Erst waren es die psychischen Probleme der Mutter, die den 24-jährigen Stephan belasteten. Als dann auch noch der Prüfungsstress dazukam, wurde alles zu viel. „Irgendwann kam das Gefühl, es geht nicht mehr. Ich wusste mir nicht mehr zu helfen.“ Sein letzter Ausweg: der schwierige Gang zur Psychologischen Studentenberatung in Wien.
Dort erst hat Stephan erfahren, dass er mit seinem Problem schon lang nicht mehr allein ist. Mehr als 4000 Studenten nahmen im Vorjahr lediglich in der Hauptstadt psychologische Hilfe in Anspruch, insgesamt waren es in den heimischen Uni-Städten mehr als 12.000, die sich in rund 37.000Sitzungen beraten ließen. Die Entwicklung ist dramatisch: Seit einigen Jahren wächst die Zahl der Hilfesuchenden konstant an, allein in Wien hat sich die Zahl in den vergangenen zehn Jahren beinahe verdoppelt. Zurückzuführen ist das aber nicht auf die gestiegene Akzeptanz für psychologische Beratung.
Vielmehr hat das Burn-out, bis vor einigen Jahren noch die „Newcomerkrankheit“ in Managerkreisen, nun auch die Unis erreicht, so das Fazit der Experten in den Beratungsstellen. Der Grund? Der Druck auf die Studenten nimmt zu: Ein schnelles Studium, mehrere Fremdsprachen und Praxiserfahrung sind längst Bedingungen, um auf dem Arbeitsmarkt Erfolg zu haben. „Vielen wird der Zwang, so schnell wie möglich zu studieren, zu viel“, sagt Madeleine Garbsch, klinische Psychologin bei der Psychologischen Studentenberatung in der Wiener Lederergasse. Die Auswirkungen sind Versagensängste, Angstattacken, depressive Verstimmungen und Schlafstörungen. Klassische Kennzeichen des Burn-out-Syndroms.
Vor allem der finanzielle Druck ist es, der den Studenten zu schaffen macht. Die Zahl der Hilfesuchenden sei nach der Einführung der Studiengebühren stark angestiegen, heißt es in den Beratungsstellen. Auch die Umstellung auf das Bachelor-Master-System dürfte nicht zur Entlastung beitragen. Die Studienpläne sind noch stärker verschult, der Lern- und Prüfungsstress noch höher.
Nur wegen Kleinigkeiten kommen die wenigsten zur Studentenberatung, die sowohl bei der Studienwahl hilft als auch Betreuung bei Essstörungen, Drogensucht oder Selbstmordgedanken anbietet. Die meisten, genau genommen 39,6 Prozent, melden sich wegen „psychischer Probleme“, das besagt eine interne Statistik. Erst dann folgen Probleme bei der Studienwahl (19 Prozent), Lernschwierigkeiten und Prüfungsangst (14Prozent). Aufschluss geben die Statistiken auch über den Leidensdruck an den verschiedenen Universitäten. Die meisten derer, die sich in Wien an den psychologischen Dienst wenden, stammen von der größten Hochschule, der Uni Wien (63,4Prozent). Weitere 8,8 Prozent kommen von der WU Wien, an der TU Wien studieren 7,9 Prozent der Hilfesuchenden. Besonders häufig in Anspruch genommen werden die Beratungsdienste von Langzeitstudenten und Diplomanden. Sie machen rund 28 Prozent aller Hilfegesuche aus. Weitere 23 Prozent sind Studieninteressenten.
Scheitern? Bei Männern nicht vorgesehen
Die Dunkelziffer jener, die professionelle Unterstützung benötigen würden, schätzen die Psychologen übrigens ungleich höher. Viele Studenten wie Stephan trauen sich nicht, das kostenlose Angebot zu nutzen – aus Angst oder Scham, zum Versager gestempelt zu werden. „Oft kommen Studenten zu uns, die erzählen, dass sie bereits drei Mal vor unserer Tür standen, dann aber nicht den Mut aufbrachten, heraufzukommen“, sagt Garbsch. Auch bei Stephan hat es lange gedauert, bis er offen über seine Probleme sprechen konnte.
„Es war eine große Hürde für mich“, sagt er heute. „Ich habe das alles ewig mit mir herumgeschleppt.“ Stephans Erklärungsansatz: „In unserer Gesellschaft sind psychische Erkrankungen noch immer ein Tabuthema. Vom Zahnarztbesuch erzählt jeder, von einem Termin beim Psychiater keiner.“ Eine öffentliche Diskussion darüber sei „schlicht und einfach nicht erwünscht“. Bis zum heutigen Tage habe auch er nur seiner Partnerin und einigen engen Freunden von seinen Therapiesitzungen erzählt.
Ein Problem, das die Experten nur zu gut kennen. „Probleme zu haben oder gar zu scheitern ist in der heutigen Leistungsgesellschaft nicht vorgesehen“, sagt Garbsch. Vor allem bei Männern. „Bei denen ist die Schwelle, Hilfe zu suchen, noch höher.“ Die Beratungszahlen spiegeln das wider: Knapp 70 Prozent der betreuten Studenten sind – quer durch alle österreichischen Beratungsstellen – weiblich.
■Psychologische Beratungsstellen für Studierende gibt es in jeder Uni-Stadt. Die Angebote können anonym, vertraulich und kostenlos in Anspruch genommen werden.
■Das Angebot umfasst die Beratung bei persönlichen und psychischen Problemen, aber auch Hilfe bei der Wahl des richtigen Studiums. Veranstaltet werden neben Einzel- und Gruppengesprächen oft auch Seminare gegen Prüfungsangst und Lerntrainings.
■Infos unter www.studentenberatung.at
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.09.2009)


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