer, im Gespräch mit „UniLive“ seinen Standpunkt: „Die Akkreditierung als solche gilt als immer wichtiger werdendes Qualitätssiegel und wird vermutlich in Zukunft Teil des Lizenzierungsprozesses in der einen oder anderen Form werden. Aus diesem Grund arbeitet die IUV auch derzeit an der US Akkreditierung.“

Die Wirtschaft sei mit der Qualität der Absolventen aber zufrieden, viele Alumni der IUV hätten überdies ihre Studien an anderen Hochschulen erfolgreich fortgesetzt. Das löst wiederum bei den Experten des Wissenschaftsministeriums Kopfschütteln aus: „Private Personen oder Unternehmen können natürlich immer selbst entscheiden, was ihnen ein bestimmtes Diplom Wert ist“, meint Kasparovsky. Das heißt aber nicht, dass der freie Markt über eine Anerkennung akademischer Grade entscheidet. Was im Klartext bedeutet: die akademischen Grade, die an der IUV erworben werden können, dürften von den Absolventen offiziell gar nicht geführt werden.

„Ich weiß, dass ich als Absolvent der IUV in der EU nicht als Akademiker anerkannt sein werde“, meint Omar Zevallos. „Die Uni arbeitet aber an der Akkreditierung in Österreich und internationale Behörden erkennen die Abschlüsse an.“

Das sehen Experten anders. „Derzeit liegt kein Antrag der IUV auf Akkreditierung vor“, sagt Elisabeth Fiorioli vom Österreichischen Akkreditierungsrat. Als Beispiel für Internationale Organisationen, die IUV-Abschlüsse anerkennen, nennt Zevallos die UNO. Er selbst arbeitet als Praktikant bei den Vereinten Nationen, die IUV sei sehr beliebt bei den Kindern hochrangiger UNO-Mitarbeiter. „UniLive“ hingegen bekam von der UNO eine Liste der von ihr anerkannten Hochschulen. Die IUV steht nicht darauf.

 

Hohe Strafen möglich

Für Absolventen der IUV gilt: Bezeichnen sich Alumni beispielsweise als „Dr. Soundso“, so riskieren sie eine Anzeige und Strafen bis 15.000 Euro (siehe Artikel unten).

Wie sieht es aber auf Hochschulebene aus? Immerhin bezeichnet sich die IUV seit Jahren als „University“. „Das Universitätsgesetz ist hier leider wenig exakt“, meint Erwin Neumeister, Leiter der Rechtsabteilung im Wissenschaftsministerium. „Unsere Rechtsmeinung ist aber, dass der Begriff ,University‘ nur von staatlich anerkannten Hochschulen geführt werden darf.“

Zwei Jahre nach dem Verlust der Akkreditierung der IUV reichte der Akkreditierungsrat im Herbst 2005 eine Sachverhaltsdarstellung bei der zuständigen Behörde ein, dem Bezirksamt Neubau. Warum seither nichts geschehen ist, wissen weder Ministerium noch Akkreditierungsrat. Erst auf mehrmalige Nachfrage erklärt das Bezirksamt, dass seit 2006 ein Verfahren gegen die IUV am Laufen sei – und dass „vor kurzem ein Straferkenntnis erlassen“ worden sei.

„Tatsache ist, dass es kein Strafverfahren gegen die IUV gibt. Es ist allerdings zutreffend, dass es ein Verwaltungsstrafverfahren gegen den Obmann des Vereins (der die Universität betreibt; Anm. d. Red.)gibt“, entgegnet Will C. Goodheer, der im Übrigen sehr irritiert ist, dass Informationen über das Verfahren öffentlich gemacht werden.

Omar Zevallos hat seine eigenen Schlüsse gezogen und wechselte an eine anerkannte Universität.

Auf einen Blick

Die IUV („International University Vienna“) ist eine Bildungseinrichtung in Wien, die angibt, akademische Grade (Bachelor, Master, Doktor) zu verleihen.

Nach dem Gesetz ist die IUV jedoch keine Universität, die verliehenen Diplome sind daher auch nicht staatlich anerkannt.

Absolventen, die die Grade trotzdem führen, machen sich strafbar. Laut Bezirksamt Neubau läuft seit 2006 auch ein Verwaltungsstrafverfahren gegen die „Universität“ selbst.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.12.2008)

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