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Warum Turnusärzte nach Deutschland flüchten

28.09.2010 | 16:31 |  MICHAEL CERNY (Die Presse)

Nach der Hürde Eingangsprüfung folgt nach dem Abschluss das Warten auf einen Turnusplatz. Fast jeder vierte Medizin-Absolvent weicht deshalb nach Deutschland aus. Was dort auf sie wartet?

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Immer mehr Medizin-Absolventen starten ihre Karriere im Ausland, der Großteil in Deutschland. Grund dafür ist das österreichische Turnussystem.

„Ich soll auf einen Turnusplatz warten und dann noch zu den drei Jahren Ausbildung weitere fünf bis sechs Jahre spezifische Facharztausbildung anhängen? Sicher nicht“, sagt Sabrina Jung, eine österreichische Assistenzärztin für Dermatologie, die direkt nach dem Studium eine Ausbildungsstelle in Deutschland angenommen hat. Damit ist sie nicht allein. Von durchschnittlich 1600 österreichischen Universitätsabsolventen gehen jährlich geschätzte 350 bis 400 Jungmediziner nach Deutschland, erläutert Franz Kaiser, Leiter der Organisation „doc and doc“ (www.docanddoc.at) und sieht die lange Wartezeit auf eine Ausbildungsstelle als Hauptgrund für den Schritt ins Nachbarland. Allein er vermittelt als Kooperationspartner der Ärztekammer (ÖÄK) jährlich 120 bis 150 Ärzte an deutsche Spitäler.

 

Vom Hörsaal in den OP

In Österreich führt der Weg zu einer Assistenzstelle meistens über den Turnus, eine dreijährige Ausbildung zum Arzt für Allgemeinmedizin, während man in Deutschland direkt nach der Universität mit dem gewünschten Fach beginnt. So kann man den Facharzt bereits in sechs Jahren erreichen, wofür man in Österreich inklusive Wartezeiten, Turnus und Ausbildung oft zehn oder zwölf Jahre aufwendet.

„Ich wollte klinische Erfahrung sammeln und das gleich in der Richtung, die mich interessiert. In Österreich hätte ich sehr lange darauf warten müssen“, erklärt Jung ihre Motivation. Geschätzte 2000 Krankenhäuser gibt es in Deutschland, in denen viele Stellen zu besetzen sind. So ziemlich jede Fachrichtung wird als Ausbildungsstelle angeboten, darunter viele der in Österreich nur schwer zu belegenden Spezialisierungen wie Orthopädie, Chirurgie oder Dermatologie. Der Turnus bietet in seiner Ausbildungsdauer Einblicke in die verschiedenen Fächer und erleichtert eventuell die Entscheidung zur Berufswahl. Wer aber schon weiß, welchen Weg er einschlagen will, bekommt ohne das „jus practicandi“, das Recht zur selbstständigen Berufsausübung, nur selten eine Ausbildungsstelle. Wer also in Österreich bleiben möchte, kommt um eine gewisse Wartezeit nicht herum.

 

Systemerhalter Turnusarzt

Gleich nach der Wartezeit ist die höhere Entlohnung für den Schritt über die Grenze verantwortlich. Je nach Steuerklasse bezieht ein Berufseinsteiger für 40 Wochenstunden ein Nettojahreseinkommen zwischen 25.600 und 29.500Euro, im Vergleich zu etwa 24.000 Euro als Turnusarzt in Österreich. Würde man den Turnus abschaffen, fehlten den Spitälern kostengünstige Arbeitskräfte.

Wissenschaftsministerin Beatrix Karl zielte zuletzt auf die Abschaffung und Umstrukturierung des Turnus ab. Fertige Akademiker sollten nicht mehr als Systemerhalter dienen, sondern eine gute Ausbildung erfahren. Ob und wann Reformen eingeführt werden, ist unklar.

Erfahrungsberichte von durch „doc and doc“ vermittelten Ärzten zeigen, dass die Anforderungen im Ausland höher sein können als in Österreich. „Ich stehe täglich von 6.30 bis 18 Uhr in der Klinik“, sagt Jung. Bleiben muss sie offiziell nicht so lange, doch sie werde mit der Arbeit sonst nicht fertig. Ruhepausen oder Zeit zum Essen kenne sie nicht. „Ich mache das immer schnell im Gehen.“ Der Tagesablauf startet mit dem Anhängen von Infusionen oder Blutabnahmen bei Patienten und führt anschließend zur Assistenztätigkeit in den Operationssaal. Dort darf sie bereits Eingriffe durchführen, die in Österreich erst nach ein bis zwei Jahren klinischer Erfahrung erlaubt wären.

„Eine Kollegin, die von der Universitätsklinik für Dermatologie am AKH nach Deutschland wechselte, hatte nach kurzer Zeit ihren eigenen OP-Tisch und durfte Operationen durchführen, die selbst ausgebildeteFachärzte ihrer alten Station nur selten machen konnten“, erzählt Kaiser.

Der Gewinn an Möglichkeiten hat aber auch seinen Preis. Die Angst, aus Unerfahrenheit einen Fehler zu begehen, steht laut Jung vor allem am Anfang über allem. Nicht immer sei ein Oberarzt zur Stelle, den man um Hilfe bitten könne. Jedoch seien die hierarchischen Strukturen weniger ausgeprägt als in Österreich, was die Ausbildung sehr fördere. „Für mich ist es ein Sprungbrett, das ich nutzen möchte“, sagt die junge Assistenzärztin. Ob sie danach nach Österreich zurückkehren werde? Sie wisse es nicht. International gebe es zum Teil bessere Bedingungen. Steigende Flexibilität und schwierige Arbeitsbedingungen für Berufseinsteiger könnten Österreichs Gesundheitssystem in Zukunft qualifizierten Nachwuchs kosten.

Auf einen Blick

Wer in Österreich als Arzt arbeiten will,muss in der Regel nach dem Studium den dreijährigen Turnus belegen, der zur freien Berufsausübung berechtigt. Die Absolventen sind dann Ärzte für Allgemeinmedizin.

Das Problem daran ist, dass man insbesondere in den Städten oft lange auf einen Turnusplatz warten muss. Auch die Tätigkeiten während des Turnus selbst werden von vielen kritisiert. Turnusärzte verdienen nämlich vergleichsweise wenig Geld und werden deshalb oft für unqualifizierte Arbeiten herangezogen. Darunter leidet die Ausbildung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.09.2010)

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8 Kommentare
Gast: faux
07.10.2010 15:39
0 0

warum

hört man aber so oft Gegenteiliges von JungmedizinerInen, die in D arbeiten.
Miese Arbeitsverhältnisse, viele Dienste, wenig Urlaub, auch wenig Lerneffekt.

Außerdem existiert ja das Gerücht, dass die Ärzteschaft vom morgentl. Blutabnehmen u. Infusionan Anhängen großteils verschont bleibt (Vergleich siehe oben).

Gast: lovenox
05.10.2010 20:06
0 0

altes thema ohne lösungsausicht

ich bin selbst einer dieser systemerhalter und denke fast täglich drüber nach, warum ich mir das antue.
nach deutschland gehen, kommt für ich zur zeit privat leider nicht in frage.
das thema ist schon soooo alt und generationen von turnusärzten haben sich daran aufgerieben und sind resigniert.
ich kann artikel darüber schon gar nicht mehr lesen.
alle wisse, dass es in Ö scheiße ist - nur ändert sich nichts! die politik versagt hier total. und das geht ALLE parteien an!!!

Gast: Richtig so
05.10.2010 10:00
0 0

Medizinabsolventen - Geht weg!

Ihr habt nur recht, wenn ihr dies macht. Es ist wirklich in Österreich sinnlos eine Ausbildung zu folgen. Besser als Deutschland sind die Schweiz, Niederlande oder Skandinavien... Ärzte weg aus dem Land Österreich. Dann werden sie hoffentlich "aufwachen" und Verbesserungen vornehmen.

Gast: freund der blasmusik
29.09.2010 08:39
0 0

eh super

zuerst bilden wir die ganzen ärzte aus, ein viertel davon deutsche. dann gehen die österreicher und deutschen direkt nach deutschland, und setzen dort ihre ausbildung in geld und vor allem medizinische versorgung um.

wie lange wird schon über das problem mit den turnus-ärzten gesprochen? sind wir wieder selber schuld. und wahrscheinlich alles nur zum vorteil der niedergelassenen ärzte.

Gast: ikea
29.09.2010 08:24
0 0

Relativierung

Ich selbst habe in Ö studiert und zur Hälfte den Turnus in Ö absolviert. Nachdem man aber tatsächlich als Systemerhalter missbraucht wird, der Lerneffekt gleich null ist, man wie der letzte Dreck behandelt wird und im Nachtdienst dann aber allein ist und die volle Verantwortung trägt, habe auch ich eine Ausbildung in D begonnen. Relativieren zu diesem Artikel möchtich aber, dass zum einen ist der Verdienst nur deswegen höher scheint, weil man erstens hier einen Turnus- mit einem Assistenzarztgehalt vergleicht und und die Arbeitszeiten in D beträchtlich länger sind.
Zum anderen ist derzeit eine Kehrtwende zu bemerken. Es kommen keine Turnusärzte mehr nach - das geht in Ö wellenartig alle 20-30 Jahre so. Zuerst zu viele, dann zu wenig. Was also nun zwangsläufig kommen muss ist der sinnvolle Einsatz von TÄ und dazu zählt das Blutabnehmen und Infusionen anhängen sicherlich nicht.
Also her mit den Phlebotomists und Dokumentationsassistenten.
Ich kann nur sagen: Ich bin wieder zurück in Ö und ich möchte nie wieder in D arbeiten müssen.

Gast: deutscher österreicher ;-)
28.09.2010 21:31
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das haben die österreicher nicht anders verdient...

WER, bitte WER will denn noch in Österreich arbeiten? Zumindest wer von denjenigen, die einen anspruchsvollen Beruf erlernt haben, mit der (berechtigten) Vorstellung, nebenher auch noch ein Privatleben zu haben und sich und seiner Familie davon etwas verdienten Wohlstand zu verschaffen...

Ganz Österreich ist dem Diktat der umverteilungswütigen Sozialisten-Mafia unterworfen! Wenn ich mir den Schieder anhöre kommt mir das Kotzen..., von wegen "reich" beginnt bei 4000,- brutto/Monat - der wahnsinnige Populist will uns verkaufen, dass man mit <2500 netto/Monat REICH ist??? wie krank sind diese Politiker??

Ich kann JEDEM empfehlen Österreich den Rücken zu kehren. Leistung lohnt nicht - Verdienter Wohlstand wird diffamiert, jetzt kommen die Roten und wollen erarbeitetes (und bereits mit 50% versteuertes!!!) Vermögen besteuern. Staatlich legitimierter Diebstahl ist das!!!

ÖSTERREICH schafft sich ab!!!

Gast: deutscherBürger
28.09.2010 18:17
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cool

besser geht's nicht!
toll, wie müssen dabei nicht einmal geld für die ausbildung dieser ärzte zahlen!

Antworten Gast: Ösi5
29.09.2010 21:10
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Re: cool

Ja, Österreich ist selbst schuld. Zuerst die Ausbildung für die Deutschen finanzieren und dann auch noch die Österreicher durch die schlechten Arbeitsbedingungen vertreiben.
Kein Wunder, dass so viele ausweichen. Wenn sich die Ausbildung-AUSBILDUNG und nicht AUSNÜTZUNG- der AbewrJungmediziner in Ö nicht schleunigst verbessert, werden immer mehr flexible junge Leute ins Ausland gehen.
Aber Ö wird wohl erst reagieren wenn es zu spät ist und dann ganz überrascht vor einem akuten Ärztemangel stehen....


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