Die Presse: Ein Bilanzminus von 3,3 Millionen Euro im Vorjahr, der Entgang von 3,8 Millionen Euro durch den Wegfall der Studiengebühren und die Streichung von vier von fünf Lehramtsstudien. Haben Sie Ihren neuen Job als TU-Rektorin schon satt?
Sabine Seidler: Nein ich hab meinen neuen Job noch nicht satt.
Sie haben selbst gesagt, dass Sie derzeit keine Handlungsfähigkeit haben.
Das ergibt sich aus unserer Finanzsituation. Ich betrachte das als Herausforderung.
Die TU kämpft gegen die Pleite. Sie haften als Rektorin persönlich. Werden Sie die Leistungsvereinbarungen aus Selbstschutz nicht unterschreiben, wenn es nicht mehr Geld oder Zugangsbeschränkungen geben wird?
Das ist keine Frage des Selbstschutzes, sondern eine Frage der Verantwortlichkeit dem Haus gegenüber. Wir benötigen ein Budget, das unsere Arbeitsfähigkeit erhält. Es kann nicht wie in der Vergangenheit sein, dass in vollem Bewusstsein eine Leistungsvereinbarung unterzeichnet wird, bei der das Geld nicht ausreichen wird – in der Hoffnung, dass es schon irgendwie gehen wird.
Was, wenn es nicht mehr Geld gibt?
Wir haben einen Rahmen definiert. Wenn das Angebot des Ministeriums kleiner ist als dieser, werden wir versuchen, weiter zu verhandeln. Was kommt, wenn wir nicht unterschreiben, ist ein Notbudget, und das wollen wir nicht.
Wäre es in letzter Konsequenz eine Option, die Leistungsvereinbarungen nicht zu unterschreiben?
Ja, natürlich.
Wie viel Geld benötigen Sie?
Im Wissenschaftsbetrieb kann man jede Zahl nach oben offen nennen.
Können Sie eine Mindestzahl verraten?
Sie haben sicher Verständnis dafür, dass ich während der laufenden Verhandlungen diese Zahl noch nicht nenne.
Wie problematisch sind die Sparmaßnahmen angesichts des steigenden Technikerbedarfs?
Die Anfängerzahlen mit den vorhandenen Ressourcen so zu bewältigen, dass zum Schluss die Absolventenzahl steigt, ist schwierig. Wir haben 60 bis 70 Prozent Drop-outs in allen Studienrichtungen. Wir sehen einen erfreulich hohen Ansturm zu Beginn, mit dem anschließenden Problem, dass die Ressourcen nicht ausreichen, um die Flaschenhälse zu bewältigen.
Im Fach Informatik hat man bereits reagiert. Ab Herbst werden nur noch 420 Studenten zum praktischen Teil zugelassen. Eine Option auch für andere Fächer?
Derartige Maßnahmen sind zumindest für das kommende Wintersemester nur in der Informatik vorgesehen. Wir haben natürlich andere Studienrichtungen, in denen wir ähnliche Probleme haben. In der Architektur wie auch im Wirtschaftsingenieurwesen und im Maschinenbau haben wir die Kapazitätsgrenzen bereits überschritten.
Wenn Sie von Kapazitätsgrenzen sprechen: Sprechen Sie da von den Betreuungsverhältnissen, oder geht es dabei auch um die Infrastruktur?
Wir brauchen beides. Deshalb ist unser Problem verschärfter als jenes der traditionell überlaufenen Fächer.
Sollte es Zugangsbeschränkungen auch angesichts mangelnder Infrastruktur geben?
Ja. Sonst produzieren wir Wartelisten. Wir haben aber auch ein Umverteilungsproblem. Ein Beispiel dafür ist die Informatik. Es gibt zwar sieben Ausbildungsstätten dafür. Das Ressourcenproblem gibt es in dem Ausmaß aber nur an der TU Wien. Das spricht zwar für unser Studium. Tatsächlich muss man sich aber überlegen, wie man Studierendenströme lenken kann.
Das sollte Teil des Hochschulplans sein. Haben Sie die Hoffnung, dass das dadurch besser wird?
Der Hochschulplan ist Koalitionsangelegenheit, und ich muss ehrlich sagen, ich bin nicht sehr optimistisch, dass sich da in der nächsten Zeit wahnsinnig viel bewegt.
Das Wissenschaftsministerium fordert die Unis auf, mehr Sponsoren zu finden. Wie wichtig ist das?
Österreich ist ein relativ kleines und überschaubares Land, mit einer überschaubaren Anzahl an Personen, die überhaupt in der Lage sind, Sponsoring durchzuführen. Wir sind als österreichische Uni international nicht so gewaltig, als dass wir für internationale Geldgeber spannend wären. Eine Idee wäre, das ganze Sponsoring thematisch aufziehen. Man könnte versuchen, durch die Forschungsleuchttürme, die es im Land gibt, Geld zu akquirieren. Im Übrigen würde kostendeckende Drittmittelforschung das Thema Sponsoring relativieren.
Wie groß ist dabei die Gefahr einer Beeinflussung durch die Wirtschaft?
Zu einer Beeinflussung gehören immer zwei. Dass der Versuch gemacht werden wird, steht für mich außer Zweifel. Die Frage ist, ob es gelingt, sich dagegen zu wehren. Entscheidend dabei ist auch die politische Unterstützung.
Sabine Seidler (50) ist seit Oktober 2011 Rektorin der TU Wien und damit die erste Frau an der Spitze einer technischen Uni in Österreich. Die aus Deutschland stammende Werkstofftechnikerin ist seit 1996 an der TU Wien und war somit auch die erste Professorin dieser Uni. Sie ist Mutter zweier Töchter. [APA]
("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.07.2012)
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