Wien/Brüssel. Der viel beschworene Ärztemangel scheint Realität zu werden: Bis zum Jahr 2030 könnten in Österreich bis zu 10.000 Ärzte fehlen. Diese Ergebnisse liefert die lange erwartete Ärztebedarfsstudie, die am Freitag von Ärztekammer, Gesundheits- und Wissenschaftsministerium präsentiert wurde. Besonders eng wird es in der Kinderpsychiatrie, der Gynäkologie, der Urologie sowie bei den HNO-Ärzten. Bereits jetzt gibt es zu wenig Fachärzte in diesen Bereichen.
Die erwartete Reaktion der Regierung – nämlich die Kapazitäten der Med-Unis zu erhöhen – bleibt aber aus: Zusätzliche Studienplätze werde es nicht geben, erklärte Wissenschaftsminister Karlheinz Töchterle (ÖVP) bei der gemeinsamen Pressekonferenz mit Gesundheitsminister Alois Stöger (SPÖ) und Ärztekammerpräsident Artur Wechselberger. Mit 23,6 Medizinabsolventen auf 100.000 Einwohner sei Österreich Europa-Spitze, sagt Töchterle.
Die eigentliche Herausforderung sei es, die Absolventen nach Abschluss der Ausbildung in Österreich zu halten. Und dafür müsse man insbesondere die Attraktivität des Arbeitsmarktes für junge Mediziner erhöhen: „Das liegt allerdings außerhalb meines Zuständigkeitsbereiches“, so Töchterle.
Medizinerquote bis Ende 2016?
Die Studie verfolgt nicht zuletzt auch einen konkreten politischen Zweck. Sie soll in Brüssel vor der EU-Kommission als Argument für die Verlängerung der „Medizinerquote“ dienen. Im November läuft nämlich die Frist für jene Quotenregelung aus, mit der die Republik 75 Prozent aller Plätze für das Medizinstudium an österreichische Maturanten vergeben kann.
Diese widerspricht eigentlich dem europäischen Gleichheitsgrundsatz. Im Jahr 2007 erklärte sich die Kommission allerdings bereit, für zunächst fünf Jahre keine rechtlichen Schritte gegen Österreich zu setzen. Die Republik müsse Brüssel im Gegenzug jährlich auf objektiv nachvollziehbare Weise darlegen, wieso ein Ende der Quote das österreichische Gesundheitswesen gefährden würde.
Darum legte Töchterle die Studie seinem Antrag an die Kommission um Verlängerung der Quotenlösung bis 31. Dezember 2016 bei. Am Freitag kam dieses Schreiben in Brüssel an, bestätigte der Sprecher von EU-Bildungskommissarin Androulla Vassiliou. „Wir sind einer Verlängerung gegenüber aufgeschlossen. Aber selbst wenn wir der Verlängerung zustimmen sollten, wird das nur eine Übergangslösung sein“, sagte er zur „Presse“.
Ein EU-weites Modell zum gegenseitigen Ersatz der Kosten ausländischer Studenten hingegen hält die Kommission für unrealistisch. Salzburgs Landeshauptfrau Gabi Burgstaller (SPÖ) hatte am Donnerstag in Brüssel bei einem Treffen mit Vassiliou so ein Modell aufs Tapet gebracht. Kaum ein anderes der 27 EU-Mitgliedsländer würde das unterstützen – zu unterschiedlich seien die nationalen Finanzierungsmodelle.
Ausbildung nach Uni verbessern
Sollte die Regelung nicht verlängert werden, würde das den Ärztemangel empfindlich verschärfen: 2500 Mediziner könnten dadurch zusätzlich fehlen. 75 Prozent der ausländischen Medizinstudenten verlassen Österreich wieder.
Zusätzlich zu jenen 2500 Medizinern, die abwandern, geht die Studie – die bereits im Vorjahr erscheinen hätte sollen – davon aus, dass bis zum Jahr 2030 bis zu 2500 Allgemeinmediziner und bis zu 5200 Fachärzte fehlen könnten. Stöger setzt in diesem Zusammenhang vor allem auf eine Attraktivierung der Ausbildung nach dem Studium, insbesondere die Ausbildung von Allgemeinmedizinern müsse verbessert und gestärkt werden.
Auch Ärztekammerpräsident Wechselberger sieht einen zentralen Angelpunkt in einer Verbesserung der Ausbildung nach Uni-Abschluss: Es müsse eine verpflichtende einjährige Lehrpraxis und einen sinnvollen Einsatz von Turnusärzten geben. Diese würden derzeit „nur als Systemerhalter“ in den Spitälern genutzt.
Detail am Rande: Die einzige Fachrichtung, in der kein Mangel droht, ist die Zahnmedizin.
Die Ärztebedarfsstudie der Gesundheit Austria GmbH prognostiziert einen Mangel von 10.000 Medizinern bis zum Jahr 2030. Zusätzliche Studienplätze wird es dennoch nicht geben. Eine zentrale Rolle wird die künftige Regelung für ausländische Medizinstudenten, über die derzeit mit der EU-Kommission verhandelt wird, spielen. Derzeit sind 75 Prozent der Plätze für Österreicher reserviert.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.07.2012)
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