Migranten: Rot-Weiß-Rot-Card auch für Bachelor

Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz (ÖVP) will Akademikerflucht bekämpfen. Im Studienjahr 2010/11 waren an heimischen Hochschulen 77.827 ausländische Studierende inskribiert.

RotWeissRotCard auch fuer auslaendische
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RotWeissRotCard auch fuer auslaendische
(c) APA/FRANZ NEUMAYR (FRANZ NEUMAYR)

Wien/APA/J.N./Red. Integrationsstaatssekretär Sebastian Kurz (ÖVP) will mehr ausländischen Akademikern nach ihrem Studium eine Arbeit in Österreich ermöglichen. Er fordert deshalb Erleichterungen bei der „Rot-Weiß-Rot-Card“. Dieses der amerikanischen „Green Card“ nachempfundene Dokument, das Migranten eine Arbeitsbewilligung in Österreich zusichert, sollen künftig auch Akademiker, die in Österreich einen Bachelor-Abschluss gemacht haben, bekommen.
Derzeit erhalten ausländische Absolventen nämlich nur dann die Rot-Weiß-Rot-Card, wenn sie einen Job auf „akademischem Niveau“ gefunden haben und mehr als 1903 Euro verdienen. Außerdem müssen sie mindestens einen Abschluss eines Master- oder Diplomstudiums nachweisen.

„Bei uns Steuern zahlen“

Letzteres will Kurz nun ändern und in Zukunft auch schon einen Bachelor-Abschluss anerkennen. „Wir bilden junge Menschen mit Steuergeld bei uns in Österreich aus – aber arbeiten und Steuern zahlen tun sie dann woanders. Das ist nicht o. k.“, erklärt der Staatssekretär seinen Vorstoß in einer Stellungnahme gegenüber der Austria Presse Agentur (APA).

Aus Angst davor, dass zu viele Studierende nach ihrem Abschluss in Österreich bleiben würden, habe man 2010 die Beschränkung auf den Master beschlossen. „Jetzt wissen wir, wir haben durchaus Bedarf an gut ausgebildeten jungen Menschen, die dann auch in Österreich bleiben und hier Steuern zahlen“, erklärte der Staatssekretär gegenüber der „Zeit im Bild“ am Samstag.

Derzeit bleiben, wie „Die Presse“ vergangene Woche exklusiv berichtet hat, nur rund 16 Prozent der nicht-EU-ausländischen Studierenden nach ihrem Hochschulabschluss in Österreich. Womit das Land im internationalen Vergleich schlecht dasteht: Deutschland kann immerhin 25 Prozent seiner ausländischen Absolventen halten, in Kanada sind es sogar 33 Prozent.
Im ersten Jahr seit Einführung der Rot-Weiß-Rot-Card im Juli 2011 haben bisher nur 222 Studienabsolventen einen Antrag darauf gestellt. Im Vorjahr haben allerdings 1284 Nicht-EU-Bürger in Österreich ein Studium abgeschlossen – für sie könnte die von Kurz vorgeschlagene Änderung eine Erleichterung bedeuten.

Ein Fünftel ausländische Studierende

Im Studienjahr 2010/11 waren insgesamt 77.827 ausländische Studierende an den heimischen Hochschulen inskribiert – mehr als ein Fünftel der insgesamt 350.000 Studierenden, die Österreich in diesem Jahr verzeichnete.
Mit seiner Ankündigung, auch Bachelorabsolventen Zugriff auf die Rot-Weiß-Rot-Card gewähren zu wollen, kommt Kurz einer aktuellen Forderung der Fachhochschulkonferenz und der Hochschülerschaft nach. Diese hatten sich am Wochenende der Forderung der Wirtschaftskammer angeschlossen, die Rot-Weiß-Rot-Card solle anders als bisher nicht nur an Diplom- und Masterabsolventen erteilt werden, sondern auch an Absolventen eines Bachelorstudiums.

Die Fachhochschulabsolventen seien bereits nach Abschluss eines Bachelorstudiums „Job-ready“, sagt etwa Helmut Holzinger, der Präsident der Fachhochschulkonferenz.

Jährlich 20.000 Auswanderer

Sorgen sollte der Politik aber nicht nur die Frage bereiten, wie ausländische Absolventen in Österreich gehalten werden können – auch der „Brain Drain“, also die Abwanderung heimischer Akademiker ins Ausland, kostet den Staat jedes Jahr Ressourcen. An die 20.000 Österreicher sind es, die jährlich auswandern – dem Migrationsforscher und Vizerektor der Universität Wien Heinz Fassmann zufolge, handelt es sich bei den Abwanderern hauptsächlich um „überwiegend junge und hoch qualifizierte“ Arbeitskräfte.
Mehr als zwei Drittel der Auswanderer verfügen demnach mindestens über die Matura – wobei genaue Zahlen fehlen würden, sagt der Experte. Weswegen sich auch keine genaue Statistik des „Brain Drain“ erstellen lässt – in der die 20.000 Abwanderer jenen 15.000 Österreichern gegenübergestellt werden, die jedes Jahr wieder in ihre Heimat zurückkehren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.08.2012)

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