Studieren im Ausnahmezustand

Von Massenverhaftungen und Entlassungen nach dem gescheiterten Coup ist der Bildungsbereich in der Türkei am stärksten betroffen. Der Lehrbetrieb geht weiter. Genauso wie die Protestwellen.

Proteste gegen die Entlassung von Forschern vor der Ankara Universität in der Hauptstadt.
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Proteste gegen die Entlassung von Forschern vor der Ankara Universität in der Hauptstadt.
Proteste gegen die Entlassung von Forschern vor der Ankara Universität in der Hauptstadt. – (c) REUTERS

Ein Putschversuch erschüttert die Türkei: Die Nachwirkungen der blutigen Nacht vom 15. auf den 16. Juli 2016 sind auch nach über einem Jahr in hohem Maße zu spüren. Die Regierungspartei AKP nimmt den gescheiterten Coup zum Anlass, um erstens die Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen zu zerschlagen, und zweitens, um die Gesellschaft tiefgreifend umzuwälzen und den Idealen der AKP anzugleichen. Es ist die Vision einer islamisch-konservativen, wirtschaftlich stabilen und von allen Seiten unabhängigen Türkei. Um dieses Ziel zu erreichen, müssen Opfer gebracht werden, scheint das Credo der Regierung zu lauten. Zu diesen Opfern zählen Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, darin sind sich sowohl die Regierungskritiker in der Türkei, als auch europäische Beobachter einig.

Kurz nach dem Putschversuch, für den die Gülen-Bewegung verantwortlich sein soll, rief die Regierung den Ausnahmezustand aus, der bis heute anhält. Ankara regiert seither mit Dekreten, und eines der ersten mit der Nummer 667 betraf gleich den Hochschulsektor. Demnach mussten 15 Universitäten die Pforten schließen, Schätzungen zufolge verloren damit rund 2800 Mitarbeiter ihre Stelle.

Den betroffenen Hochschulen wurde ein Naheverhältnis zu Gülen nachgesagt, mit dem Präsident Recep Tayyip Erdoan lange Zeit eine Zweckgemeinschaft eingegangen war, sich vor einigen Jahren aber heillos überworfen hatte. Die Gülen-Bewegung gilt als eine klandestine, religiöse Bewegung, die sich über vier Jahrzehnte lang in wichtigen staatlichen Strukturen gefestigt hat, vor allem bei der Polizei, im Militär und im Bildungssektor. Über ein finanzkräftiges Firmenkonglomerat betrieb die Bewegung Medienhäuser, Finanzinstitute oder eben auch stiftungseigene Hochschulen.

69.301 Studenten im Gefängnis. Die Massenverhaftungen und -entlassungen seit dem Putschversuch betreffen den Bildungsbereich am stärksten. Der Beantwortung einer parlamentarischen Anfrage ist zu entnehmen, dass sich derzeit 69.301 türkische Studenten im Gefängnis befinden, darüber hinaus haben 23.400 Akademiker und Hochschulmitarbeiter ihre Arbeit oder ihre Lizenz verloren. Betroffen sind rund 100 Universitäten im ganzen Land. Mit diesen Maßnahmen trifft die Regierung nicht nur die Gülen-Bewegung, auch linke, kemalistisch-säkular oder prokurdisch eingestellte Kräfte geraten zunehmend ins Visier der AKP. Als Anfang des Jahres 2016 mehrere hundert Akademiker eine Friedenspetition für den Südosten des Landes unterschrieben der Kurdenkonflikt flammte zu diesem Zeitpunkt wieder auf , nahmen die Behörden gegen einen Teil der "Friedensakademiker" Ermittlungen auf. Der Vorwurf lautete: Propaganda für die verbotene kurdische PKK. Nach dem gescheiterten Putsch verloren weitere "Friedensakademiker" per Dekret ihre Arbeit.

Mehrere Top-Universitäten. Universitäten und Hochschulen genießen in der türkischen Gesellschaft grundsätzlich einen hohen Stellenwert. Mehrere Top-Universitäten sind hier beheimatet, viele von ihnen sind jedoch privat und verlangen hohe Studiengebühren (die staatlichen Unis erheben keine Studiengebühren). Die Teilnahme an Programmen wie Erasmus hat sowohl den Lehrbetrieb selbst, als auch die Studenten internationalisiert und positiv beeinflusst.

Während in Ländern wie Österreich und Deutschland für viele Berufe eine eigenes Ausbildungszentrum besucht werden muss, passiert das in der Türkei auf Universitätsebene beispielsweise im Bereich Krankenpflege. Im vergangenen Jahrzehnt hat Ankara den Hochschulsektor sukzessive ausgebaut, parallel dazu und fast schon unverhältnismäßig schnell stieg der Ansturm auf die Unis.

Durchschnittlich bewerben sich jährlich zwei Millionen Türken für ein Studium, die erforderlichen Punkte bei der Zulassungsprüfung für beliebte Fächer wie Jus und Medizin sind entsprechend hoch. Viele Studenten, nicht genügend Lehrpersonal mit diesem Problem mussten sich türkische Hochschuleinrichtungen ohnehin herumschlagen, die Auswirkungen des Putschversuchs haben die Lage nochmals verschärft. Zwar hat die Regierung ein ambitioniertes Hochschulprogramm für die nächsten Jahre angekündigt, nimmt jedoch über den Hochschulrat YÖK immer mehr Einfluss auf die Besetzung von akademischen Führungspositionen.

In den Universitäten selbst nimmt man die Umwälzungen freilich nicht ohne Weiteres in Kauf. Zum einen geht auch in der Post-Putsch-Türkei der akademische Lehrbetrieb weiter, trotz aller Entlassungen und sonstiger Erschwerungen der Umstände. Zum anderen haben im vergangenen Jahr tausende Akademiker, Lehrer und Studenten regelmäßig demonstriert, die Freilassung ihrer Kollegen und ein Ende der Kriminalisierung des Lehrbetriebs gefordert, haben neue Netzwerke gegründet und eine Erhöhung der Qualität im Bildungswesen verlangt.

Der normale Lehrbetrieb, aber auch die Protestwellen, werden sich höchstwahrscheinlich auch im kommenden Semester fortsetzen.

("UniLive"-Ausgabe, 27.09.2017)

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