Immer mehr Medizin-Absolventen starten ihre Karriere im Ausland, der Großteil in Deutschland. Grund dafür ist das österreichische Turnussystem.
„Ich soll auf einen Turnusplatz warten und dann noch zu den drei Jahren Ausbildung weitere fünf bis sechs Jahre spezifische Facharztausbildung anhängen? Sicher nicht“, sagt Sabrina Jung, eine österreichische Assistenzärztin für Dermatologie, die direkt nach dem Studium eine Ausbildungsstelle in Deutschland angenommen hat. Damit ist sie nicht allein. Von durchschnittlich 1600 österreichischen Universitätsabsolventen gehen jährlich geschätzte 350 bis 400 Jungmediziner nach Deutschland, erläutert Franz Kaiser, Leiter der Organisation „doc and doc“ (www.docanddoc.at) und sieht die lange Wartezeit auf eine Ausbildungsstelle als Hauptgrund für den Schritt ins Nachbarland. Allein er vermittelt als Kooperationspartner der Ärztekammer (ÖÄK) jährlich 120 bis 150 Ärzte an deutsche Spitäler.
Vom Hörsaal in den OP
In Österreich führt der Weg zu einer Assistenzstelle meistens über den Turnus, eine dreijährige Ausbildung zum Arzt für Allgemeinmedizin, während man in Deutschland direkt nach der Universität mit dem gewünschten Fach beginnt. So kann man den Facharzt bereits in sechs Jahren erreichen, wofür man in Österreich inklusive Wartezeiten, Turnus und Ausbildung oft zehn oder zwölf Jahre aufwendet.
„Ich wollte klinische Erfahrung sammeln und das gleich in der Richtung, die mich interessiert. In Österreich hätte ich sehr lange darauf warten müssen“, erklärt Jung ihre Motivation. Geschätzte 2000 Krankenhäuser gibt es in Deutschland, in denen viele Stellen zu besetzen sind. So ziemlich jede Fachrichtung wird als Ausbildungsstelle angeboten, darunter viele der in Österreich nur schwer zu belegenden Spezialisierungen wie Orthopädie, Chirurgie oder Dermatologie. Der Turnus bietet in seiner Ausbildungsdauer Einblicke in die verschiedenen Fächer und erleichtert eventuell die Entscheidung zur Berufswahl. Wer aber schon weiß, welchen Weg er einschlagen will, bekommt ohne das „jus practicandi“, das Recht zur selbstständigen Berufsausübung, nur selten eine Ausbildungsstelle. Wer also in Österreich bleiben möchte, kommt um eine gewisse Wartezeit nicht herum.
Systemerhalter Turnusarzt
Gleich nach der Wartezeit ist die höhere Entlohnung für den Schritt über die Grenze verantwortlich. Je nach Steuerklasse bezieht ein Berufseinsteiger für 40 Wochenstunden ein Nettojahreseinkommen zwischen 25.600 und 29.500Euro, im Vergleich zu etwa 24.000 Euro als Turnusarzt in Österreich. Würde man den Turnus abschaffen, fehlten den Spitälern kostengünstige Arbeitskräfte.
Wissenschaftsministerin Beatrix Karl zielte zuletzt auf die Abschaffung und Umstrukturierung des Turnus ab. Fertige Akademiker sollten nicht mehr als Systemerhalter dienen, sondern eine gute Ausbildung erfahren. Ob und wann Reformen eingeführt werden, ist unklar.
Erfahrungsberichte von durch „doc and doc“ vermittelten Ärzten zeigen, dass die Anforderungen im Ausland höher sein können als in Österreich. „Ich stehe täglich von 6.30 bis 18 Uhr in der Klinik“, sagt Jung. Bleiben muss sie offiziell nicht so lange, doch sie werde mit der Arbeit sonst nicht fertig. Ruhepausen oder Zeit zum Essen kenne sie nicht. „Ich mache das immer schnell im Gehen.“ Der Tagesablauf startet mit dem Anhängen von Infusionen oder Blutabnahmen bei Patienten und führt anschließend zur Assistenztätigkeit in den Operationssaal. Dort darf sie bereits Eingriffe durchführen, die in Österreich erst nach ein bis zwei Jahren klinischer Erfahrung erlaubt wären.
„Eine Kollegin, die von der Universitätsklinik für Dermatologie am AKH nach Deutschland wechselte, hatte nach kurzer Zeit ihren eigenen OP-Tisch und durfte Operationen durchführen, die selbst ausgebildeteFachärzte ihrer alten Station nur selten machen konnten“, erzählt Kaiser.
Der Gewinn an Möglichkeiten hat aber auch seinen Preis. Die Angst, aus Unerfahrenheit einen Fehler zu begehen, steht laut Jung vor allem am Anfang über allem. Nicht immer sei ein Oberarzt zur Stelle, den man um Hilfe bitten könne. Jedoch seien die hierarchischen Strukturen weniger ausgeprägt als in Österreich, was die Ausbildung sehr fördere. „Für mich ist es ein Sprungbrett, das ich nutzen möchte“, sagt die junge Assistenzärztin. Ob sie danach nach Österreich zurückkehren werde? Sie wisse es nicht. International gebe es zum Teil bessere Bedingungen. Steigende Flexibilität und schwierige Arbeitsbedingungen für Berufseinsteiger könnten Österreichs Gesundheitssystem in Zukunft qualifizierten Nachwuchs kosten.